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Erst stürmte der VfB Stuttgart in die Champions League, dann stürzte er in die Tiefen der Bundesliga. Im Interview verrät Staudt, welche Lehren er aus der verkorksten Hinrunde zieht.

Stuttgart - Erst stürmte der VfB Stuttgart in die Champions League, dann stürzte er in die Tiefen der Bundesliga und erlebte für seine Verhältnisse eine neue Dimension der Fan-Proteste. Und alles zusammen lässt sich nur schwer begreifen.

Herr Staudt, haben Sie Ihre Weihnachtsgeschenke alle besorgt?

Unsere Kinder sind ja erwachsen. Das gestaltet sich der Kauf der Geschenke einfacher. Ich denke, wir haben alles beisammen.

Dann können Sie ja in Ruhe Weihnachten feiern. Auch beim VfB ist wieder Friede eingekehrt. Welche Lehren ziehen Sie aus den Geschehnissen der verkorksten Hinrunde?

Wir werden in Zukunft noch wachsamer sein und noch genauer hingucken, wie sich die Dinge entwickeln.

Das hätten Sie auch schon können, als die Mannschaft mit Markus Babbel abstürzte.

Ja, aber wir wollten den Weg mit ihm gemeinsam weitergehen und haben da auch Fehler gemacht.

Sie haben die Situation falsch eingeschätzt.

Nein, vielleicht haben wir uns zu lange von Werten wie Dankbarkeit, Treue und Loyalität leiten lassen.

Gibt es dieser Tugenden überhaupt noch im Profifußball?

(Runzelt die Stirn) Ich wehre mich jedenfalls mit allen Mitteln gegen die Vorstellung, dass es sie nicht mehr geben könnte.

Das hat Ihnen Ärger eingetragen. Markus Babbel hat nach dem Rauswurf von Armin Veh mit dem VfB den Sprung in die Champions League geschafft hat. Waren Sie allesamt zu dankbar?

In der Rückschau könnte man das so sehen.

Viele Probleme haben sich frühzeitig angedeutet, warum hat zum Beispiel Manager Horst Heldt nicht sofort darauf reagiert?

Das hat er, aber unsere Maßnahmen haben nicht mehr gewirkt.

Welche Maßnahmen genau?

Da gab es etliche, manche davon sind ja auch bekannt. Aber ich will im Nachhinein nicht mehr darüber reden.

Am Ende machten die Fans vor allem den Vorstand für die Misere verantwortlich. Der Hass nach dem Spiel gegen Bochum hat viele Beobachter erschreckt.

Ja, das kannte man bisher aus Dortmund oder Gelsenkirchen, aber beim VfB Stuttgart gab es das noch nie. Es gibt in unserem Stadion keinen Rassismus, keine Homophobie und keine Stimmungsmache gegen Minderheiten. Darauf sind wir stolz. Wir haben in der Vergangenheit ja auch einiges dafür getan, dass sich unsere Fans wohlfühlen können.

Was war in Ihren Augen der entscheidende Impuls für die massiven Proteste?

Ich glaube, es war die tiefe Enttäuschung, die die Fans verspürten.

Wegen der Untätigkeit des Managements...

...eher, weil ja jeder erkannte, dass die Mannschaft Potenzial hat, sie es aber trotz aller Versuche nicht zeigte. Die Spieler haben ihre Arbeitsverträge erfüllt, aber keine Leidenschaft an den Tag gelegt.

Das allein reicht Ihnen als Erklärung für den Aufstand der Fans?

b>"Fans sind zu Recht sauer"

Das alles geschah in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, in einer Phase, in der in Hamburg und Berlin Autos angezündet wurden, als Daimler die Einstellung der C-Klassen-Produktion in Sindelfingen bekanntgegeben hatte und als sich abzeichnete, dass die Weltklima-Konferenz scheitern könnte. Da mag im Unterbewusstsein die Verdrossenheit gegenüber Politik, Wirtschaft und staatlicher Macht auch eine Rolle gespielt haben. Aber am Ende sind die Fans zu Recht über unsere Punktausbeute in der Bundesliga sauer.

Was kann der Verein für die Fans noch tun?

Wir haben das Carl-Benz-Center geschaffen, wo man sich vor und nach dem Spiel treffen kann. Und wir berücksichtigen beim Stadion-Umbau intensiv die Belange der Fans. Wir suchen ständig den Dialog.

Der Andrang im Carl-Benz-Center hält sich in engen Grenzen.

Auch deshalb, weil der Zugang eher ungeschickt für die Fans liegt, hat sich dieser Treffpunkt vor und nach dem Spiel leider nie richtig etabliert. Aber die Regelung des Zugangs haben die Behörden aus Sicherheitsgründen so verlangt.

Wird es in Zukunft in Stuttgart endlich ein Fan-Projekt geben?

Wir werden alles dafür tun, damit Stadt, Land und der Deutsche Fußball-Bund ihre Mittel für ein sinnvolles Projekt bereitstellen. Wir haben schon einige Gespräche geführt, aber die finanzielle Lage der Stadt ist zurzeit nicht einfach.

War der Aufstand der Fans nicht auch der sichtbare Protest gegen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stadion? Hier die Vips im Business-Center, dort die Abteilung Stimmung und Folklore in der Cannstatter Kurve?

