Der VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo kann es kaum fassen. Seine Mannschaft hat in Mainz schon wieder eine Chance verpasst. Foto: dpa/Torsten Silz

Die Nullnummer des VfB Stuttgart in Mainz zeigt, dass das Zwischenhoch vorüber ist. Und nun geht es zum Kellerduell nach Berlin. Ist die Elf von Pellegrino Matarazzo bereit für dieses immens wichtige Spiel?

Diese Chance hat sich Andreas Bockius natürlich nicht entgehen lassen. Der Stadionsprecher mit der lockeren Zunge holte flugs sein Mikrofon aus der Hosentasche und wünschte sich nach der gelungenen Fangaktion eines Zuschauers den Ball zurück. Hoch und weit war die Kugel geflogen – bis unter das Tribünendach beim FSV Mainz 05. Ein Klassiker für Abwehrspieler im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga. Sie sollen im Zweifel keine Kompromisse eingehen und das Spielgerät schlicht aus der Gefahrenzone schlagen. Hiroki Ito hat sich wenige Minuten vor dem Abpfiff daran gehalten. Der Japaner in Diensten des VfB Stuttgart, ansonsten ein Verteidiger der feineren Art, klärte vor dem heranstürmenden Marcus Ingvartsen traditionell. Weg das Ding!

 

Eine Szene mit Symbolcharakter für die Nullnummer des VfB in Mainz. Das Ganze war nicht schön, vielmehr pragmatisch und belegte, wie die Stuttgarter die Aufgabe angingen: mit den Mainzer Mitteln. Rennen, kämpfen, Körper bringen. „Defensiv haben wir eine gute Leistung geboten“, sagt der Trainer Pellegrino Matarazzo. Dafür hatte er in Abwesenheit von Wataru Endo (Corona-Infektion) und Atakan Karazor (gesperrt) Waldemar Anton nach seiner Sperre im defensiven Mittelfeld aufgeboten. Als Prellbock vor der Abwehr. Anton sollte Zweikämpfe gewinnen, Anton sollte Kopfballduelle für sich entscheiden, und Anton sollte einfach spielen. Das alles tat er – mit dem Effekt, dass es dem Stuttgarter Spiel an der fußballerischen Note fehlte, die es zuletzt mehrfach ausgezeichnet hatte.

Zum Siegen verdammt

Verbunden mit der erneut schwachen Chancenverwertung verstärken sich so wieder die Zweifel am Klassenverbleib der Stuttgarter. Gerade vor dem wichtigen Auswärtsspiel am Sonntag (17.30 Uhr) bei Hertha BSC. Ist der VfB also nach zuletzt drei nicht gewonnenen Spielen bereit für das emotional aufgeladene Kellerduell in Berlin? Ist der VfB im Olympiastadion nach den Ergebnissen des 30. Spieltages gar zum Siegen verdammt, um die Erstklassigkeit direkt zu erhalten?

Gefühlt lauten die Antworten für viele Fans nein und ja. Die Stuttgarter haben es seit dem 3:2-Erfolg gegen den FC Augsburg versäumt, deutlicher zu punkten. Unentschieden in Bielefeld, Niederlage gegen Borussia Dortmund, Unentschieden in Mainz. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die mangelnde Effizienz vor dem Tor durch. Ein Manko, das während eines Zwischenhochs behoben schien. Ein Defizit aber auch, das sich aus der fehlenden Qualität ergibt.

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Die Offensivkräfte Sasa Kalajdzic, Tiago Tomas, Omar Marmoush und Chris Führich kamen diesmal nicht wie zuvor zum Zug. Sie verstrickten sich im Defensivnetz der Nullfünfer. Auch die Einwechslungen brachten keine Impulse. Die wenigen Möglichkeiten vergaben Kalajdzic (15.), Tomas (46.) und Führich (51.). Es waren die Situationen, die den VfB mit mehr Entschlossenheit auf die Siegerstraße hätten bringen können. Denn die ansonsten heimstarken Gastgeber wurden erst danach gefährlich.

Da die Stuttgarter jedoch nur das Toreverhindern ordentlich hinbekamen, stecken sie nun in der Lage, dass sie einerseits faktisch auf den Relegationsplatz zurückgerutscht sind und andererseits ihre Spielleistung in der öffentlichen Wahrnehmung vom Berliner Erfolg in Augsburg überlagert wird. Damit hatten wenige gerechnet. „Klar, dass wir das jetzt annehmen und alles dransetzen werden, dass wir es von eins zurück auf zwei vor stellen“, sagt der Sportdirektor Sven Mislintat zu dem einen Punkt Rückstand.

Anspannung vor dem Abstiegsduell

An der Mannschaft von Trainer Felix Magath zeigt sich dabei, wie schnell sich im Abstiegskampf alles drehen kann. Vor einer Woche war die Hertha nach der Derbyniederlage gegen Union am Tiefpunkt, nun scheint der VfB das Momentum gegenüber der Magath-Truppe verloren zu haben. Zudem ist der Mut aus den Vorwochen nicht mehr zu spüren. Wenngleich die Stuttgarter noch eine um 17 Treffer bessere Tordifferenz aufweisen. Auch das könnte in der Endabrechnung wie der Zähler von Mainz helfen. „Wir haben es weiter selbst in der Hand“, sagt Matarazzo. Mit Optimismus und einem Schuss Lockerheit will der Chefcoach die Begegnung in Berlin angehen. Denn die Anspannung vor dem Abstiegsduell ist groß genug.