Yannik Keitel bejubelt sein erstes Tor in der Champions League für den VfB Stuttgart. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Der Neuzugang Yannik Keitel spielte beim VfB Stuttgart in dieser Saison noch keine große Rolle. Nun hat der Ex-Freiburger ein Ausrufezeichen gesetzt – und erklärt, warum sein Stotterstart in Stuttgart auch mit Christian Streich zu tun hat.

Die Cannstatter Kurve war nicht weit – und ist eigentlich ein guter Ort, um einen Treffer zu bejubeln. Auch die Ersatzbank war gut erreichbar – um mit dem Kollegen dort zu feiern. Und eine der vier Eckfahnen hätte er auch ansteuern können für ein kleines Tänzchen. Was aber machte Yannik Keitel nach seinem ersten Tor für den VfB Stuttgart in der Champions League?

 

„Ich wusste“, gab der Mittelfeldspieler nach dem Abpfiff zu, „gar nicht, wohin mit mir.“ Und das habe man ja vermutlich auch „beim Jubeln gesehen“. Als er ein bisschen an die Christusstatue von Rio de Janeiro erinnerte: „Ich bin einfach stehen geblieben und habe die Arme ausgebreitet.“ Ehe die Mitspieler auf ihn einstürmten.

Die Überforderung beim plötzlichen Glücksgefühl war durchaus nachvollziehbar. Schließlich waren Momente wie diese rar im Fußballerleben des Yannik Keitel – zumindest in den vergangenen Monaten. Im Sommer war der 24-Jährige vom SC Freiburg zum VfB gekommen, wollte sich schnell reinspielen in die Startelf des Vizemeisters – oder zumindest einer der ersten Herausforderer der Platzhirsche sein. Doch irgendwie schien er bis vor Kurzem ganz weit weg von einer tragenden Rolle.

„Seit er zu uns gekommen ist, gab es eine Entwicklung“, bescheinigte ihm am Mittwochabend zwar Fabian Wohlgemuth. Der Stuttgarter Sportvorstand schränkte aber auch ein: „Mit mehreren Ausschlägen.“ Weil es eher welche nach unten waren, sprach Wohlgemuth auch von einer „unglücklichen Chronologie.“ Zu der auch kleinere Verletzungen gehörten, die den Neuzugang immer dann zurückwarfen, wenn er dabei war, nahe an die erste Elf zu rücken. „Es war keine einfach Zeit“, sagte Keitel. Und es machten schon Gerüchte die Runde, er wolle Stuttgart im Winter wieder verlassen.

Yannik Keitel hat jahrelang mit Christian Streich in Freiburg zusammengearbeitet. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Pressefoto Rudel/Robin Rudel

Er habe das auch gelesen, sagte der Mittelfeldspieler, sich damit aber „nicht beschäftigt“. Eine solche Flucht würde auch nicht dem Naturell des ehemaligen Juniorennationalspielers entsprechen. „Er ist vom Charakter her einer, der nie aufgibt“, sagte Wohlgemuth, der sich freute, dass Keitel sich am Mittwochabend beim 5:1 gegen die Schweizer aus Bern nun selbst für seinen Fleiß belohnt hat: „Man hat am Torjubel gesehen, dass es befreiend war.“

Yannik Keitel, der zuletzt im Pokal in Regensburg (3:0) von Beginn an hatte spielen dürfen, war gegen Young Boys Bern nach der Halbzeitpause für Atakan Karazor eingewechselt worden. Der Kapitän litt an Magenproblemen, Keitel sprang hervorragend ein und sorgte mit dafür, dass der VfB nach einem Fehlstart noch mit 5:1 gewann. Den letzten Stuttgarter Treffer hatte er mit einem beherzten Rechtsschuss aus 20 Metern selbst erzielt.

„Es war ein unglaubliches Gefühl“, sagte Keitel, der hernach nicht nur auf seine Verletzungen blicken wollte, sondern auch zugab, dass er sich zu Beginn seiner Zeit beim VfB auch erst an die Stuttgarter Spielweise gewöhnen musste. Die sei „ein bisschen anders“ als bei anderen Clubs. Also auch anders als beim SC Freiburg. Wo Yannik Keitel fußballerisch ausgebildet wurde. Und wo in den vergangenen Jahren nur eine Philosophie galt: jene von Christian Streich.

„Ich war ja einige Jährchen in Freiburg“, sagte Keitel am Mittwoch nun lächelnd und meinte: „Da hat sich der Christian Streich im Kopf ein wenig festgesetzt.“ Sebastian Hoeneß dagegen forderte „andere Abläufe, andere Muster“. Die Keitel nach und nach verinnerlicht hat. Gepaart mit großem Fleiß.

„Ich bin schon ziemlich ehrgeizig und diszipliniert“, erklärte der Mann aus Breisach am Rhein und berichtete von nahezu täglichen Sonderschichten im Kraftraum. Die schiebt er auch, um seiner früheren Verletzungsanfälligkeit zu begegnen. Nun ist er stabiler, musste in Stuttgart aber eine andere Fähigkeit weiter ausbilden. „Ich durfte mich ein bisschen in Geduld üben“, sagte er über seinen bisherigen Weg beim VfB, „das ist nicht so meine Stärke, aber ich bin darin besser geworden.“ Am liebsten aber will er gar nicht mehr geduldig sein müssen.

Um in konstant in die Startelf zu rücken, müsste Keitel allerdings einen der bislang unangefochtenen Angelo Stiller und Atakan Karazor verdrängen. „Sie haben eine brutale vergangene Saison gespielt, und machen es auch jetzt wieder sehr gut“, erkannte der Neuzugang an. Herausfordern will er das Duo dennoch. Das wäre auch im Sinne von Fabian Wohlgemuth.

„Wir hoffen“, sagte der Sportvorstand des VfB nach dem Sieg gegen YB, „dass Yannik daran anknüpfen kann und den anderen Konkurrenz macht.“ Damit künftige Glücksgefühle nicht mehr ganz so überraschend kommen.