Die Fans von Atalanta Bergamo fordern Freiheit für ihren einstigen Anführer Claudio Galimberti. In unserer Bildergalerie geben wir Einblicke in die berüchtigte Curva Nord. Foto: imago//Italy Photo Press

Sportlich hat es der kommende Champions-League-Gegner des VfB Stuttgart aus Bergamo in sich. Gleiches gilt für die Fanszene der Nerazzurri – eine der berühmt-berüchtigtsten ganz Italiens.

Aller Voraussicht nach wird Claudio „Bocia“ Galimberti am Mittwoch nicht in Stuttgart aufschlagen. Wobei: Auszuschließen lässt sich in dieser verrückten Geschichte nichts. 2018 gelang dem einstigen Rädelsführer der Fanszene von Atalanta Bergamo der Trip zum Europa-League-Spiel nach Dortmund, wo er sich das Spiel in einer Kneipe anschaute.

 

Einfluss weit über Bergamo hinaus

Am Mittwoch (21 Uhr) also Stuttgart. VfB gegen Atalanta Bergamo, vierter Spieltag der Champions League. Ein Festtag. Auf dem Rasen wie auf den Rängen. Die Partie wird auch zum Aufeinandertreffen einer der besten Fanszenen Deutschlands mit einer der besten Italiens. Viele sagen sogar: einer der besten Europas. Doch was heißt schon besten? Ganz sicher einer der lautesten, stimmungsvollsten, wildesten, berühmtesten. Und berüchtigtsten.

Claudio Galimberti ist die Gallionsfigur. Besser gesagt: War es. Um die Jahrtausendwende formte Galimberti, ein gelernter Gärtner, die verschiedenen Ultragruppierungen Bergamos zu einer großen Einheit: zur Curva Nord. Einer Einheit, die in den folgenden Jahren Einfluss weit über die Grenzen der norditalienischen Stadt hinaus entfalten sollte.

Anführer Galimberti in der Curva Nord (Bild von 2008) Foto: imago//IPA Photo

Wie keine andere Szene in der Serie A stehen die Ultras der Nerazzurri, der Schwarz-Blauen, für die Ambivalenz der Ultra-Bewegung. Großem sozialen Engagement stehen seit Jahren Gewalt sowie Ärger mit Polizei und Justiz gegenüber. Auf der einen Seite Aktionen für Obdachlose und Erdbebenopfer, der Bau von Schulen in Afrika und die Organisation einer riesigen karnevalsähnlichen Party in den Straßen von Bergamo. Demgegenüber: Immer wieder Gewaltexzesse. Gegen gegnerische Fans, die Polizei. Als Wurfgeschosse eingesetzte Motorroller zählen da fast zu harmloser italienischer Fan-Folklore. Einmal überrollten Atalanta-Ultras zwei Autos verfeindeter Clubs mit einem Weltkriegs-Panzer.

Soziales Engagement und Gewaltexzesse

Immer wieder kam es zu Gerichtsprozessen. Denn so sehr die linksorientierte, anti-faschistische und grundsätzlich wenig zimperliche Ultrakultur in Italien ihren Ursprung hat und auf dem Stiefel zumindest über eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz verfügt, so unnachgiebig steht ihr die italienische Justiz gegenüber. Galimberti wurde gejagt und bestraft wie ein Staatsfeind. Zunächst mit einem fünfjährigen Stadionverbot. Später wurde ihm sogar untersagt, in der Provinz Bergamo zu leben. Der Führerschein wurde ihm entzogen, dazu verhängte die Staatsanwaltschaft eine Sonderüberwachung gegen ihn. Sie gilt bis heute und reicht bis ins Exil, wo der einstige Anführer der Atalanta-Ultras seit Jahren lebt. In Senigallia, 350 Kilometer von Bergamo entfernt. Zweimal pro Woche muss er auf der Polizeistelle vorstellig werden. Seine Liebe zu Atalanta ist heute vor allem Sehnsucht.

„Er hat für die Curva Nord alles gegeben, sogar seine Freiheit“, sagt der Regisseur Andrea Zambelli, der einen Film über den Fußballfan gedreht hat, der auch in hiesigen Programmkinos läuft. „Guardia di una fede“ (zu Deutsch: „Wächter eines Glaubens“) erzählt die Geschichte des 50-Jährigen und seinen Einfluss über die vergangenen zwei Jahrzehnte nach. Als Kämpfer für eine Sache, für Ideale, für seinen Verein und seine Stadt.

2023 hat sich die Curva Nord als zusammenhängende Gruppe aufgelöst, aus verschiedenen Gründen. Ihr Geist in den Fankurven lebt aber weiter. In Bergamo genauso wie am Mittwochabend in Stuttgart.