Das glaube nicht, wir wollen ja auf gar keinen Fall die Zwei-Klassen-Gesellschaft. Unsere Gäste im Business-Center zahlen gutes Geld für dieses Privileg und für die Möglichkeit, in diesem Rahmen auch Geschäfte anzubahnen oder zu tätigen. Es gibt nur noch drei Bereiche in unserem Leben, wo reich und arm, gebildet und weniger gebildet keine Rolle spielen: im Stadion, an der Wahlurne und im Straßenverkehr.

Sie liefern das Stichwort: Es war wohl auch der latente Zorn auf die Jungmillionäre in ihren dicken Autos, die gut verdienen, aber ziemlich schlecht arbeiten.

Das ist ein typisch deutsches Problem.

Der Sozialneid?

In anderen Ländern geht man jedenfalls entspannter mit dem Wohlstand anderer um.

Müssen die jungen Burschen schon so dicke Brummer fahren?

"Fans sind zu Recht sauer"

Wir können ihnen die Wahl ihres Autos nicht vorschreiben. Jeder bringt das Wertesystem mit, das ihm seine Erziehung und kulturelle Tradierung mitgegeben hat. Schöne Autos, Uhren oder edle Kleidung sind auch äußere Zeichen des Erfolgs. Unsere Gesellschaft baut mit darauf auf.

Vielleicht ist das in Zeiten der sozialen Kälte die falsche Botschaft.

Ein Fußballverein kann die Probleme unserer Zeit aber nicht lösen, wie schon DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte: Wir sind nicht der Reparaturbetrieb der Gesellschaft.

Aber der Sport kann ehrliche Antworten auf ehrliche Fragen geben. Er zieht seine Daseinsberechtigung auch aus Werten, die uns in mancherlei Hinsicht auch Regeln für das tägliche Miteinander liefern.

Das alles tun wir doch. Wir liefern der Gesellschaft Vorbilder in vielerlei Hinsicht.

. . . da fällt uns sofort Jens Lehmann ein.

Ich denke dabei eher an Jungs wie Thomas Hitzlsperger, Sami Khedira oder Serdar Tasci, die solche Werte vorbildlich verinnerlicht haben. Unsere Mannschaft ist doch geradezu ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Wenn wir elf Nationen in einer Mannschaft vereinen und diese Jungs mit dem roten Brustring auf dem Trikot zu Cannstattern werden, dann ist das für jeden sicht- und erlebbar.

Das machen Sie doch nicht aus Gründen der sozialen Fürsorge, das machen Sie in erster Linie, um die sportliche Qualität zu sichern.

Dabei geht es ja nicht in erster Linie um die Spieler, die direkt aus dem Ausland zu uns kommen. So agieren Daimler, Festo und Trumpf doch auch. Die holen Leute aus der ganzen Welt, weil sie damit ihr Unternehmen stärker machen. Ich sehe unseren Auftrag vor allem in der ganzheitlichen Ausbildung unserer Jugendlichen im eigenen Nachwuchsbereich. Ihnen wollen wir neben der sportlichen Komponente Werte mit auf den Weg geben, die sie in unserer Gesellschaft bestehen lassen.

Welche Werte vermittelt in Ihren Augen ein Vorbild wie Sami Khedira?

Er ist ein Synonym für eine ganz neue Jugend in Deutschland. Das sind junge Menschen, die zwar keinen deutschen Namen tragen, aber deutsch sind. Sie sind in dieser Gesellschaft aufgewachsen, sie haben deren Werte verinnerlicht, sie vermischen die Kultur ihrer Eltern mit unserer Kultur. Das ist doch wunderbar, das ist eine großartige Entwicklung.

Dabei sind sie auch nur Menschen, die ein wenig besser Fußball spielen können als andere, sie werden aber verehrt wie Heilige.

Ja, und das überrascht mich immer wieder. Es gibt Menschen, die ihren Verein und die Spieler heiß und innig lieben. Aber Liebe ist was ganz anderes, so etwas passiert normalerweise ja nur unter Menschen, die sich sehr nahe stehen.

Und wenn Liebe in Hass umschlägt?

Dann trägt das wahrscheinlich dazu bei, dass solche Dinge wie neulich nach dem Spiel gegen Bochum passieren.

Dürfen sich die Menschen nicht mehr nach Vorbildern sehnen?

Doch, wir brauchen Sie mehr denn je.

Aber die Gefahr, dass sie ihren Zauber verlieren, ist auch größer denn je . . .

...weil wir im Informationszeitalter sehr schnell alles über sie wissen. Aber dieses Rad drehen wir nicht mehr zurück.

Wie lautet Ihre Ultima Ratio?

Die gibt es nicht, aber wir müssen uns auf zwei Dinge einstellen: Unsere Gesellschaft wird sich durch die nicht endende Flut an Informationen in immer kürzeren Abständen drastisch verändern. Und wir müssen lernen, dass es durch den ungefilterten Zugang zu Informationen aller Art eine Erwartungshaltung gegenüber Stars in Sport und Kultur, Politikern, Unternehmern, Ärzten und auch Journalisten gibt, die diese Menschen nicht einlösen können. Das gab es in dieser Form noch nie.

Haben Sie Ihren Weihnachtsbaum übers Internet ausgesucht?

Den haben wir wie immer in Eltingen besorgt.

Wir sind beruhigt und wünschen ein frohes Fest.

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