Thomas Hitzlsperger arbeitet seit fünf Wochen als Sportvorstand des VfB. Foto: Bongarts

Thomas Hitzlsperger räumt Probleme bei der Integration einiger junger Profis ein. Im Interview erklärt der Sportvorstand obendrein, wie sein Bekenntnis zu Trainer Markus Weinzierl beim VfB Stuttgart aussieht.

Stuttgart - Rückhalt für den Trainer, die Kaderplanung für die neue Saison in erster oder zweiter Liga, dazu die Suche nach einem Sportdirektor – und das alles mitten im Abstiegskampf. Thomas Hitzlsperger, 36, hat in seinem neuen Job als VfB-Sportvorstand einiges zu tun – und sagt: „Meine oberste Priorität haben Trainer und Spieler; alle, die dafür sorgen können, dass wir in der Bundesliga bleiben.“

Herr Hitzlsperger, am Sonntag tritt die Nationalelf in Amsterdam an mit neuen Spielern, mit RTL statt ARD – und mit Jürgen Klinsmann als neuem TV-Experten. Haben Sie eine Träne im Knopfloch?

Jürgen ist eine super Besetzung. Er hat so viel erreicht in seinem Leben – und hat bereits beim 1:1 gegen Serbien die Dinge gut rübergebracht. Mir hat es als ARD-Experte immer viel Spaß gemacht, die Nationalmannschaft zu begleiten, internationalen Topfußball zu sehen und ihn zu bewerten. Es war ein großes Geschenk – und ich glaube, man war auch ganz zufrieden mit mir. Es war also gar nicht so leicht, Lebewohl zu sagen.

Wie lässt sich der Wechsel vom Chef des Nachwuchsleistungszentrums zum Sportvorstand an?

Ich hatte gehofft, dass es einfacher ist, wenn man sich nur um eine Mannschaft kümmern muss – im Nachwuchs sind es ja neun Teams mit ganz unterschiedlichen Anforderungen. Man hat in der Jugend die Trainer, die Spieler, die Berater, die Eltern – das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich dachte, falls ich mal für die Profis zuständig sein sollte, dann würde es leichter. Jetzt stelle ich fest, dass ich mich da getäuscht habe. (lacht)

Sie sind tatsächlich in rauer See bei den Profis an Bord gegangen.

Ich habe in einer Phase angefangen, in der wir in höchster Abstiegsgefahr sind, einige Verträge auslaufen, in der man parallel die Kaderplanung für die nächste Saison angehen muss – und dabei nicht weiß: Spielt man in der ersten oder zweiten Liga? Als Spieler kennt man das normale Arbeitsleben ja nicht. Aber ich habe es bereits seit Sommer 2016 und zuletzt beim Nachwuchs erlebt und mir vor fünf Wochen gesagt: Das mach ich jetzt. Ich übernehme Verantwortung – auch mit dem zusätzlichen Stress, dass ich wieder mehr in der Öffentlichkeit stehe.

Wo setzt man als Einsteiger als Erstes den Hebel an?

Das Trainerteam steht da klar im Mittelpunkt. Mir war und ist wichtig viel mit Markus Weinzierl und dem Trainerteam zu sprechen. Das Trainerteam muss täglich meine Unterstützung spüren. Die Trainer und auch die Spieler, also alle, die dafür sorgen können, dass wir in der Bundesliga bleiben, die brauchen jetzt meine Zeit. Die haben absolute Priorität. In den vergangenen Wochen war schon eine positive Tendenz zu erkennen. Das freut mich.

Wie nah sind Sie an der Mannschaft dran?

Priorität hat jedes Training, jede Sitzung. In der kurzen Zeit habe ich einen sehr guten Einblick bekommen und bin sehr nah dran. Nur so kann ich Hilfestellungen geben.

Was waren konkret Ihre ersten Maßnahmen?

Nach dem 0:3 von Düsseldorf waren die Spieler stark verunsichert. Daran hat das Trainerteam erfolgreich gearbeitet. Zuletzt haben wir fast immer mit derselben Mannschaft und derselben taktischen Formation gespielt. Nun hat die Mannschaft wieder neues Selbstvertrauen geschöpft, das ist immens wichtig. In unserer Lage ging es zunächst darum, wieder Stabilität her­zustellen. Darin habe ich den Trainer ­bestärkt. Wir stimmen uns auch bei unseren Gesprächen mit den Spielern ab. Denn es ist wichtig, dass es da eine gemeinsame Linie gibt.

Der VfB spielt wieder besser – aber auch der Trainer Weinzierl wirkt nach dem Abgang von Manager Michael Reschke gelöster.

Es gibt immer die Tendenz, dass die eigene Arbeit an der des Vorgängers gemessen wird. Aber ich suche da keinen Vergleich. Ich will einfach danach schauen, was gut für den Trainer und für die Mannschaft ist.

Das eine ist Ihr Elan, der spürbar ist. Das andere ist die Größe der Aufgabe. Als Kaderplaner sind Sie ein Neuling. Inwiefern haben Sie da Bedenken mit Blick auf die kommende Saison?

Ich habe großen Respekt vor der Verantwortung bei der Kaderplanung – und habe vom ersten Tag an gesagt: Ich brauche Unterstützung, jemanden, der das schon gemacht hat. Die Stärken und Schwächen der Spieler kann ich sehr gut einschätzen. Auch der Trainer bringt seine Vorstellungen und Erfahrungen ein – und wir verfügen über eine erfahrene Scouting-Abteilung. Aber einen Kader mit 23 bis 25 Spielern zusammenzustellen, das ist noch mal eine ganz andere Kunst.

