VfB-Präsident Wolfgang Dietrich „Hannes Wolf wird an den richtigen Schrauben drehen“

Von Gunter Barner 

Trainer Hannes Wolf (links) und Präsident Wolfgang Dietrich: Kontinuierliche Weiterentwicklung beim VfB Stuttgart Foto: Baumann
Trainer Hannes Wolf (links) und Präsident Wolfgang Dietrich: Kontinuierliche Weiterentwicklung beim VfB Stuttgart Foto: Baumann

Die Bundesliga-Rückrunde wird für den VfB Stuttgart zum Tanz auf dem Vulkan. Präsident Wolfgang Dietrich ist sich des Risikos bewusst – vertraut aber auf Grundlagen, die unter seiner Regie geschaffen wurden.

Stuttgart - Wolfgang Dietrich, Präsident des VfB Stuttgart und Aufsichtsratschef der VfB AG, warnt vor dem Bundesliga-Rückrundenstart der Roten vor überzogenen Erwartungen an Mannschaft und Trainer. Was den Klassenerhalt betrifft, gibt sich der 69-Jährige indes zuversichtlich.

Herr Dietrich, wie nahe war Ihnen der VfB während Ihres Urlaubs in Südafrika?
Extrem nah. Ich hatte täglich Kontakt. Ich gebe aber zu: In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich mich auch mal ausgeklinkt.
Mario Gomez ist zurück. Wer oder was hat die Tür aufgestoßen?
Mir ist als Präsident wichtig, dass alle, die Verantwortung tragen, das Netzwerk pflegen, das dem Verein in solchen Situationen weiterhelfen kann. Dazu zählen ehemalige Spieler, Trainer oder auch Funktionäre. Die sollten unsere Verbündeten sein, nicht unsere Gegner. Wir hatten verschiedene Pläne. Einer war der mit Mario. Den hielten wir ­allerdings für am wenigsten realistisch. Umso glücklicher sind wir, dass es dann doch ­geklappt hat.
Doch nicht nur, weil hier alle so nett zu ihm waren?
Natürlich zählen am Ende vor allem die harten Fakten: Passt es für ihn und für uns sportlich und finanziell, können wir uns das leisten? Gibt ihn der VfL Wolfsburg überhaupt her? Aber ich bin überzeugt, dass eben auch die emotionalen Faktoren einen gewissen Einfluss auf die Entscheidung von Mario hatten und er einfach zum VfB Stuttgart zurück wollte.
Gibt es für Mario Gomez Perspektiven im Verein nach dem Karriereende?
Da haben wir mit keiner Silbe darüber gesprochen. Mario Gomez und der VfB haben sehr wichtige Ziele. Wenn wir die erreicht haben, dann sehen wir weiter.

Die Mischung muss stimmen

Stürmertalent Romero war der Wunschkandidat, ein alter Hase ist gekommen. Wie passt das strategisch zusammen?
Das passt sehr gut zusammen. Romero war eine unserer Top-Optionen. Aber wir brauchen beides: junge talentierte Spieler, die uns perspektivisch verstärken. Und Spieler mit Erfahrung, die der Mannschaft sofort weiterhelfen und Talente leiten und führen.
Heißt das, wenn der VfB den Poker um Romero gewonnen hätte, wäre Gomez trotzdem auch noch gekommen?
Unter Umständen ja. Aber das ist rein hypothetisch.
Greift der VfB in der Winterpause bei passender Gelegenheit noch einmal zu?
Da gilt, was unser Sportvorstand Michael Reschke und Trainer Hannes Wolf schon sagten: Sehr wahrscheinlich ist es nicht, aber wir wollen auch nichts ausschließen.
Reicht dafür das Geld in der Spardose?
Das ist der Punkt. Romero wäre der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte gewesen. Wir alle waren aber überzeugt, dass er uns in absehbarer Zeit nicht nur sportlich einen großen Mehrwert gebracht hätte. Doch es zählt nicht nur die Zukunft, auch die Gegenwart. Wir müssen in der Rückrunde noch mindestens 20 Punkte holen. Wir brauchten also jemand, der möglichst zuverlässig unsere größte Schwäche aus der Vorrunde behebt: das Toreschießen. Dass ein 19-Jähriger diese Aufgabe sofort stemmen kann, ist nicht so sicher. Das galt es abzuwägen. Deshalb war unsere Schmerzgrenze dann irgendwann überschritten.
Ein Argument für die Ausgliederung in die AG war, dass der VfB finanziell wieder handlungsfähig wird.
Das sind wir, aber wir müssen doch auch sehen, woher wir kommen. Wir sind vom Budget her im hinteren Drittel der Liga. Wir haben die Verträge von Benjamin Pavard, Berkay Özcan und Timo Baumgartl verlängert. Das sind Investitionen in die Zukunft. Und wenn im Frühjahr ein interessanter Spieler auf den Markt kommt, können wir im Hinblick auf die nächste Saison handeln. Wir sind nicht mehr wie noch vor ein paar Jahren darauf angewiesen, dass wir erst Spieler verkaufen, um agieren zu können.

