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Fremde, rauhe Welt: Die Fußballer des VfB Stuttgart bereiten 100 Township-Kindern in Kapstadt den glücklichsten Tag in deren Leben.

Fußball ist viel mehr als ein 1:0. Und wer als reicher Profi soziale Verantwortung spürt, der geht an die  Wurzeln. So wie der VfB Stuttgart am Montag: ein Besuch bei den Ärmsten der Armen.

Kapstadt - Madhinga strahlt über das ganze Gesicht. Da hat ihm ein großer, weißer Mann einen Ball zugespielt, den er mit dem Oberschenkel stoppt und volley weiterspielt. Der Neunjährige mit der Rückennumer 9 auf dem braunen Trikot erfüllt seine Aufgabe bravourös. „Very good“, lobt der weiße Mann, der im europäischen Fußball auch als Vedad Ibisevic bekannt ist. Brav stellt sich Madhinga hinten an und fiebert darauf, bis er endlich wieder an der Reihe ist. Stoppen, kicken, strahlen. Oder, wie es Fredi Bobic, der Sportdirektor des VfB Stuttgart, formuliert: „Schmeiß einen Ball rein, und alle haben Spaß. Das ist die Magie des Fußballs.“

Philippi-Township, Kapstadt: In Flughafennähe präsentiert sich der VfB den Ärmsten der Armen. Ganz so, wie es die Deutsche Fußball-Liga (DFL) von ihrem ersten Vertreter in Südafrika verlangt. Im Gegenzug subventioniert sie das Trainingslager am Kap mit 250 000 Euro. Doch was ist schon Geld an diesem Tag – im Vergleich zu den leuchtenden Kindergesichtern mit den großen Augen und noch größeren Erwartungen? Die Stars aus dem fernen Deutschland mischen sich unter sie, verschmelzen mit ihnen, wenigstens für eine gute Stunde. Dann ist Bescherung. Im Dezember hatte der VfB Trikots, Fritzle-Handtücher, Trinkbecher, Autogrammkarten und Mützen vorausgeschickt. „Fanartikel mit einem Wert im fünfstelligen Bereich“, sagt Bobic und versichert: „Aber nicht nur 10 000 Euro, es war einiges mehr.“ Eine gute Investition. Kleiner Ball, großes Herz – auf beiden Seiten.

Das Brown’s Farm Stadium ist zwei Fußballfelder groß und für europäische Begriffe eine holperige Wiese. Die Tore, soweit vorhanden, stehen windschief, die Tribüne ist nicht mehr als ein paar kunstvoll zusammengebundene Stangen. Hier reicht das, um das Leid und Elend ringsherum zu verdrängen. Die VfB-Profis konnten nur bei der Anfahrt im Bus einen flüchtigen Blick auf die Wellblechhütten, die Müllberge und Schrotthaufen werfen, das hat genügt. Sie sind nicht beeindruckt, nein, sie sind betroffen. „Das ist bedrückend, sehr bewegend“, sagt Sven Ulreich, „da wird einem erst bewusst, welche Privilegien wir haben. Daran werden wir uns an schlechten Tagen erinnern. Dann weiß man, was wichtig ist im Leben.“ Essen und Trinken vor allem, die Grundbedürfnisse.

In Philippi leben 100 000 Menschen, in Greater Philippi sind es fünfmal so viele. Das Township ist nicht so bekannt wie Khayelitsha, was übersetzt „Unsere neue Heimat“ bedeutet, ein Umsiedlungsprojekt ist es aber ebenfalls. In den frühen 80er Jahren hatten sich die Einwohner, die meisten aus der Provinz Ostkap, hier Arbeit und ein besseres Leben erhofft. Ein Großteil des Gemüses, das in der 3,7-Millionen-Metropole Kapstadt verzehrt wird, stammt von hiesigen Farmern. Ein benachbarter Park ist Heimat von seltenen Vogel-, Reptilien- und Pflanzenarten. Das 40 Hektar große Areal gilt als grüne Lunge. Soweit die Version für die Hochglanzbroschüren, die im Touristenbüro ausliegen.

Die Realität ist schärfer, härter und nicht selten tödlich. Ende November gab es hier zwei Morde und einen Mordversuch auf offener Straße. Die Minibusunternehmer liefern sich einen Krieg um Streckenrechte durch die Townships. Philippi hat die höchste Mordrate in Südafrika, die Aids-Rate liegt bei 40 Prozent, Zehntausende Menschen wohnen ohne Toiletten und Anschluss an die Kanalisation. Die Gemeinschaftstoiletten sind extrem unhygienisch. Nur die Hälfte der Erwachsenen verfügt über Elektrizität. Wenn es dämmert, zünden sie Kerzen und Öllampen an, die nicht selten verheerende Brände verursachen. Zum Kochen verwenden sie Paraffinöfen, deren Dämpfe schwer auf die Lunge schlagen. Eine Müllabfuhr gibt es nicht oder nur unregelmäßig. Eine Schulpflicht entfällt schon deshalb, weil das Geld für Bücher und Uniformen fehlt. 50 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos und vegetieren mit ihren Familien am Existenzminimum. „Die Kinder hier wissen nicht, was sie zum Abendessen bekommen – und ob sie überhaupt etwas bekommen. Das ist traurig“, sagt Ulreich.

