An diesem Sonntag tritt der VfB Stuttgart bei Hertha BSC an. Für viele ist es das Spiel der Spiele im Abstiegskampf – und prominente Fachleute geben hier ihre Einschätzungen ab.
Berlin Westend, Olympiastadion. Hertha BSC erwartet den VfB Stuttgart. 90 Minuten, in denen sich alles verdichtet – die gesamte Tragik einer Fußballsaison. Beim Berliner Bundesligisten ist sie geprägt von hohen Ansprüchen und tiefen Abstürzen, zwei Trainerwechseln und einem kostspieligen Kader, der sich nur selten als Einheit zeigt. Garniert mit den Einlassungen des Investors Lars Windhorst, der sich im Fußballgeschäft nicht auskennt, aber von der Wachstumsbranche profitieren will.
Bei den Stuttgartern ist der Ankerinvestor Daimler nur ein stiller Beobachter der sportlichen Entwicklung. Es ist die verflixte zweite Saison nach dem Wiederaufstieg, und die vielen Ausfälle haben die junge Mannschaft in den Abstiegsstrudel gezogen. Jetzt kämpft sie gegen den Untergang. Doch die nicht enden wollende Liste an Verletzungen und Coronafällen hat die VfB-Elf nie in Bestbesetzung auflaufen lassen. Stets sollte mit den Rückkehrern alles besser werden, aber die bittere Wahrheit ist: Bis zum Heimspiel gegen die Hertha holten die Stuttgarter in der Vorrunde 13 Punkte, in der Rückrunde nur elf.
Das sagt der Ex-Manager Dieter Hoeneß
Jetzt treffen die beiden gebeutelten Großclubs an diesem Sonntag (17.30 Uhr) wieder aufeinander – im Abstiegskrimi. „Es ist ein Sechs-Punkte-Spiel um Platz 15. Ich denke, dass der VfB und die Hertha den Kampf um direkten Klassenverbleib unter sich ausmachen werden und Arminia Bielefeld nicht mehr herankommt“, sagt Dieter Hoeneß. Der 69-jährige Exprofi hat für beide Vereine als Manager gearbeitet. Von 1990 bis 1995 für den VfB, von 1997 bis 2009 für die Hertha. „Es ist ein völlig offenes Spiel. Ich traue dem VfB zu, was zu holen, aber es ist tagesformabhängig. Bei solch entscheidenden Spielen kommt es darauf an, wen du zur Verfügung hast“, sagt der frühere Mittelstürmer.
Hoeneß schätzt die Arbeit, die beim VfB geleistet wird. Dagegen sieht er die Situation bei der Hertha grundlegend anders: „In Berlin ist sicher das Hauptproblem, dass der Kader nicht gut zusammengestellt wurde – und die Entscheidung, Pal Dardai durch Tayfun Korkut zu ersetzen, auch keine besonders glückliche war. Der Sieger des Spiels hat beste Chancen, am Ende drin zu bleiben.“ Das deckt sich mit den bundesweiten Einschätzungen von Fachleuten und Fans – der Gewinner ist so gut wie gerettet.
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Also: Verlieren verboten! Doch aus dem Mannschaftskreis an der Mercedesstraße kommen andere Töne. „Das ist sicher ein eminent wichtiges Spiel, aber als Endspiel sehe ich es nicht. Danach gibt es immer noch drei Ligapartien, in denen viel passieren kann. Wir betrachten diese Begegnung als Chance: Wir können einen großen Schritt in Richtung Klassenverbleib machen“, sagt Waldemar Anton. Der Defensivspieler spricht aus, was der Trainer seinem Team auf den Weg an die Spree mitgibt. „Mit einem Sieg können wir den Relegationsplatz wieder verlassen“, sagt Pellegrino Matarazzo.
An eine Niederlage will niemand denken. „Mit der Relegation beschäftigen wir uns in dieser Saisonphase nicht. Wir haben es weiter selbst in der Hand, den Klassenverbleib direkt zu sichern – und mit der entsprechenden Überzeugung gehen wir die restlichen Ligaspiele an“, sagt Anton. Er ist ein furchtloser Kämpfer: „Es herrscht keine Abstiegsangst, weil wir wissen, was wir können. Zuletzt haben wir unsere Leistungen meistens gut und konstant abgerufen, und wir haben den Abstiegskampf als Mannschaft bereits vor einiger Zeit voll angenommen.“
Das überrascht Ex-Trainer Huub Stevens
Dass es überhaupt so weit gekommen ist, hat selbst den alten Trainerrecken Huub Stevens überrascht. „Dass die Hertha und der VfB gegen den Abstieg kämpfen, hätte ich vor der Saison nicht für möglich gehalten. Denn beide Clubs verfügen über einen Kader, der eigentlich eine höhere Qualität hat“, sagt der Niederländer, der schon für beide Vereine als Chefcoach tätig war. Die Stuttgarter hat Stevens zweimal vor der Zweitklassigkeit bewahrt – als Knurrer von Cannstatt, der auf Zusammenhalt setzte. Kein Blatt Papier durfte zwischen die Verantwortlichen passen. So tickt der 68-Jährige noch heute. „Ich finde es super, dass der VfB mit Sportdirektor Sven Mislintat an Pellegrino Matarazzo festhält. Wenn du gemeinsam durch schwierige Zeiten gehst, dann gehst du hinterher gestärkt daraus hervor. Daraus kann für die Zukunft etwas wachsen“, sagt Stevens.
Mit den Ambitionen der Berliner hatte der einstige Erfolgstrainer schon 2002 zu tun. Stevens sollte die Hertha oben etablieren. Nach eineinhalb Jahren war Schluss. „In Berlin denken immer alle Menschen, dass sie groß sind. Das ist die Hauptstadt! Hertha und das Umfeld gehen da oft mit. Da ist es schwierig, in Ruhe zu arbeiten. Fredi Bobic kennt das, er weiß, was gefragt ist – wenn es jemandem gelingt, Ruhe reinzubekommen, dann ihm“, sagt Stevens, den Bobic 2014 als Nachfolger von Thomas Schneider zum VfB holte.
Nun vertraut der Manager auf Felix Magath. Ein Trainer mit Erfahrung und Autorität. Als hart gilt Magath, und mit Härte spielt seine Mannschaft. „Sportlich wird es in erster Linie darum gehen, die sogenannten Basics abzurufen: läuferisch an die Grenzen zu gehen, die Zweikämpfe zu gewinnen, auch dahingehen, wo es wehtut. Das Spielerische kommt dann bei uns fast von alleine. Wichtig ist darüber hinaus noch, dass wir mutig in unserer Spielweise bleiben“, sagt Anton.
Zuletzt hat es beim VfB wieder an Entschlossenheit gefehlt. Nur ein wenig, aber es genügte, um die Spiele nicht zu gewinnen. In Berlin soll sich das wieder ändern. Dennoch wagt Stevens eine andere Prognose: „Hertha BSC wird den Klassenverbleib direkt schaffen, der VfB muss leider in die Relegation. Aber die Stuttgarter werden sich in der Relegation retten, da bin ich mir sicher.“