Jugendstil ist kein Dogma

Der VfB kommt vom Weg ab, in erster Linie junge und entwicklungsfähige Spieler an sich zu binden.
Überhaupt nicht. Die Vertragsverlängerungen mit Pavard, Öczan und Baumgartl beweisen doch das Gegenteil. Wir brauchen die passende Mischung. Was nützt es uns, wenn wir die jüngste und  entwicklungsfähigste Mannschaft der Liga haben – und am Ende keinen Erfolg haben unter dem Hinweis, dass wir uns starr an ein gewisses Dogma gehalten haben?
Trainer Hannes Wolf will das Spiel ein Stück weit auf Mario Gomez zuschneiden, warum hat er das bei Simon Terodde nicht getan?
Unser Trainer weiß sehr genau, was er zu tun hat. Hannes Wolf wird an den richtigen Schrauben drehen. So war das in der Vorrunde, so wird es in der Rückrunde sein.
Haben Sie Sorge, dass Mario Gomez bei den Fans zu sehr polarisiert?
(Lacht) Ich habe mir die Zustimmungsquote auf Facebook nicht angeschaut. Aber was ich aus unserem Umfeld mitbekommen habe, war der Eindruck, dass die Freude über die Verpflichtung von Mario riesengroß ist. Es ist ganz einfach: Wenn Mario und seine Mitspieler die Tore machen, wird vieles leichter. So wie für uns alle gilt: Sind wir am Ende der Saison über dem Strich, ist alles gut. Wenn nicht, ist alles schlecht. So ist Fußball. Aber von solchen Stimmungen dürfen wir uns im Verein nicht leiten lassen oder abhängig machen. Wir brauchen eine gewisse Gelassenheit, müssen aber auch sehr wachsam bleiben.
Das Finale der Hinrunde war bescheiden, was erwarten Sie von der Rückrunde?
Unsere Mannschaft hat sich trotz einiger Rückschläge kontinuierlich weiterentwickelt, und ich bin zuversichtlich, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird.