Bobic würde gern im nächsten Jahr wiederkommen

Es ist eine fremde, eine rauhe und unerbittliche Welt. „In meiner Gruppe haben sich die Kinder ums Trinken gerissen“, sagt Timo Werner (17), „das ist krass und beklemmend. Da weiß man erst, wie gut es einem geht.“ Die Oasen der Fürsorge sehen die VfB-Profis nicht, aber es gibt sie. Das Gemeindezentrum etwa, das ein Hospiz für 20 HIV-Infizierte beherbergt, in dem Kinder von drei bis 18 Jahren während ihrer Schulzeit begleitet und in einer Suppenküche verköstigt werden. Ihre Eltern verdienen dort durch einfache Arbeiten das Nötigste. Und dann gibt es Siyabonga Ndlebe, einen der Ihren, in Philippi aufgewachsen und Mitbegründer der Association of Greater Philippi Football.

Der Verband organisiert den Spielbetrieb für 32 Mannschaften, darunter zwei Mädchenteams, von den Aktiven bis zur U 12. Sie spielen in Ligen, die Super League und Premier League heißen. Im Winter stehen die Fußballplätze unter Wasser, dann weichen sie in andere Townships aus. Aber sie tragen Trikots von Manchester United, dem FC Chelsea und dem FC Porto. Und sie nennen ihre Teams nach ihren Vorbildern aus einem Europa, das sie nie sehen werden. „Umso wichtiger ist es, dass uns Vereine wie Stuttgart besuchen kommen“, sagt Ndlebe, „wir fühlen uns sehr geehrt, dass der VfB heute ein Teil von uns ist. Jeder dieser Besuche verändert unsere Gemeinschaft zum Besseren.“ Ein Ball holpert zwischen seine Füße, Ndlebe kickt ihn zurück und sagt: „Heute ist der glücklichste Tag für unsere Kinder.“ Zumindest für die 100 auf dem Platz. Ringsherum sitzen 50 weitere Kids auf dem Rasen. Auch sie wollen nur spielen, wenn sie nur dürften. „Sie haben keine Fußballschuhe und keine Trikots. Aber wir haben sie eingeladen, damit sie unser Glück teilen können“, sagt Ndlebe.

Fredi Bobic spaziert über den Rasen, von einer Station zur nächsten, und sagt: „Es macht mich stolz und glücklich zu sehen, mit welchem Eifer unsere Spieler mitmachen.“ Das ist nicht übertrieben. Schon denkt Bobic daran, in einem der nächsten Jahre mit der Mannschaft wiederzukommen. „Es geht um Nachhaltigkeit“, sagt er, „was wir heute machen, ist wichtig. Aber noch wichtiger ist es, die Kinder nicht zu vergessen.“

Das wird keiner der VfB-Profis. Sven Ulreich, der sich auch in Stuttgart sozial engagiert, denkt über eine Patenschaft für eines der Kinder oder für ein Projekt nach – so wie es der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft in größerem Rahmen vorgemacht hat. Die „Philipp-Lahm-Stiftung“ unterstützt seit 2009 in Philippi den Fußballverein der Luther-Gemeinde Lebanati. Beim Fußball und im Alltag lehrt sie die Jugendlichen Werte wie Disziplin, Respekt und Teamgeist und wirkt darauf hin, sie von Drogen und vom Alkohol fernzuhalten.

Im Brown’s Farm Stadium naht nach einer guten Stunde der Schlusspfiff. Schnell noch ein Gruppenfoto. „Und jetzt nur die Spieler die Hände hoch“, ruft ein Fotograf. Statt der VfB-Profis, die gemeint sind, gehen alle Hände hoch. An diesem Tag sind sie alle Spieler, auch die Kids, die nun rufen: „Vau-eff-bee, Vau-eff-bee.“

Als der Bus die letzten Hütten hinter sich gelassen hat, holt der Fahrer seine Delegation abrupt in die Moderne zurück. Er schaltet einen Gang hoch – und die Klimaanlage ein. Das Gefühl des Fröstelns – es kommt nicht nur von der Kaltluft im Wageninneren.

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