Maccabi-Fans in Amsterdam – dort kam es zu Ausschreitungen. Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Höchste Alarmstufe für die Stuttgarter Polizei: Am Donnerstag empfängt der VfB Stuttgart den israelischen Verein Maccabi Tel Aviv. Wie ist die Polizei aufgestellt?

Höchste Alarmstufe für die Stuttgarter Polizei: Am Donnerstag empfängt der VfB Stuttgart den israelischen Verein Maccabi Tel Aviv in der Europa League (18.45 Uhr). Zum einen bringt das eine Gefährdung der Mannschaft, der friedlichen Fans und der Stadt mit sich. Zum anderen sind unter den Maccabi-Fans auch einige unfriedliche aus der aktiven Fan-Szene. Polizeivizepräsident Carsten Höfler leitet den Einsatz. Er erläutert, wie die Polizei sich vorbereitet.

 

Herr Höfler, die Sicherheitsvorkehrungen liegen auf einem hohen Niveau, das sehr stark an die EM 2024 erinnert. Sind die Einsatzplanungen vergleichbar? Oder ist es sogar noch eine Stufe mehr?

Carsten Höfler: Unsere Einsatzplanungen für das Europa-League-Spiel orientieren sich selbstverständlich an den Erfahrungen, die wir während der EM 2024 gesammelt haben. Darauf aufbauend können wir noch präziser an die Aufgabe herangehen. Wenn wir Sicherheit organisieren, tun wir das mit dem Bewusstsein um die deutsche Staatsräson, um die Verantwortung für den Schutz israelischer Gäste und jüdischen Lebens, und um die Aufgabe, demokratische Werte aktiv zu verteidigen.

Gab es schon mal einen Einsatz dieser Größe in der jüngeren Vergangenheit?

Nein, mit Ausnahme der EM 2024.

Bewegt sich die Zahl der Einsatzkräfte auf dem EM-Niveau?

Ja, wir orientieren uns an den bewährten Standards der EM. Mehrere Tausend Einsatzkräfte werden in der Stadt verfügbar sein. Bei den Maßnahmen werden sichtbare und verdeckte Strukturen professionell ineinandergreifen.

Stuttgarts Polizeivizepräsident Carsten Höfler Foto: Polizeipräsidium Stuttgart

Was macht Stuttgart, was macht das Spiel zum Ziel für mögliche Attentäter?

Zuletzt hat Magdeburg verdeutlicht, dass abstrakt hohe Gefahrenlagen real werden können, auch ohne vorherige Warnsignale. Ein Spiel in Stuttgart mit israelischer Beteiligung in der vorweihnachtlichen Hochfrequenzphase mit einer nach wie vor geopolitisch fragilen Situation ist ein möglicher Projektionspunkt für Extremisten. Deshalb erhalten die MHP-Arena und der Stuttgarter Weihnachtsmarkt das Maximum unserer Aufmerksamkeit und alle unsere Fähigkeiten, mit denen wir diese Veranstaltungen schützen werden. Neben personellen Schutzkomponenten sind die baulichen Sicherungen der Stadt Stuttgart gegen Attentate mit Fahrzeugen integraler Bestandteil unseres gemeinsamen Sicherheitskonzeptes. Sicherheit ist für uns kein Zustand, sondern ein Auftrag, bei dem Alarmismus fehl am Platz ist.

Wie sind die Gästefans einzuschätzen: Wie viele werden erwartet? Vor Kurzem hat die aktive Fan-Szene in Tel Aviv das Haus des Trainers belagert, der legte danach seinen Posten nieder. Gibt es Einschätzungen szenekundiger Beamter aus Israel zu dieser potenziell gefährlichen Gruppe?

Maccabi Tel Aviv steckt sportlich in einer schwierigen Phase. Die unschönen Bilder vor dem Wohnhaus des Trainers sind in unsere Lageanalyse eingeflossen. Für Stuttgart erwarten wir etwa 1000 bis 2000 Gästefans, einschließlich Fans aus der aktiven Szene. Solche Konstellationen sind uns aus nationalen Spielen vertraut. Deshalb sind präventive Maßnahmen organisiert. Wir setzen aber zuallererst auf eine respektvolle und offene Willkommenskultur.

