Beim Abstiegskrimi am Sonntag schlägt die Stunde der Mittelfeldstrategen: Wataru Endo, der stille VfB-Anführer, trifft auf Kevin-Prince Boateng, den lautstarken Hertha-Boss.
Die Liste seiner Berufsstationen ist lang, sehr lang. Für insgesamt 13 Vereine trat Kevin-Prince Boateng bislang gegen den Ball. Für manche von ihnen sogar mehrmals. Und es sind illustre Clubs aus den europäischen Topligen dabei. Klar, der AC Mailand. Sogar der FC Barcelona für kurze Zeit. Tottenham Hotspur, aber ebenso Borussia Dortmund. Danach noch Schalke 04 und Eintracht Frankfurt in der Bundesliga. Und jetzt wieder Hertha BSC.
Natürlich, für Boateng war das zu Saisonbeginn ein Nach-Hause-Kommen. Von Berlin aus hatte er 2005 seine Profikarriere gestartet. Eine Weltkarriere hätte es sein können – bei diesem fußballerischen Talent. In den Augen des 35-Jährigen ist sie das auch geworden. Er hat mit den Besten und gegen sie bei Weltmeisterschaften und in der Champions League gespielt, Titel gewonnen, und jetzt hat der Prinz von Berlin, wie er sich anfangs nannte, die alte Dame wachgeküsst.
Das sagt Hertha-Trainer Felix Magath
Die totgesagte Hertha lebt wieder. Dank eines Spielers, der selbst schon abgeschrieben war. Nur zweimal war Boateng vor der jüngsten Begegnung beim FC Augsburg in diesem Jahr zum Einsatz gekommen (14 Einsätze insgesamt). Addierte Spielzeit: 55 Minuten. Nun hat ihm Trainer Felix Magath die Rolle gegeben, die Boateng von Anfang an zugedacht war – die der Führungsfigur. „So einen haben wir gebraucht“, sagt Magath.
Boateng verkörpert das raue Berlin. Er schwört die Einzelspieler ein, er verbindet sie zu einer Gruppe, er gibt ihr Halt. Beim 1:0-Sieg in Augsburg knapp 70 Minuten lang auf dem Platz, danach wie ein Übungsleiter an der Seitenlinie, und vor dem wichtigen Spiel an diesem Sonntag (17.30 Uhr) gegen den VfB Stuttgart auch in der Hertha-Kabine.
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Boateng strahlt Selbstbewusstsein aus. Er kennt keine Angst und tritt entsprechend auf. Mit Grätschen, Fouls und Verbalattacken, wenn es sein muss. Zeichen setzen eben. Es ist eine Spezialität des Mittelfeldspielers – und der Grund, warum er zuletzt verpflichtet wurde. Denn die Spielkunst mag ja noch vorhanden sein, das Tempo hat jedoch abgenommen, und die Frage bei Boateng lautet stets, wie lange der geschundene Körper überhaupt mitspielt.
„Ich sehe doch nicht aus wie ein Spieler, der schon fertig ist“, liefert Boateng seine Antwort. Vor der Partie gegen den VfB im Berliner Olympiastadion will er sich gut erholen, um im Abstiegskrimi seinen Mann zu stehen. Es ist das Kellerduell zweier Großclubs, die Gefahr laufen, weiter den Anschluss zu verlieren. Weshalb im Mittelfeld die Stunde der Strategen schlägt.
So tickt VfB-Coach Pellegrino Matarazzo
Zwei unterschiedliche Spielertypen treffen aufeinander. Sie stehen in der laufenden Saison für den Antagonismus der beiden Teams mit ihren Trainern. Hier Boateng, der lautstarke, furchtlose Berliner Boss. Ein extrovertierter Mann, der sich gerne ablichten lässt und dem Big-City-Club über den Rasen hinaus Glanz verleihen sollte. Nach dem zweiten Trainerwechsel (erst Pal Dardai, dann Tayfun Korkut) gestärkt vom erfahrenen Magath, der noch einmal die alten Register zieht. Dort Wataru Endo, der stille Anführer der Stuttgarter. Vom recht unerfahrenen Pellegrino Matarazzo, der die neue Trainergeneration vertritt, als Fixpunkt installiert – in aller Bescheidenheit.
Nun kehrt Endo nach einer Corona-Infektion zurück. Bereits am Dienstag nahm der Japaner das Mannschaftstraining auf, als ob nichts gewesen wäre. Weshalb davon auszugehen ist, dass sich der VfB-Kapitän im Zentrum des Schlamassels dem Boateng-Fußball entgegenstemmen wird. Ohne große Worte und Gesten, aber mit seiner Zweikampfstärke, seiner Positionierung auf dem Feld, seiner Haltung, die den Mitspielern trotz Sprachbarriere als Vorbild dient.
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Endo, der Fußballsamurai, erfüllt seinen Part mit fernöstlicher Exzellenz. Ruhig und zuverlässig spult der Nationalspieler sein enormes Pensum ab. Matarazzo beschreibt den 29-Jährigen deshalb gerne als denjenigen, der weiß, was zu tun ist. In den Ranglisten der Liga-Topspieler zählt Endo zu den fünf besten Zweikämpfern (707 Zweikämpfe/55 Prozent gewonnen) und zu den zehn Laufstärksten (307,4 Kilometer/29 Spiele).
In diese Statistiken wird es Boateng wohl nicht mehr schaffen. Wenngleich er in Augsburg 80 Prozent seiner Mann-gegen-Mann-Duelle gewann. Mit 7,7 Kilometer rannte er auch überdurchschnittlich viel und wurde am häufigsten gefoult (5), aber viele Sprints waren nicht dabei (6).
Boatengs Bedeutung in dieser Saisonphase bleibt jedoch unbestritten. Er erfüllt eine Funktion und hat den Abstiegskampf zu seiner Mission gemacht. Vier Endspiele um den Klassenverbleib noch, eventuell die Relegation. „Glauben und erreichen“, lautet Boatengs Twitter-Botschaft. „Schweigen und siegen“ würde es wohl bei Endo heißen.