Keiner hat im VfB-Trikot so oft gejubelt wie Karl Allgöwer. Foto: Baumann

Karl Allgöwer, der erfolgreichste Torschütze der VfB-Geschichte, wird 60 Jahre alt. Unser Redakteur hat seine persönlichen Erinnerungen an einen in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Fußballspieler niedergeschrieben.

Stuttgart - An jenem Mittwochabend im Dezember 1983, eine Woche vor meinem zwölften Geburtstag und drei Wochen vor dem Start des Privatfernsehens, durfte ich ausnahmsweise länger aufbleiben. Das dritte (und damit noch letzte) Programm übertrug live das Bundesliga-Auswärtsspiel des VfB Stuttgart beim Hamburger SV, obwohl sonst in der „Sportschau“ immer nur Ausschnitte von drei Partien kamen. Jetzt aber gastierte der Tabellenführer zum Abschluss der Vorrunde beim amtierenden Deutschen Meister und Europapokalsieger der Landesmeister – was für ein Spiel!

Bitterkalt muss es im Hamburger Volksparkstadion gewesen sein, jedenfalls bedeckte eine Reifschicht den Rasen, auf dem sämtliche HSV-Spieler ihren Dienst in langen schwarzen Unterhosen verrichteten. Ich selbst saß im warmen Wohnzimmer und zitterte ebenfalls, vor Aufregung. Dan Corneliusson, der ansonsten nicht übermäßig treffsichere Stürmer aus Schweden, hatte den VfB überraschend in Führung gebracht, doch die Hamburger drängten immer stärker auf den Ausgleich. Die Spannung wurde unerträglich, mein Vater, ansonsten Nichtraucher, rauchte Kette.

„Allgöwer, Allgöwer, ALL-GÖ-WER“

Nie werde ich den Moment vergessen, als kurz vor Schluss nach einem Bodenabschlag Karl Allgöwer nahe der Mittellinie an den Ball kam und ohne lange Unterhosen loslief Richtung HSV-Tor. „Allgöwer, Allgöwer“, rief Peter Ziehe, der Reporter des Süddeutschen Rundfunks mit immer lauter werdender Stimme. Und schließlich, nachdem Allgöwer den HSV-Tormann Uli Stein mit dem rechten Außenrist überlistet hatte: „ALL-GÖ-WER!!!“ Es war das 2:0, es war die Entscheidung.

Während Allgöwer an der Seitenlinie unter einem Berg jubelnder VfB-Ersatzspieler versank, darunter auch Mannschaftsbetreuer Richard Steimle im beigen Trenchcoat, lag ich zuhause im Wohnzimmer mit meinem Vater in den Armen. Ein halbes Jahr später wurde der VfB Deutscher Meister, knapp vor dem HSV, daran änderte auch das Rückspiel-0:1 im Neckarstadion nichts. Auf dem Marktplatz stand ich hinterher vor dem Rathausbalkon und und schaute stolz hinauf zu meinen Helden. Es war meine erste Meisterschaft als Anhänger des VfB Stuttgart, so schön und unbeschwert sollte es nie mehr werden.

In den 80er Jahren gab es viele VfB-Idole

Wer in den sorgenfreien 80er Jahren in Stuttgart aufgewachsen ist und VfB-Fan war, der konnte viele Idole haben. Erst Hansi Müller, den eleganten Spielmacher aus Stuttgart-Rot, dessen Pässe so gepflegt waren, wie sein pechschwarzes Haar; dann Asgeir Sigurvinsson, den stillen, kraftvollen, genialen Mittelfeldregisseur aus Island, den die verhassten Bayern verkannt hatten, was die Sache noch schöner machte; die Förster-Brüder oder Guido Buchwald, wenn man ein Freund kompromissloser Abwehrkunst war; oder später natürlich Jürgen Klinsmann, den größten aller VfB-Stürmer.

Wie Allgöwer MV zur Weißglut brachte

Einer aber hat einen damals all die Jahre über begleitet, und das war Karl Allgöwer, der Mann mit der Rückennummer 7, der es einem in vielerlei Hinsicht nicht so leicht gemacht hat wie die anderen. Einerseits wusste man nie so genau: Ist er Stürmer? Ist er Mittelfeldspieler? Auch als Libero gab er eine prächtige Figur ab. Allgöwer vereinigte so viele Eigenschaften in sich: Klinsmanns Torinstinkt, Buchwalds Dynamik, die strategischen Fähigkeiten und die knallharte Klebe von Müller und Sigurvinsson, mit dem er auch die bis zu den Knöcheln runtergerollten Stutzen gemein hatte.

Wie Allgöwer MV zur Weißglut brachte

Andererseits war Allgöwer neben dem Spielfeld ganz anders als alle anderen. Als Revoluzzer galt er, als linker Querdenker, der sich für die SPD, die Friedensbewegung, den Umweltschutz engagierte. Ich interessierte mich viel mehr für Fußball als für Politik, doch instinktiv dachte ich mir: Der Mann muss auf der richtigen Seite stehen, wenn er regelmäßig den VfB-Präsidenten und CDU-Hardliner Gerhard Mayer-Vorfelder zur Weißglut bringt. Denn gegen den damaligen Kultusminister zog sogar ich einmal in den Kampf, bei der Schülerdemo auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

Viel öfter aber war ich im Neckarstadion, H-Block Cannstatter Kurve, und bewunderte Karl Allgöwer. Seinen unnachahmlichen Laufstil, bei dem der Oberkörper so weit vorne lag; seine brachialen Freistöße, vor denen sich die Gegner in der Mauer sicher sehr fürchteten; seine vielen Tore, nach denen er immer so lachte und die Arme in die Höhe streckte. Ich jubelte sogar am letzten Spieltag der Saison 1985/1986 mit, als Allgöwer beim 2:1 gegen Bremen beide VfB-Tore schoss, obwohl er dadurch die Bayern zum Meister machte. Der Dank der Münchner sah so aus: Eine Woche später überrollten sie den VfB im Pokalfinale mit 5:2. Als kleiner Trost blieb, dass die Bayern Allgöwer nie bekommen haben.

Nur zehn Länderspiele – und trotzdem ein Held für alle Zeiten

Elf Jahre hat Allgöwer für den VfB gespielt, von 1980 bis 1991, und 12. Bundesligatore erzielt, mehr als jeder andere in der Geschichte des Vereins. Er wurde zum „Knallgöwer“, zum „Wasen-Karle“, und das wird er für mich auch immer bleiben. Ich habe zwar nie recht verstanden, warum er nur zehn Länderspiele bestritten hat, was er nach seiner aktiven Karriere so genau anstellte, worin vergangene Saison seine Aufgabe als VfB-Berater bestand, als er nach mehr als 20 Jahren plötzlich doch wieder im Fußballgeschäft mitmischen wollte. Trotzdem bleibt Karl Allgöwer auf alle Zeiten ein Held, weil er meine Kindheit und Jugend als VfB-Fan maßgeblich bereichert hat.

Herzlichste Glückwünsche zum 60. Geburtstag!

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