Aber es fehlte der letzte Punch. Tiago Tomas blieb in der Sturmspitze ohne klaren Abschluss. Foto: Baumann/Michael Treutner

Der VfB Stuttgart hat auch das zweite Auswärtsspiel in der Europa League verloren. Damit steht das Team international schon nach drei Partien unter Zugzwang. Wie kam es dazu?

Die Nachspielzeit lief, am Seitenrand ruderte Domenico Tedesco wild mit den Armen. Ein paar Meter weiter tat es Sebastian Hoeneß dem deutschen Coach von Fenerbahce Istanbul gleich. Tedesco wollte den Abpfiff, Hoeneß den Ausgleich – kurz danach hatte aber nur einer der beiden, was er wollte. Es blieb beim 1:0 der türkischen Gastgeber am dritten Spieltag der Europa League, Tedesco umarmte die Seinen, das Sükru Saracoglu Stadion bebte, es gab noch ein bisschen Tumult auf dem Platz. Dann schlichen Hoeneß und sein Team mit hängenden Köpfen vom Platz.

 

Der Trainer des VfB Stuttgart hatte im Prinzip keinen Grund gehabt, sein Team zu verändern – schließlich hatte es überzeugt beim Sieg in Wolfsburg. Am Samstag hatte es ein souveränes 3:0 gegen den VfL gegeben. Aber schon nach dem Abpfiff in der Autostadt war im Prinzip klar: Derart wenig Gegenwehr wird es am Bosporus nicht geben. Also machte sich Hoeneß doch ein paar Gedanken über seine Startformation. Und er veränderte sie.

Anstelle von Chema durfte Atakan Karazor neben Angelo Stiller in der Mittelfeldzentrale auflaufen. Und der Überraschungsmann vom Wochenende, Nikolas Nartey, saß erst einmal auf der Bank – für den Dänen spielte Badredine Bouanani. „Wir wollen mutig spielen“, gab Hoeneß die Marschrichtung in Istanbul vor, „vielleicht können wir die Fans ein bisschen rausnehmen.“

Unfassbar laut war es schließlich schon vor dem Anpfiff – als das Spiel begonnen hatte, wurde es nicht leiser. Aber: Von den Rängen gab es Signale, die dem VfB Mut machen durften. Denn die Fans in Gelb und Blau pfiffen – weil die Gäste aus Stuttgart fast permanent am Ball waren und die Partie kontrollierten. Das Manko: Torchancen erspielte sich der VfB trotz seiner Dominanz nicht. Erst in der 24. Minute feuerte Tiago Tomas den ersten Torschuss ab.

Angelo Stiller hat einen Strafstoß verursacht und selbst keinen bekommen. Foto: IMAGO/Eibner

Die Fener-Profis dagegen kamen zwar seltener in die Stuttgarter Hälfte, waren dann aber meist gefährlich. Die Führung der Gastgeber resultierte dann allerdings aus einer zunächst harmlosen Aktion.

In der 30. Minute gab es einen Eckball für Fenerbahce – und als der Ball in den Stuttgarter Strafraum segelte, vergaß Angelo Stiller, was ihm sein Trainer auch noch mit auf den Weg gegeben hatte („Wir müssen schlau spielen“). Der Matchwinner vom Samstag aber hielt Fener-Kapitän Milan Skriniar etwas zu lang, der Slowake fiel, der Schiedsrichter Jakob Kehlet (Dänemark) entschied auf Strafstoß. „Hart“ sei das gewesen, meinte später der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle, „aber keine Fehlentscheidung.“ Stiller meinte: „Ich halte ihn, aber er fällt auch sehr leicht.“

Nächste EL-Partie gegen Feyenoord Rotterdam

Kerem Aktürkoglu war’s so oder so egal – der Türke verwandelte souverän zur Führung. Und hätte nach der Pause fast die Chance auf eine Wiederholung bekommen.

Die Kontrolle über das Spiel war dem VfB schon Mitte der ersten Hälfte ein wenig abhanden gekommen, nun entwickelte sich noch mehr ein offenes, teils wildes Spiel mit Torszenen auf beiden Seiten. Und mit Fehlern. Einer von Jeff Chabot führte zur nächsten Elfmeterszene. Lorenz Assignon foulte Dorgeles Nene, die Strafstoßentscheidung war unstrittig – aber der VAR ergab: Es hatte zuvor eine Abseitsposition vorgelegen. Glück für den VfB. Der dann aber Pech hatte.

In der 66. Minute ging Angelo Stiller im Fener-Strafraum zu Boden, er war nach seinem Torschuss von Edson Alvarez getroffen worden. Wieder ertönte der Elfmeterpfiff – aber nach Ansicht der Videobilder entschied sich Referee Kehlet um. Kein Strafstoß, kein Ausgleich, aber noch genügend Zeit.

Deniz Undav war mittlerweile auf dem Platz, dann kamen Jamie Leweling und Nikolas Nartey, doch das Fehlen eines wuchtigen Stürmers im Zentrum (Ermedin Demirovic fehlt verletzt) war nun deutlicher zu erkennen als jüngst in der Bundesliga. Deniz Undav hatte noch eine gute Möglichkeit, setzte den Ball aber neben das Tor, dann kam zwar auch noch Chris Führich ins Spiel, doch es half alles nichts mehr. „Uns hat die Durchschlagskraft gefehlt“, analysierte Stiller.

Damit kassierte der VfB im dritten Europa-League-Spiel dieser Saison die zweite Auswärtsniederlage nach dem 0:2 beim FC Basel. Dabei hatte die internationale Spielzeit beim starken 2:1 gegen Celta Vigo noch nahezu perfekt begonnen. Nun aber ist damit vor dem Heimspiel am 6. November gegen Feyenoord Rotterdam schon ordentlich unter Zugzwang. „Wir müssen“, sagte Karazor, „einfach zwingender werden.“