Unabhängiger von Hochs und Tiefs

Können Sie versprechen, dass beim Klassenverbleib weitere Investoren ins Boot kommen?
Wir wollen in diesem und im nächsten Jahr den Rest der von den Mitgliedern freigegebenen 24,9 Prozent der Anteile verkaufen. Ich bin absolut sicher, dass es gelingt.
Unabhängig von Liga­zugehörigkeit?
Natürlich macht der Erfolg alles leichter. Aber Kern meiner Arbeit als Präsident ist, dass sich der VfB Stuttgart auf allen Ebenen unabhängiger macht von den üblichen Hochs und Tiefs der Branche. Die Grundlagen dafür haben wir geschaffen. In allen Gremien sitzt Sportkompetenz, wir haben einen Sportvorstand mit einem unglaublichen Netzwerk und sehr hoher fachlicher Kompetenz, wir verlieren in der Jugend keine Spieler mehr, denen wir Potenzial zusprechen, und wir haben eine Mannschaft mit enormen Perspektiven und einem hervorragenden Trainer. Dass das honoriert wird, sieht man an den Zuschauerzahlen, dem Mitgliederzuwachs und an der Treue der Sponsoren. Diese Entwicklung beeindruckt natürlich auch weitere Investoren.
Die Allianz ist als Sponsor neu im Boot. Mit welchen Perspektiven?
Mit großen – zum Beispiel im Hinblick auf unsere Jugendarbeit.
Tragen die von der Allianz unterstützten Stuttgarter Volleyballfrauen bald das VfB-Trikot?
Dieses Thema steht überhaupt nicht auf unserer Agenda. Wir haben uns Ziele für den VfB gesetzt, die wir erreichen wollen. Daran arbeiten wir. An nichts anderem.
Steigt der VfB mithilfe der Allianz in den Frauenfußball ein?
Da gilt das Gleiche wie eben gesagt.

50+1-Regel für den VfB zweitrangig

Die Liga diskutiert zurzeit die 50+1-Regel. Wie ist Ihr Standpunkt dazu?
Es gibt viele Juristen, die behaupten, dass diese Regel nicht haltbar ist. Aber als VfB-Präsident ist das für mich zweitrangig. Wir haben den Beschluss unserer Mitglieder, dass wir 24,9 Prozent der Anteile verkaufen dürfen. Darauf basiert die Planung der nächsten vier, fünf Jahre. Und ich bin überzeugt, dass der VfB gut damit fährt. Aus heutiger Sicht bin ich sicher, dass wir auf dieser Entscheidungsgrundlage unserer Mitglieder unsere Ziele erreichen können.
Kippt die Regel? Wie lautet Ihre Prognose?

Ich bin kein Wahrsager. Ich bin selbst gespannt, wie sich das Thema entwickelt. Ich kann nur für den VfB sprechen, und für uns gilt, dass wir unsere Tradition erhalten und eine gleichzeitige Stärkung unserer Finanzkraft durch Investoren anstreben.

Sie sind Vorsitzender des AG-Aufsichtsrats und Präsident des Vereins. Sie sind ein mächtiger Mann. Wer kontrolliert eigentlich Sie?
Ich kann Sie beruhigen. Die Satzung setzt mir klare Grenzen: Im Aufsichtsrat der AG bin ich eines von neun Mitgliedern. Dazu haben wir ein dreiköpfiges Präsidium und den ebenfalls von den Mitgliedern gewählten Vereinsbeirat.
Ist es korrekt, dass der Aufsichtsrat überlegt, in absehbarer Zeit einen Vorstandsvorsitzenden in der AG zu installieren?
Das wäre mir neu. Darüber wurde noch nie gesprochen. Ich will aber nicht ausschließen, dass dies irgendwann mal eine Option sein könnte.
Wo landet der VfB am Saisonende?
Besser als Rang 16!

Zur Person Wolfgang Dietrich

Wolfgang Dietrich wird am 24. Juli 1948 in Stetten im Remstal geboren. Er wächst in Backnang auf.

Er gründet im Alter von 22 Jahren sein erstes Unternehmen. Von 2004 an konzentriert er sich auf das Gebiet Finanzierung und Marketing im Profifußball. Nach dem Rückzug aus dem operativen Geschäft 2010 ist er bis Februar 2015 Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm. Im Oktober 2016 wird er zum Präsidenten des VfB Stuttgart gewählt. Seit Juli 2017 ist er auch Aufsichtsratsvorsitzender der VfB AG.

Dietrich lebt mit seiner Partnerin zusammen und ist Vater von zwei Söhnen.

VfB Stuttgart - Bundesliga

lade Widget...

Tabelle

lade Widget...
Komplette Tabelle

Lesen Sie jetzt