Marco Reus hat seinen Vertrag beim BVB bis 2023 verlängert und gilt als Symbol für Clubtreue. Foto: AFP

Beim nächsten VfB-Gegner kann der Tempodribbler Marco Reus noch immer mit einem Pass, einem Laufweg oder einem Tor die Spiele entscheiden. Dazu muss der Dortmunder aber wie aktuell körperlich fit sein.

Dortmund - Es ist nur ein kleiner, unscheinbarer Satz, der aber einen tiefe Einblicke in die Gedankenwelt des Marco Reus zulässt „Nur, wenn ich über Monate oder auch mal ein, zwei Jahre fit bin, kann ich die Leistung bringen, die ich von mir selbst erwarte“, sagt der Angreifer von Borussia Dortmund im Gespräch mit „Eurosport“. Seine Stimme klingt dabei, als produziere er mal wieder eine dieser Fußballerfloskeln, die Leute wie Reus routinemäßig in Reportermikrofone hinein diktieren.

Doch wer genauer hin hört, stößt auf die ganze Tragik, die über der Karriere dieses wunderbaren Fußballspielers liegt. Sollte die Selbsteinschätzung zutreffen, hat die Welt Reus nämlich nie in voller Blüte spielen sehen, schließlich ist der 28-Jährige schon ewig nicht mehr „über Monate oder auch mal ein, zwei Jahre fit“ gewesen.

Auch vor dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart am Sonntag (15.30 Uhr) musste er wegen muskulärer Probleme pausieren, verpasste die Länderspiele gegen Spanien und Brasilien und das 0:6 des BVB beim FC Bayern, nun kehrt er wohl zurück ins Team. Mal wieder. Die Kollegen freuen sich, „Marco Reus ist unser wichtigster Spieler, er macht jeden von uns besser“, sagt Dortmunds Kapitän Marcel Schmelzer über den wohl meistumschwärmte Kollegen, der gerade seinen Vertrag beim BVB bis 2023 verlängert hat. Reus werde „wahrscheinlich seine Karriere hier auch beenden“, glaubt Sportdirektor Michael Zorc.

Reus ist stark mit seiner Geburtsstadt verbunden

Und weil diese Art der Verbundenheit in Zeiten der Transferauswüchse selten ist, nutzt der Club die Gelegenheit, ein Rührstück der Treue und Erdverbundenheit zu inszenieren. Im BVB-TV erzählt Reus, wie tief er mit dem Verein seiner Geburtsstadt verbunden ist – und sagt: „Ich fühle mich einfach wohl. Wer mich kennt, weiß, dass mir das an wichtigsten ist, dass ich meine Familie um mich habe, meine Freunde, das ist manchmal mehr wert als alles andere.“

Kritiker, wie der ehemalige VfB- und Schalker Trainer Huub Stevens, kommentieren die Vertragsverlängerung allerdings weniger sentimental, aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit habe einfach keiner der ganz großen Topclubs aus Spanien oder England Interesse an dem deutschen Nationalspieler, glaubt der Holländer.

Aber bei Reus spielt womöglich noch ein weiterer Aspekt eine Rolle beim Verzicht auf ein Auslandsabenteuer. In Mönchengladbach, wo Reus bis 2012 spielte, erzählen sie noch heute davon, wie nervös und angstvoll der Angreifer auf seine ersten Einladungen zur Nationalmannschaft reagiert habe. Viermal sagte er aufgrund verschiedener Verletzungen ab, am Wochenende nach den verpassten Länderspielen stand er in der Bundesliga aber meist wieder auf dem Rasen. Jahrelang fuhr er ohne Führerschein Auto, angeblich, weil er unter schweren Prüfungsängsten leidet, und in den ganz großen, wichtigen Spielen blieb er oft blass und unscheinbar.

Dass so ein Typ nicht unbedingt nach neuen Herausforderungen in einer fremden Stadt in einem noch größeren Verein unter noch größerem Erwartungsdruck sucht, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern menschlich. Jene Kommentatoren, die von einer Karriere faseln, die viel strahlender hätte werden können, vergessen mal wieder die Empfindungen von Fußballprofis, die Per Mertesacker jüngst so eindrucksvoll im „Spiegel“ beschrieb.

BVB-Profi sucht nach Nestwärme

Reus ist so oft verletzt, dass er genau weiß, wie deprimierend die Wochen und Monate ohne den Alltag mit dem Team sind, wie zermürbend eine Reha sein kann. „Dann sitzt du bei den Spielen da oben auf der Tribüne, bist emotional weit weg“, sagt er. Es ist naheliegend, dass die Vorstellung, solch eine Phase in einer fremden Umgebung durchzustehen zu müssen, auch eine Rolle bei der Vertragsverlängerung spielte. Zumal die Dortmunder Alternative nicht uninteressant ist.

In der Umbruchzeit, in der Matthias Sammer als Berater und Sebastian Kehl als leitender Angestellter neue Impulse setzen sollen, in der wohl ein neuer Trainer kommen wird, soll Reus die Konstante im Kader sein, der Anführer auf dem Platz. Während der einstmals zum kommenden Weltstar hochgehypte Mario Götze gerade dabei ist, endgültig im Mittelmaß zu versinken, sind Reus’ Darbietungen an guten Tagen immer noch geprägt vom Zauber des Genialen.

Der Tempodribbler kann immer noch Spiele entscheiden, mit einem Pass, einem Laufweg, einem Torabschluss – jedenfalls wenn er fit ist. Und nun hofft er darauf, dass der Körper zumindest bis zur WM gesund bleibt. „Ich will keinen Hehl daraus machen, dass es ein großes Ziel ist, dabei zu sein. Wenn ich meine Leistung bringe, habe ich gute Chancen, davon bin ich überzeugt“, sagt er. Denn zweifellos kann er die Nationalmannschaft auch in jener unvollkommenen Version besser machen, die zuvor nicht jahrelang verletzungsfrei durchgespielt hat.

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