Eine geballte Faust ist bei dem nüchternen VfB-Coach schon fast eine emotionale Entgleisung. Foto: dpa

Der Trainer des VfB Stuttgart, Tayfun Korkut, wurde bei Dienstantritt mit Häme überschüttet. Nach den jüngsten Erfolgen gilt er bei vielen Fans fast als Heilsbringer. Er selbst weiß um das Auf und Ab des Trainergeschäfts.

Stuttgart - Tayfun Korkut kann eine seiner dichten Augenbrauen gekonnt nach oben ziehen. Dem Außenstehenden mag diese Körpersprache vielversprechend erscheinen, signalisiert sie doch ein interessiertes Aufhorchen. Aber genau genommen ist das Mienenspiel des 43-jährigen Fußballlehrers das Gegenteil. Denn wenn er diesen Gesichtsmuskel beansprucht, schaltet er auf Abwehr. Korkut zeigt in dem Augenblick, dass er die Frage – nehmen wir zum Beispiel die nach dem sehr akzeptablen Tabellenstand des VfB Stuttgart – zwar versteht, und die positive Entwicklung auch für ihn reichlich Gesprächsstoff bietet. Er signalisiert aber auch, dass er nicht bereit ist, darauf einzugehen.

Kurz und knapp kommen Korkuts Antworten in solchen Momenten. „Ich würde gerne mehr erzählen, aber das kann und will ich nicht“, begründet er seine öffentliche Zurückhaltung in der großen VfB-Debatte zwischen ewigem Abstiegskampf und ersten Europapokalträumen. Spröde kann das wirken – und das ist genau das Bild, das sich in Fußballdeutschland zunächst von dem Deutschtürken verfestigt hat: Tayfun Korkut ist ein bestenfalls sachlich, nüchterner Trainer, im schlimmsten Fall ist er jedoch eine staubtrockene Figur. Und er mag zwar sein Handwerk verstehen, ein Aufbruchsignal geht von ihm aber nicht aus.

Nur der Klassenverbleib zählt

Doch der stets höfliche Korkut kann auch anders. Er kann witzig sein, spannend über Fußball berichten und den Sport bis in letzte taktische Winkel ausleuchten. Was er jedoch am besten beherrscht, ist, sich einer kritischen Situation anzupassen. Diese mit all den Widrigkeiten anzunehmen, die sich im Tabellenkeller der Bundesliga stellen. So gibt es für den neuen Chefcoach des VfB aktuell nur einen Leitgedanken: Er will mit den Stuttgartern den Klassenverbleib sichern. Alles andere zählt nicht – und es interessiert ihn in seinem Tun auch nicht weiter.

Pragmatismus pur. Das tut dem VfB momentan gut, da sich seit seinem Amtsantritt vor sieben Wochen auch die öffentliche Wahrnehmung Korkuts verändert hat. Er selbst ist in seiner unaufgeregten Art aber derselbe geblieben. Für viele Fans kam er am 29. Januar als Verlierer, nun ist er auf dem besten Weg, ein Siegertyp zu werden. Das offenbart, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist. Es zeigt aber auch die gedankliche Elastizität vieler Kritiker, die alle vorher gewusst haben, wie gut der Trainer ist.

Muss sich da jemand entschuldigen?

Doch der Imagewandel hat sich nur mit dem Erfolg vollzogen – und noch immer behalten sich viele Schwaben eine Portion Skepsis vor. Zu oft sind sie enttäuscht worden, nach anfänglichen Trainererfolgen. Im Fall Korkut waren die großen Diskussionen von einer kleinen Zahl bestimmt: 1,08 Punkte pro Erstligaspiel im Schnitt hatte die Statistik auf seinen Stationen in Hannover und Leverkusen ausgewiesen. Mehr nicht. Mehr brauchte es in den sozialen Netzwerken auch nicht, um ein vernichtendes Urteil zu fällen.

Jetzt sind es vor dem Baden-Württemberg-Derby an diesem Freitagabend beim SC Freiburg in sechs Spielen bereits 14 Punkte unter Korkut für den VfB. Unbesiegt ist der Trainer bislang mit seinem Team, auf dem besten Weg, das Saisonziel zu erreichen, und im Vergleich mit seinem Vorgänger Hannes Wolf (Punkteschnitt in der ersten Liga 1,0) sogar ein Punktekönig. Da könnten die Verantwortlichen auf der Geschäftsstelle schon einmal auf die Idee kommen, vor der Tür nach einer Menschenschlange der Fans zu suchen, die Einlass gewährt, um bei Präsident Wolfgang Dietrich und Sportvorstand Michael Reschke Abbitte zu leisten.

