Mit acht Millionen Euro der bisherige Rekordtransfer beim VfB Stuttgart: Santiago Ascacibar Foto: Baumann

In der Schule wurde er noch ausgelacht, als er von seinem Traumberuf Fußballprofi erzählte. Doch in der Bundesliga soll über Santiago Ascacibar bald niemand mehr lachen.

Stuttgart - El Rusito fremdelt noch ein wenig. Seine roten Wangen in der Fragerunde zeugen von leichter Nervosität, durch die Blässe seiner Haut kommen sie überhaupt erst zum Vorschein. Deshalb und weil dazu noch strohblond und mit 1,69 Metern klein gewachsen, haben sie ihm in seiner Heimat den Spitznamen verpasst: El Rusito, der kleine Russe.

Jetzt also sitzt der Argentinier mit dem richtigen Namen Santiago Ascacibar zum ersten Mal den VfB-Reportern gegenüber. Und erzählt davon, wie er bald ein ganz Großer werden will. Der Wechsel zum VfB Stuttgart war dazu ein erster bedeutender Schritt. „Jeder Fußballer in Südamerika träumt von Europa, weil dort die besten Fußballer der Welt spielen. Mit ihnen will ich mich messen“, sagt der 20-Jährige. Dass er sich dabei ausgerechnet für einen Aufsteiger in die Bundesliga entschieden hat, überrascht, waren doch auch (finanziell) besser ausgestattete Clubs wie Benfica Lissabon und Zenit St. Petersburg an dem Kapitän der argentinischen U-21-Nationalmannschaft dran. Doch der VfB machte das Rennen, legte an Ablöse für Estudiantes de la Plata acht Millionen Euro auf den Tisch.

Womöglich schon ein Kandidat fürs Schalke-Spiel

„Hier hat einfach alles gepasst“, erzählt Ascacibar, bei dessen Namen im argentinischen Slang das „s“ stumm bleibt. Die Scoutingabteilung hatte schon vor einiger Zeit ein Auge auf den defensiven Mittelfeldspieler geworfen, auch Sportvorstand Michael Reschke kannte ihn schon länger. „Der Junge hat was, der reizt“, sagt Reschke über den teuersten Transfer, den der Club je getätigt hat. Letztlich war es wohl tatsächlich so, dass Ascacibar sich gegen das Geld und für das vergleichsweise kommode Umfeld in der Bundesliga entschieden hat – das übergeordnete Ziel bereits im Blick: die WM 2018 in Russland. „Wer in Argentinien den Wunsch hat, dauerhaft im Nationalteam zu spielen, der muss nach Europa.“ Jetzt muss sich seine Albiceleste nur noch qualifizieren.

Und der Neuzugang in Deutschland Fuß fassen. Ascacibar wäre nicht der erste Südamerikaner mit Anlaufschwierigkeiten. In der Bundesliga wird ein schnellerer Ball gespielt. Der persönliche erste Eindruck macht aber Hoffnung. Ascacibar wirkt geerdet, klar im Kopf, weiß, was er will. Erstes Etappenziel: ein Platz in der Stammelf. Womöglich schon am Sonntag (18 Uhr) auf Schalke.

Fit ist er. Und sein Spielstil stünde der jungen Mannschaft gut zu Gesicht. Ascacibars Art entstammt der Abteilung Attacke, seine Spezialität ist die dezente Grätsche. In Argentinien verzeichnete der „Gift-Gaucho“ („Bild“) die meisten Tacklings und die meisten Ballgewinne aller Spieler. Zu seinen Vorbildern zählt neben dem auf der Wade eintätowierten Nationalheiligen Diego Maradona vor allem Arturo Vidal, der „Krieger“ aus Chile. Womit eigentlich alles über sein fußballerisches Selbstverständnis gesagt wäre. „Er will lieber kicken, als sich vor dem Spiegel die Haare kämmen“, sagt sein Ex-Mitspieler Agustin Alayes über Ascacibar. Der Präsident von Estudiantes, der frühere Weltklassespieler Juan Sebastian Veron, ist sich sicher: „Es gibt kein Limit für das, was er erreichen kann.“ Und er gab ihm einen weiteren Spitznamen mit auf den Weg: El Leon, der Löwe.

Wie das Land, so der Fußball

Auf die Frage nach der traditionell robusten Gangart der ­Argentinier muss Ascacibar ­lächeln, die Zahnspange blitzt. „Nun ja“, antwortet er, „es geht eben grundsätzlich härter zur Sache.“ Wie das Land, so der Fußball. Der bei den Ascacibars Familiensache ist. Fünf Brüder, vier davon jagen der Kugel hinterher, nur keiner so erfolgreich wie Santiago, der Älteste. Sein Vater hat ihn auf die Abenteuerreise nach Europa begleitet. Wenn Emiliano Insua, sein derzeit verletzter und in Argentinien weilender Landsmann, zurück ist, hat er einen weiteren Integrationshelfer an seiner Seite.

Viel hätte nicht gefehlt, und Ascacibar wäre an der Uni gelandet. Für einen Studienplatz in Anthropologie war er bereits eingeschrieben. Vielleicht wäre das aber auch nur ein Irrtum gewesen. So wie damals in der Schule, als er von seinem Traum als Fußballprofi erzählte und ausgelacht wurde. Geht es nach Santiago Ascacibar, lacht in der Bundesliga bald keiner mehr über ihn.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: