VfB-Interimstrainer Kramny: Mit ihm als Chefpilot gegen den Abstieg? Foto: dpa

Im Fußball ist immer alles möglich. Aber wenn die Liga dem VfB Stuttgart nicht noch einen großen Gefallen tut, dann überwintert die Mannschaft als Tabellenletzter. Wenn es nur das wäre...

Stuttgart - Weil er sich schon als Spieler den Luxus einer eigenen Meinung gönnte, widerstand Werner Hund auch nach dem 4:2 gegen die Hochfinanz von Manchester City dem Jubelsturm, der sich kurz vor Beginn dieser Spielzeit über die Mercedes-Benz-Arena legte.

„Der VfB wird doch nicht so verrückt sein und mit diesem Gekicke in die neue Saison gehen“, rief der Torhüter, der beim VfL Kirchheim/Teck zwischen den Pfosten stand, als der Verein noch als Gütesiegel gehobenen Amateurfußballs galt. Das ist zwar ziemlich lange her, aber die analytische Schärfe dafür, was die Spieler vor einem Keeper können müssen und was nicht, hat er sich bewahrt. „Mit dieser Abwehr“, knurrte Hund und senkte den Daumen, „kriegen die in jedem Spiel das Loch voll.“

Weil es aber beim VfB Stuttgart seit vermutlich 122 Jahren zu den beliebtesten Übungen gehört, sich nach Kräften selbst zu beruhigen, werden fachkundige Skeptiker gern als die „Pessimisten abgetan, die den Niedergang der Börse so lange fürchten, bis die Aktie sinkt“ (Ex-VfB-Chef Erwin Staudt). Gerhard Mayer-Vorfelder pflegte den Kritikern aus den Redaktionsstuben „die unstillbare Lust am Untergang“ zu unterstellen.

Und Alexander Zorniger, der Harakiri-Experte im Heer gescheiterter VfB-Trainer, grätschte bis zuletzt alle Hinweise auf schwache Abwehrkräfte mit dem Argument ab, dass es doch klüger sei, die Fehler im Spiel weiter vorn zu machen. „Dann können wir sie vielleicht noch reparieren. Denn wir machen sie ja sowieso.“ Dann schwärmte der Fußball-Romantiker von Arrigo Sacchi und den Blütezeiten des AC Mailand. Geflissentlich unterschlagend, dass der Niedermeier-Schorsch halt kein Franco Baresi ist.

Selbst Optimisten haben kaum noch Hoffnung

Wo so viel Sach- und Fachverstand, Logik, Erfahrung, Menschenkenntnis und Empathie, gepaart mit unerschütterlichem Selbstvertrauen ungebremst schaltet und waltet, sollte sich niemand wundern, dass die Galionsfiguren des württembergischen Fußballs am Ende der Hinrunde wieder einmal aus den Kellergewölben des Fußball-Oberhauses grüßen. Und als hielte das fragile Gebilde nur mehr der Brustring zusammen, hegen selbst kühne Optimisten kaum noch Hoffnung, dass es am Ende der Saison wieder einmal gut gehen könnte mit dem ewigen Tanz am Abgrund.

Denn noch furchteinflößender als in den Zitter-Jahren zuvor breitet sich kurz vor Ende der Hinrunde eine Bilanz des Schreckens über alles, was jetzt noch als Pflänzchen der Hoffnung keinem könnte. Die Mannschaft ist unter Interims-Trainer Jürgen Kramny zwar seit drei Spielen ungeschlagen, aber was heißt das schon, wenn es in den eher dürftigen Kicks gegen Werder Bremen und bei Mainz 05 zwar zu zwei Pünktchen reichte, den Trend zu nachhaltiger Besserung aber nur erkannte, wer auch sonst im Leben zu Halluzinationen neigt.

Im DFB-Pokal würgte das Team gegen den Zweitligisten Eintracht Braunschweig zwar einen Sieg heraus, aber wer sich die Mängel auf beiden Abwehrseiten, im Zweikampfverhalten, im Passen, Stoppen und Schießen notierte, kam aus dem Schreiben nicht mehr heraus.

Kurz vor der Bruchlandung

Weil das alles die Annahme nährt, dass selbst José Mourinho die grundlegenden Defizite nicht so schnell ändern könnte, wächst der irrationale, aber verständliche Wunsch, mit einem Mannschaftsbus voll neuen Personals in der Winterpause die Wende einzuleiten. Aber selbst wenn sie jedes Sparschwein auf der Geschäftsstelle plündern, mehr als einen Neuzugang und einen Leihspieler gibt die weiß-rote Kasse offenbar nicht her.

Und die Zuversicht, dass Sportvorstand Robin Dutt und die Seinen mit sicherer Hand das Richtige tun, ist nach den Erlebnissen der Hinrunde ohnehin so sehr geschrumpft wie ein VfB-Trikot im Kochwaschgang. Mit anderen Worten: So prekär wie in diesen Tagen war die sportliche und wirtschaftliche Situation in den vergangenen Spielzeiten noch nie. Nach jahrelangem Sinkflug droht der Cannstatter Flieger endgültig mit einer Bruchlandung aufzuschlagen.

Allein schon die Aussicht darauf, dass der eigentliche U-23-Coach Jürgen Kramny weiter als Chefpilot die sportlichen Geschicke steuern könnte, entzweit die weiß-roten Glaubensbrüder und –schwestern. Die einen raten, mit dem Kramny-Rabatt die Kasse zugunsten wichtiger Transfers zu schonen, die anderen verlangen an der Seitenlinie eine kostspielige Leuchte wie Lucien Favre oder Felix Magath oder am besten beide zusammen.

Favre scheint aber nach Gladbach keine Lust mehr zu haben, noch einmal die Schuttberge wegzuräumen, die Funktionäre ohne Club-Führerschein mit ihren Bulldozern hinterlassen haben. Und mit Magath als Coach könnte die Mannschaft zwar, ohne groß zu schnaufen, nach Grönland laufen, ob sie spielerisch den langen Atem bekäme, ist eine ganz andere Frage.

So oder so werden die VfB-Bosse um Präsident Bernd Wahler nach dem letzten Hinrundenduell gegen den VfL Wolfsburg Antworten auf drängende Fragen geben müssen. „Wir haben einen klaren Plan“, sagt jedenfalls Robin Dutt. Werner Hund, der alte Kämpe, würde ätzen: „Es sollte diesmal halt der richtige sein.“

Grafik: Die Umfrageergebnisse im Detail

VfB in Abstiegsgefahr
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