Trainer und Team der Weiß-Roten sehen nach dem Ligafrust im DFB-Pokal eine große Chance – aber es gibt auch eine große Gefahr. Wir liefern die Hintergründe.
Die Fans haben ein gutes Gespür. Trotz der Enttäuschung, die sie selbst wieder erleben mussten. Also riefen die Ultras des VfB Stuttgart die Mannschaft nach dem Abpfiff zu sich in die Kurve des Frankfurter Stadions. Die 0:1-Niederlage bei der Eintracht steckte da noch tief in den Köpfen und Knochen aller schwäbischer Beteiligter. Erneut war ein möglicher Sieg vergeben worden und der VfB schafft es einfach nicht mehr, sich an die vorderen Tabellenplätze der Fußball-Bundesliga heranzukämpfen.
Doch der Anhang trotzte der Ergebniskrise, die sich schon bald zu einer sportlichen Vollkrise auswachsen könnte – und die rund 6000 Fans munterten die geknickten Profis in den schwarzen Trikots auf. Mit Worten, Gesten und Gesängen. Die Trauer sollte verfliegen, weil das nächste Erlebnis ansteht. Mittwochabend, DFB-Pokal, Halbfinale gegen RB Leipzig. „Die Fans haben klar gespürt, dass die Mannschaft Zuspruch braucht; dass man sie aufbauen muss; dass dieser Aspekt extrem wichtig für uns ist, gerade weil wir vor eigenem Publikum spielen“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.
Auf die Fans ist Verlass
Auf den weiß-roten Anhang ist wie immer Verlass, wenn es darauf ankommt – und der VfB jede Kleinigkeit benötigt, um erfolgreich zu sein. Auch den sogenannten zwölften Mann. In Frankfurt waren die Stuttgarter die letzte halbe Stunde ja nur noch zu zehnt auf dem Platz, da Ameen Al-Dakhil nach einer Notbremse gegen Hugo Ekitiké die Rote Karte erhalten hatte (57.). „Diese Aktion hat das Spiel maßgeblich beeinflusst“, sagt Sebastian Hoeneß. Dem Trainer ist aber auch nicht entgangen, dass seine Defensive bereits zuvor ins Trudeln geraten war.
Rasend schnell lief der hessische Überfallfußball ab, meist über Ekitiké und Mario Götze, der schließlich das einzige Tor erzielte (70.). Dass kein größerer Schaden bei den Gästen entstand lag am Glück und an der Tatsache, dass sich die Stuttgarter in Unterzahl nicht aufgaben und zu einer Energieleistung aufrafften, die Hoffnung auf den Ausgleich machte. Vergeblich.
Der VfB steckt weiter im Niemandsland der Tabelle, da er vorne über gute Ansätze im ersten Abschnitt nicht hinauskam und hinten später nicht fehlerfrei blieb. „Uns hat die letzte Konsequenz im letzten Drittel gefehlt“, sagt Hoeneß. Wie ein roter Faden ziehen sich mangelnde Konstanz und Effizienz durch das Stuttgarter Spiel in den vergangenen Wochen. Nur fünf von möglichen 27 Punkten in den letzten neun Partien hat der VfB geholt, seit sechs Ligaspielen ist er sieglos. Und der Vergleich zur sensationellen Vorsaison drückt in Zahlen ebenfalls die Misere aus: 37 Zähler jetzt, 57 waren es nach dem 27. Spieltag des vergangenen Jahres.
Eine Diskrepanz, die zeigt, wie weit der VfB von den eigenen Ansprüchen entfernt liegt. „Von der Champions League oder derartigem brauchen wir im Augenblick nicht zu reden“, sagt Hoeneß, „wir sollten erst ein Spiel gewinnen – und dann müssten wir eine Serie starten, um nach vorne zu kommen.“ Den Anfang will der Trainer außerhalb der Liga machen, im Pokalwettbewerb. „Das werden wir uns nicht nehmen lassen“, sagt der 42-Jährige.
Das Motto für den historischen Moment
Wie die Fans agieren die Verantwortlichen in diesem Fall antizyklisch. Sie sehen die Probleme, die auf fehlende Substanz im Kader und die mangelnde Form einer Reihe von Schlüsselspielern zurückgehen. Zudem hat das enorme Vertrauen des Clubs in den Trainer sowie des Chefcoaches selbst in den Club (siehe vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2028) keinen Wendepunkt markiert. Die Mannschaft findet trotz weniger Spiele und mehr Trainingszeit nicht zu ihrem Spiel zurück – jedenfalls nicht über 90 Minuten.
Das Motto vor der Begegnung mit den Leipzigern, die mit der Trainerentlassung von Marco Rose ihre eigenen Themen haben, lautet deshalb: Nicht zu tief in der Analyse bohren, die Köpfe wieder hoch nehmen, den Fokus neu ausrichten. „Wir müssen alle Kräfte bündeln, die nötige Energie aufbringen und richtig kanalisieren, um vielleicht Historisches zu schaffen“, sagt Hoeneß. Der Sehnsuchtsort heißt Berlin. Im Olympiastadion wird traditionell das Endspiel ausgetragen – und der VfB war seit 2013 nicht mehr dabei.
Doch in der großen Chance, die Schwächen der Saison zu überdecken und womöglich über den nationalen Pokal auf die internationale Bühne zu gelangen, liegt auch eine große Gefahr. Was wenn es nicht gelingt? Dieser Gedanke wird vorerst weggeschoben, der Ritt auf der Rasierklinge im Galopp angegangen. „Es macht einen Profi aus, dass er diesen strengen Wechsel in kurzer Zeit hinbekommt: Die Enttäuschung schnell verarbeiten und den Blick wieder nach vorne richten“, sagt Wohlgemuth. Der VfB habe genug Spieler, denen das schon öfter gelungen sei. Aufstehen nach Rückschlägen und eine gute Leistung zeigen – aber diesmal braucht es zudem das passende Resultat.