Tayfun Korkut blickt gespannt auf das Duell des VfB bei Fenerbahce. Foto: Pressefoto Baumann

Der frühere Stuttgarter Trainer spricht über die spezielle Stimmung am Bosporus, das große Ziel von Fenerbahce, seine Zeit beim VfB 2018 – und persönliche Zukunftspläne.

Er kennt beide Vereine bestens: Tayfun Korkut trug fünf Jahre lang das Trikot von Fenerbahce Istanbul und hatte später auf der Trainerbank des VfB Stuttgart das sportliche Sagen. Vor dem direkten Duell beider Clubs in der Europa League an diesem Donnerstag (18.45 Uhr/RTL+) spricht der 51-Jährige über die Fußball-Leidenschaft in der Türkei und die Entwicklung des VfB in den vergangenen Monaten.

 

Herr Korkut, sind Sie am Donnerstagabend in Istanbul im Stadion?

Ja. Und ich freue mich wirklich sehr auf das Spiel, weil mich mit beiden Vereinen und Städten viel verbindet. In Stuttgart bin ich aufgewachsen, in Istanbul zum gestandenen Profi geworden.

Sie haben von 1995 bis 2000 bei Fenerbahce gespielt. Was zeichnet den Club aus?

Fußball pur. Das Stadion liegt mitten in der Stadt an einer Hauptstraße, was die Verbindung zum Viertel nochmals verstärkt. Da kannst du den Fußball riechen, die Fans sind unglaublich euphorisch. Als wir 1996 die Meisterschaft auswärts gewonnen haben, wurden wir bei der Ankunft vom Flugzeug quasi ins Flughafengebäude getragen.

In der Saison 1998/99 war dann Joachim Löw Ihr Trainer.

Mit ihm habe ich bis heute ein gutes Verhältnis. Wir haben damals echt guten Fußball gespielt, waren Herbstmeister und hätten den Titel holen müssen. Durch Verletzungspech und einen sehr dünnen Kader sind wir dann auf Platz drei zurückgefallen, und Jogi musste gehen, aus meiner Sicht ohne triftigen Grund. Er war damals noch ein junger Trainer, aber schon sehr empathisch – und noch sehr gut in Form. Zum Abschluss des Trainings hat er beim Torschuss öfter mal mitgemacht und die Bälle regelmäßig ins Netz gezimmert.

Heute wartet der Verein seit inzwischen elf Jahren auf einen Meistertitel . . .

. . . was extrem ist. So eine lange Zeitspanne gab es für Fenerbahce noch nie. Der Verein lechzt danach, der nationale Titel steht über allem.

Spieler und Trainer: Mario Gomez und Tayfun Korkut während ihrer gemeinsamen VfB-Zeit 2018. Foto: Pressefoto Baumann

Auch über der Europa League?

Ja, aufgrund der langen Durststrecke. Was aber nicht heißt, dass auf der Europa League kein Fokus liegt. Es wird hoch hergehen am Donnerstag.

Worauf muss sich der VfB einstellen?

Auf eine emotionale und laute Atmosphäre – und das nicht nur in der Kurve. Die Fans gehen in allen Stadionteilen mit. Das wird ein großes Erlebnis. Diese Emotionalität gibt es aber in beide Richtungen: Wenn es im Spiel nicht läuft, wird es auch mal ruhiger. Und dann kann wieder eine kleine Aktion aus einem Funken ein Feuer machen. Entscheidend für den VfB wird sein, wie er dieser Wucht begegnet und ob er die Stimmung auf den Rängen beeinflussen kann. Die ersten Minuten werden extrem wichtig.

Wie verfolgen Sie die Entwicklung des VfB?

Sie stehen stabil da. Man darf nicht vergessen: Die Anfangsphase der Saison war anspruchsvoll durch sehr späte Abgänge und Zugänge, als die ersten Spiele schon liefen. Da ist immer eines entscheidend: dass die Ergebnisse in der Übergangs- und Findungsphase stimmen. Und das haben sie beim VfB richtig gut hinbekommen. Ergebnisse geben dir immer Zeit und Ruhe.

Das war in Ihrer Zeit als VfB-Trainer nicht anders. Nach Ihrem Einstieg im Januar 2018 holte der Verein 31 Punkte in 14 Spielen.

Was am Ende zu Platz sieben reichte, nachdem wir die Mannschaft mit nur drei Punkten über dem Relegationsplatz übernommen hatten. Abstiegskampf mit einem Verein wie dem VfB bedeutet immer immensen Druck. Wir haben uns auf das Wesentliche konzentriert und so die Situation zusammen sehr gut gemeistert. Eines der Highlights war sicherlich der 4:1-Auswärtssieg in München.

Ein paar Monate später mussten Sie gehen – nach fünf Punkten aus sieben Spielen zum Saisonstart. Wie blicken Sie darauf zurück?

Nach dieser erfolgreichen Rückrunde war die Entlassung zu diesem frühen Zeitpunkt im ersten Moment eine große Überraschung und Enttäuschung – auch, weil wir uns von der Sportlichen Leitung mehr Zeit und Unterstützung für die Weiterentwicklung der Mannschaft gewünscht hätten.

Inzwischen sieht man Sie ja wieder öfter beim VfB, Ihr Sohn Efe spielt in der U 21 und trainiert bereits immer wieder bei den Profis mit. Wie verfolgen Sie seine Entwicklung?

Efe ist auf einem sehr guten Weg, den er konsequent verfolgt. Das macht mich stolz und freut mich sehr für ihn.

Wann sehen wir Sie wieder auf der Trainerbank?

Bald. Ob in Deutschland oder im Ausland, wird sich zeigen.

Türkischer Meister mit schwäbischen Wurzeln

Spieler
Tayfun Korkut wurde 1974 in Stuttgart geboren und spielte in seiner Heimatstadt in der Jugend und im Aktivenbereich bei den Kickers. Mit 21 Jahren wechselte der Mittelfeldspieler zu Fenerbahce Istanbul, wo er den Meistertitel gewann und zum türkischen Nationalspieler (42 Einsätze) wurde. Später lief er in Spanien für Real Sociedad und Espanyol Barcelona auf.

Trainer
Ende 2013 übernahm Korkut bei Hannover 96 sein erstes Cheftrainer-Amt in der Bundesliga. Es folgten Stationen bei dem 1. FC Kaiserslautern, Bayer Leverkusen, dem VfB Stuttgart und zuletzt bis 2022 bei Hertha BSC.