Noch zu häufig mit dem Kopf durch die Wand: VfB-Stürmer Shinji Okazaki. Foto: dpa

Labbadia nimmt Okazaki in Verantwortung: Der Stürmer muss mehr Übersicht bewahren.

Stuttgart - Shinji Okazaki hatte keine Ahnung, was da auf ihn zukommen würde. Jetzt weiß er zumindest: Heiningen, die Gemeinde bei Göppingen, ist nicht Tokio. Und die Besinnlichkeit der deutschen Weihnacht erinnert in nichts an die Partystimmung, in der seine japanischen Landsleute das Fest begehen. Jedenfalls hatte Okazaki mehr als die 20 Anhänger erwartet, die ihn bei seinem Besuch des VfB-Fanclubs Heininger Staren begrüßten: mit Schokolade, Kerzen, selbstgemalten Bildern - und zwei Flaschen Hefeweizen. "Ich mag deutsches Bier", sagte Okazaki, "aber in der Trainingswoche trinke ich das nicht. Vielleicht am Sonntag, wenn wir die Bayern geschlagen haben."

Noch ist das Wunschdenken. Und ob es klappt, liegt nicht zuletzt an Okazaki. Und zwar mehr, als er sich bisher bewusst war.

Bisher war der Neuzugang der vergangenen Saison ein Vollblutstürmer, der auf dem Platz nicht viel anderes im Sinn hatte, als Tore zu erzielen. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden. Aus Japan kam er mit der Empfehlung von 13 Ligatreffern in der Saison 2009/10 und mit 14 Toren aus dem Jahr zuvor. Beim VfB hat er, vergangene Rückrunde und die laufende Hinserie zusammengenommen, fünfmal getroffen. Das ist weit unter seinem eigenen Anspruch: "Mein Ziel sind mehr als zehn Tore in der Liga, und zwar jede Saison", sagt Okazaki (25). Auch Bruno Labbadia setzt andere Erwartungen in den linken Mittelfeldspieler. Am Dienstag bat er deshalb Okazaki in sein Büro und nahm ihn zusammen mit Eddy Sözer ins Gebet. "Wir sind mit Shinjis Offensivspiel nicht zufrieden", sagte der Co-Trainer. Und das hat am wenigsten mit dessen spärlicher Trefferausbeute zu tun.

Auch mal auf den Ball stehen

Der moderne Fußball ist komplex, und die Anforderungen an Tempo, Härte und Übersicht sind in der Bundesliga hoch, höher auch als in Japan. "Shinjis Arbeitsleistung in der Defensive ist wie immer klasse", sagt Sözer, "aber der zweite wichtige Punkt ist die Vorwärtsbewegung. Da rennt er im Moment viel zu sehr in seine Gegenspieler und übersieht oft seine Nebenleute. Er muss noch verantwortungsvoller mit den Zweikampfsituationen umgehen. Und er muss lernen, auch mal auf den Ball zu stehen und rückwärts zu spielen." Anders gesagt: Okazaki muss den Wandel vom Draufgänger zum Strategen hinbekommen.

Das ist einfacher als gesagt. In der japanischen Nationalmannschaft, wo er meist im rechten Mittelfeld spielt, hat er stets das gegnerische Tor im Blick. "Ich starte in die Tiefe, der letzte Pass kommt meistens auf mich, und ich mache dann die Tore", sagt Okazaki. Zuletzt hat er in sechs Länderspielen fünf Mal getroffen, "weil ich auch mehr Torchancen bekomme". Beim VfB muss er deutlich mehr in der Defensive arbeiten, den Blick für die Nebenleute im Mittelfeld haben, den richtigen Zeitpunkt zum Sprint nach vorn erwischen und sich oder andere in Schussposition bringen. Eine komplexe Aufgabe, die volle Konzentration, viel Laufbereitschaft und enorme Kraft erfordert. Andernfalls passiert das, was beim 2:2 gegen Köln quer durch die Mannschaft passierte: Abspielfehler, Ballverluste, schlampige Angriffszüge. "Ich habe diese Aufgaben immer im Kopf", beteuert Okazaki, "aber wenn ich schnell umschalte und den Weg zum Tor suche, rücken die anderen manchmal nicht schnell genug nach." Genau das ist der Punkt. "In solchen Situationen handelt er oft überhastet", sagt Sözer, "da muss er häufiger das Tempo rausnehmen und die Mitspieler suchen."

Am besten schon am Sonntag (17.30 Uhr) gegen die Bayern. Das deutsche Bier ist schließlich schon kalt gestellt.

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