Bis zur Mercedesstraße hinaus müsste eigentlich die Schar derer reichen, die sich schon seit Tagen anstellen – so viel verbale Prügel musste das Führungsduo nach der Trennung von Hannes Wolf und der Verpflichtung von Tayfun Korkut einstecken. „Wir wussten, dass es für die Entscheidung Kritik hageln würde, aber wir haben sie aus Überzeugung getroffen und nicht, um Applaus zu bekommen“, sagt Michael Reschke. Auf allen Kanälen wurde dabei die Grenze des Zumutbaren ausgetestet und häufiger auch überschritten.

Korkuts Berufung: das Ende einer romantischen Idee

Das hat wehgetan, und es schmerzt Wolfgang Dietrich noch immer, dass ihm und seinen Leuten nicht zugetraut wurde, verantwortungsvoll im Sinne des VfB zu handeln. Nach den aufregenden, aber auch anstrengenden Monaten des Aufstiegs und der Ausgliederung spürte der Vereinschef auf einmal, wie rasch der zuvor angehäufte Kredit bei den Anhängern und Mitgliedern wieder verspielt ist. Von Wort- und Vertrauensbruch war die Rede, weil der bei den Fans beliebte und in Fachkreisen geschätzte Hannes Wolf gehen musste.

Unzählige Anhänger kündigten an, ihre Dauerkarten nicht mehr nutzen zu wollen. Viele Mitglieder wollten wieder aus dem Verein austreten, weil sie sich verraten und verkauft fühlten – den sieben Niederlagen in den acht zuvor absolvierten Ligapartien zum Trotz. Es schien das Ende zwischen dem VfB und jenem Teil der Fans, welcher der romantischen Idee anhing, ihr Lieblingsclub werde mit einem jungen Coach an der Seitenlinie und einer jungen Elf auf dem Rasen die Herzen, zumindest aber die Bundesliga, im Sturm erobern.

Die Fakten lesen sich seither anders: Tabellenrang zehn mit neun Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz, etwa 300 Mitglieder sind in der heißen Phase ausgetreten, im gleichen Zeitraum kamen aber 700 neue hinzu. Von zurückgeschickten Dauerkarten weiß auf der Geschäftsstelle niemand etwas, aber davon, dass einige Austritte zurückgenommen wurden. Die Hochkonjunktur der Schwarzmalerei unter dem weiß-roten Anhang ist vorerst passé. Mit groben Strichen hatten die Fans ein düsteres Bild gepinselt und den VfB der zweiten Liga entgegentaumeln sehen. Jetzt erstrahlt die Zukunft wieder in Weiß, weil Korkut dem VfB innerhalb kurzer Zeit gegeben hat, was ein Verein in aufgeregten Tagen immer gut gebrauchen kann: Ruhe.

Einst musste sich der Trainer vor den türkischen Fans verstecken

Korkut hat sich weder von der Empörung zum Empfang beeindrucken lassen, noch beeinflusst ihn die nun vorherrschende Erleichterung. Dafür kennt er die emotionale Seite des Geschäfts zu gut. Lange spielte er für die Istanbuler Renommierclubs Fenerbahce und Besiktas. Der frühere türkische Nationalspieler musste schon versteckt im Fonds einer Limousine aus dem Stadion gefahren werden, da man wegen der aufgebrachten Fans um Leib und Leben der Profis fürchteten. So einen haut es im Abstiegskampf nicht gleich um – dachten sich Dietrich und Reschke.

„Tayfun Korkut weiß, wie man im Profifußball mit Druck umgeht“, sagte Dietrich unmittelbar nach der Verpflichtung. Doch so richtig wollte das keiner hören, damals. Der Aufschrei rund um den Wasen war so laut, dass die Stimmen der Vernunft untergingen. Zwischentöne werden in einer aufgeheizten Branche ohnehin gerne überhört. Genugtuung verspürt der 69-jährige Clubboss deshalb nicht. Eher ist er glücklich, dass der VfB nach Jahren mal wieder in die Lage kommen könnte, seine Zukunftsplanung frühzeitig umzusetzen.

Wenngleich es aus Reschke schon herausbrechen kann, dass die sportlichen Entscheidungen im Winter nicht die schlechtesten waren. Mario Gomez? Ein Glücksgriff und besser als sein Vorgänger Simon Terodde, wie vor zwei Wochen im direkten Vergleich beim 1. FC Köln zu sehen war. Erik Thommy? Zuvor ein Nobody im Kader des FC Augsburg, aber schnell eine Bereicherung für das Stuttgarter Spiel. Und Tayfun Korkut? Zuckt nur mit der Augenbraue, wenn der gebürtige Stuttgarter auf seine Erfolgsserie angesprochen wird.

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