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Der VfB Stuttgart erwartet an diesem Samstag den FC Schalke (15.30 Uhr/Sky und Liga total). Bei den Königsblauen wird wohl ein alter Bekannter im Tor stehen: Timo Hildebrand.

Gelsenkirchen/Stuttgart - Wer in diesen Tagen mit Timo Hildebrand (33) spricht, hört oft das Wort glücklich. Glücklich sei er, sagt der Torhüter des FC Schalke, dass er wieder spielen dürfe. Glücklich, bei so einem Club aktiv sein zu dürfen. Und „verdammt glücklich“, einfach wieder dabei zu sein.

Irgendwie ist es verständlich, dass Hildebrand die einfachen Dinge mittlerweile so sehr zu schätzen weiß. Früher spielte der Keeper immer, er war Nationaltorhüter. Immer dabei, immer mittendrin. Deutscher Meister 2007 mit dem VfB. Sieggarant, Held, Liebling der Massen. Jetzt, bevor er mit den Königsblauen an diesem Samstag an alter Wirkungsstätte in Stuttgart ran muss, spricht er davon, dass er „jeden Tag in der Bundesliga und jede Trainingseinheit in vollen Zügen“ genießt.

Die Leidensgeschichte begann in Valencia

Hildebrands neue Bescheidenheit hat einen einfachen Grund: Nach der Meisterschaft 2007 und dem Wechsel zum FC Valencia ging es bergab für den Keeper. Zweimal war er gar einige Monate lang vereinslos. Selbst die einfachsten Dinge waren plötzlich nicht mehr selbstverständlich – auch weil Hildebrand lange Zeit die falschen Berater um sich scharte, von denen er sich mittlerweile getrennt hat. „Ich habe mir meine Karriere anders vorgestellt“, sagt er jetzt.

Die Leidensgeschichte begann in Valencia. Da verlor er den Kampf um die Nummer eins gegen die Club-Ikone Santiago Canizares und landete auf der Ersatzbank. Menschlich habe ihm der Schritt ins Ausland gutgetan, sagt Hildebrand. Sportlich dagegen nicht. In der Winterpause 2008/2009 folgte der Wechsel zu 1899 Hoffenheim. Der damalige Aufsteiger war Herbstmeister. Ehrgeiziger Emporkömmling trifft auf ehrgeizigen Torhüter, das schien eine ideale Mischung zu sein – zumal Hildebrands Förderer Ralf Rangnick der Trainer im Kraichgau war.

Hildebrand war drei Monate vereinslos

Doch der Schuss ging nach hinten los. Die Ansprüche in Hoffenheim seien vielleicht zu hoch gewesen, sagt Hildebrand: „Hoffenheim ist zu schnell hochgestiegen – und ich habe an mich selbst einen hohen Anspruch gehabt.“ Die Folge: Hildebrand sah sich von Beginn an als Führungsspieler, legte den Finger in die Wunde, kritisierte Teamkollegen öffentlich, wenn etwas nicht funktionierte. „Ich habe zu viel gesagt – ich hätte öfters ruhig sein müssen“, meint er. „Man muss aufpassen, wann und wie man etwas sagt.“

Bald hatte er in Hoffenheim gar nichts mehr zu sagen. Im Sommer 2010 wurde sein Vertrag nicht verlängert. Hildebrand fand keinen neuen Club – und war drei Monate lang vereinslos. Die neue, aufstrebende deutsche Torhütergarde blockierte die Plätze zwischen den Pfosten in der Bundesliga. Hildebrand hielt sich beim damaligen Regionalligisten Stuttgarter Kickers und im Stuttgarter Kunstturnforum fit. Im September 2010 folgte der Wechsel zu Sporting Lissabon. Ein Hoffnungsschimmer. Doch Hildebrand schaffte auch in Portugal den Durchbruch nicht. Ganze zwei Pflichtspiele absolvierte er in einem Dreivierteljahr. Im Sommer 2011 war das Kapitel Lissabon beendet. Es habe einfach nicht gepasst, sagt er. Der Keeper war wieder vereinslos. Dieses Mal hielt er sich bei Eintracht Frankfurt fit.

„Schalke ist fast schon eine Religion“

Dann folgte das, was Hildebrand heute als „glückliche Fügung“ bezeichnet. Der FC Schalke 04 hatte im Oktober 2011 nach einer Verletzung des Stammkeepers Ralf Fährmann Bedarf auf der Torhüterposition. Der heutige Schalker Sportvorstand und frühere VfB-Manager Horst Heldt erinnerte sich an gemeinsame Stuttgarter Zeiten und verpflichtete Hildebrand, der einen leistungsbezogenen Vertrag bis Saisonende erhielt.

Der Keeper kam in seiner ersten Spielzeit auf Schalke auf sechs Einsätze. In der Vorbereitung auf die laufende Saison erkämpfte er sich unter Huub Stevens einen Stammplatz – doch dann kam ihm eine Kapselverletzung im Knie dazwischen. Lars Unnerstall stand zwischen den Pfosten, doch dessen Leistungen waren durchwachsen. Hildebrand kehrte nach seiner Verletzung ins Mannschaftstraining zurück. Und er verdrängte Unner­stall – in den vergangenen beiden Partien stand er im Tor. „Ich war ganz oben, ich war ganz unten, ich freue mich, einfach wieder dabei zu sein“, sagt er.

Dass den Torhütern auf Schalke nach den durchwachsenen Leistungen in den vergangenen Jahren generell wenig Vertrauen entgegengebracht wird, ficht Timo Hildebrand nicht an: „Schalke ist fast schon eine Religion. Hier wird noch mehr hingeschaut als anderswo – bei jedem Gegentor guckt man eben dreimal hin, ob der Ball nicht doch haltbar war.“ Als Stammkeeper sieht sich Hildebrand nicht, obwohl sein Vertrag kürzlich bis 2014 verlängert wurde: „Ich denke nur von Spiel zu Spiel, das lehrt mich die Vergangenheit“, sagt er: Ich weiß, wie schnell im Leben alles gehen kann.“

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