Die Fans reisen verteilt an und übernachten natürlich auch dezentral. Ein vollständiger Schutz ist nicht möglich – auf welche Punkte konzentriert sich die Polizei?

Eine hundertprozentige Absicherung kann und darf niemand versprechen – aber ein hohes Schutzniveau durchaus. Wir stehen dort, wo Nähe zählt; bei den Fans, auf den Wegen, im Herzen der Stadt – sichtbar, entschlossen, ansprechbar und zum Schutz aller.

Bei der Anfahrt zum Spielbeginn herrscht Feierabendverkehr. Gibt es Überlegungen, wie man die Fans von Maccabi Tel Aviv zum Stadion bringt? Ist ein Fanmarsch möglich?

Ein organisierter Fanmarsch wurde aktuell nicht angekündigt. Wir begleiten die Gäste aus Tel Aviv auf ihren Wegen und sorgen für einen sicheren und geordneten Ablauf – so eng wie nötig, so frei wie möglich. Im Feierabendverkehr lassen sich Auswirkungen nicht völlig vermeiden, aber wir minimieren sie bestmöglich.

Soll es einen Fantreffpunkt geben, der den Vorteil hätte, einen Großteil der Fans an einem Ort schützen zu können?

Ja, es wird in der Innenstadt einen offiziellen Fan Meeting Point für Gästefans geben. Dieses Konzept orientiert sich an bisherigen internationalen Spielen in Stuttgart und schafft einen gut erreichbaren, gemeinsamen Startpunkt auf dem Weg ins Stadion.

Maccabi-Fan in Saint Denis, Frankreich Foto: Imago

Mit wie vielen Beamtinnen und Beamten ist die Polizei rund ums Stadion vertreten? Sind Einsatzkräfte im Stadion?

Wir sind mit einer starken Präsenz in Stuttgart und an der MHP-Arena vertreten. Im Stadionumfeld agieren wir – wie in der Innenstadt – entschlossen, aber mit Augenmaß. Aufgrund der sicherheitssensitiven Lage haben wir unsere Fähigkeiten erweitert und für unterschiedliche Einsatzszenarien geschärft.

Wann übergibt die Polizei das Stadion dem VfB nach der Absuche?

Wir übergeben das Stadion, sobald es sicher verantwortet werden kann. Die Entscheidung fällt taktisch, abgestimmt mit allen Beteiligten.

Es sind erste Versammlungen pro-palästinensischer Gruppen angemeldet – wie schätzt die Polizei das ein, wenn voraussichtlich ein paar Tausend Israelis in der Stadt sind?

Protest darf sein, solange er friedlich bleibt. Das schützt unsere Demokratie und gilt selbstverständlich auch bei gleichzeitiger Anwesenheit israelischer Gäste. Wir schauen genau hin: Wo Diskussion auf Respekt trifft, sichern wir Raum dafür. Wo daraus Hetze oder Einschüchterung wird, setzen wir klare Grenzen und handeln.

Gilt für jüdische Einrichtungen eine erhöhte Sicherheitsstufe während des Spiels?

Nein, aber jüdische Einrichtungen sind Bestandteil unseres Einsatzkonzeptes. Wir stehen bereits seit Wochen im intensiven Austausch mit Vertretern der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) sowie dem Beauftragten gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume.

Werden auch die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Weihnachtsmarkt erhöht an den drei Tagen – Anreisetag, Spieltag, Abreisetag?

Die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen auf dem Weihnachtsmarkt werden an den drei Tagen in den Gesamteinsatz zur Fußballbegegnung eingebunden und entsprechend verstärkt.

Wird die Mannschaft komplett abgeriegelt?

Ja, wir umarmen die Mannschaft aus Tel Aviv bei der Landung am Flughafen und lassen sie erst wieder los, wenn sie abfliegt.

Hintergrund

Zur Person
Carsten Höfler ist der Vizepräsident des Stuttgarter Polizeipräsidiums. Diesen Posten hat er seit Herbst 2022.

Das Spiel
Der VfB empfängt am Donnerstag um 18.45 Uhr den Verein Maccabi Tel Aviv aus Israel zu einer Begegnung in der Europa League.