Wie weit sind denn die Gespräche mit dem neuen Sportdirektor?

Ich suche einen starken Partner und bin erfreut darüber, wie viele sehr gute Leute sich vorstellen können, für den VfB zu arbeiten. Es gibt aktuell mehrere Kandidaten – darunter welche, die zwar attraktive Alternativen besitzen oder in guten Jobs arbeiten, die sich aber denken: Da ist die Chance beim VfB, der zwar derzeit seine Schwierigkeiten hat, bei dem aber künftig einiges möglich ist.

Ist der ehemalige Leverkusener Jonas Boldt eine Option, oder Tim Steidten aus Bremen?

Da will ich nicht ins Detail gehen.

Das ganz große Bekenntnis zum Trainer Markus Weinzierl haben wir von Ihnen nicht gehört, was angesichts der turbulenten Winterwochen verständlich war. Aber wie sieht es jetzt aus – sitzt er fest im Sattel?

Ein Bekenntnis ist im Profigeschäft Fußball, egal zu welchem Zeitpunkt, fehl am Platz – und ich bin erstaunt, wie hartnäckig sich Ihre Frage hält. Ich habe Ihnen schon mehrfach den Ist-Zustand beschrieben: Der ist sehr positiv. Die Tendenz der Leistungen zeigt nach oben, und der Austausch mit Markus Weinzierl ist offen und ehrlich. Wir denken auch gemeinsam in die Zukunft. Zudem ist es unser Ziel, diese Kontinuität aufrechtzuerhalten. Das ist mein Bekenntnis.

Markus Weinzierl sieht Probleme bei der Altersstruktur im Kader. Es gibt einige Ältere, die den Zenit Ihrer Karriere überschritten haben – dazu einige Youngster, die erst Ihren Weg finden müssen. Was fehle, seien Spieler Mitte zwanzig.

Wir sehen gemeinsam, dass es sinnvoll ist, bei der Altersstruktur in der Mitte nachzulegen. Mit Jungs, die auf der Höhe ihrer Schaffenskraft sind, die ausreichend Erfahrung haben und genügend Power mitbringen. Zwei Dinge sind dabei aber grundsätzlich zu berücksichtigen: Der Trainer muss seine Ideen einbringen können und bei jeder Entscheidung mit eingebunden sein. Wir haben aber auch als Verein die Möglichkeit, Spieler zu holen, die wir schon lange sichten und die wir hier haben wollen. Nehmen wir Ozan Kabak. Der hat sofort eingeschlagen, mit 18 Jahren.

Kurzfristig steht der Klassenerhalt über allem. Aber wie soll das Profil des VfB langfristig unter Ihrer Führung aussehen?

Was die laufende Saison angeht, zählt für uns alleine der Klassenerhalt. Aber es geht auch darum, die Zukunft zu gestalten – und unser Ziel ist es, dass wir als Verein eine stärkere Position einnehmen. Dass wir also künftig vorgeben können, welche Art Fußball der VfB spielen will und wofür unsere Mannschaft steht. Wir werden nach Saisonende, wenn wir mehr Zeit dazu haben, in dieses Thema tiefer einsteigen und uns mit Blick in die Zukunft vor allem fragen: Wie können wir künftig dieses ständige Auf und Ab vermeiden?

Lesen Sie hier: Der Abstieg von 2016 nagt an Ex-VfB-Trainer Jürgen Kramny.

Eine dieser Fragen, woran es aktuell hapert, führt auch zum Charakter einiger Spieler. Anastasios Donis etwa ist vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim nach Hause gefahren, anstatt sich die Partie auf der Tribüne anzuschauen.

Unabhängig von Einzelfällen kann es nicht sein, dass ein einzelner Spieler größer ist als der Verein. Die große Kunst ist es, unsere Spieler so für den VfB zu begeistern, dass sie ihre Leistungsgrenze erreichen. In diesem Punkt müssen wir stärker werden. Wir müssen vorgeben, was bei uns der Standard ist – und die Spieler dabei aktiv unterstützen, diese zu erreichen und einzuhalten.

Sollte eine außergewöhnlich hohe Leistungsbereitschaft für einen gut bezahlten Profi nicht selbstverständlich sein?

Man muss verstehen, dass jeder Spieler anders tickt. Jeder Profi will immer gut Fußball spielen, das ist klar. Doch in manchen Fällen muss man helfen. Wenn ein junger Spieler, der vielleicht aus einem anderen Kulturkreis kommt, mit wenig Erfahrung zum ersten Mal in der Bundesliga spielt, dann müssen wir ihm erklären, ihn überzeugen und dafür begeistern, was die Standards in der Bundesliga sind.

Wie groß wird der personelle Umbruch nach der Saison aussehen?

Alle Spieler im Kader haben jetzt die Chance zu beweisen, dass sie den VfB nach vorne bringen wollen und können – egal, wie lange sie noch einen Vertrag haben.

Neben den Verträgen von Andreas Beck und Dennis Aogo endet auch der von Kapitän Christian Gentner im Juni. Wie sieht seine Zukunft aus?

Ich habe am Donnerstagvormittag mit Christian gesprochen, wollte hören, wie er seine Situation einschätzt und wie sein Karriereplan aussieht. Spielt er weiter bei uns – oder will er seine aktive Laufbahn woanders fortsetzen? Christian gehört in die Kategorie Spieler, bei der man noch weiterdenkt: Sieht er sich später als Trainer oder als Manager – und wie können wir ihm helfen, das vorzubereiten? Wenn er sich einbringen will, wird er bei uns auf große Gegenliebe stoßen. Aber es muss auch die richtige Stelle sein.

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