Der VfB muss in der Europa League in Deventer ran – der frühere Bundesliga-Torjäger Harry Decheiver spricht über den Fußball und die Leidenschaft in seiner niederländischen Heimatstadt.
Es ist vom Namen her der wohl unbekannteste Gegner des VfB Stuttgart in der Europa League: Die Go Ahead Eagles aus der niederländischen Hansestadt Deventer empfangen die Weiß-Roten an diesem Donnerstag (21 Uhr/RTL) – vorher gibt Harry Decheiver (55) bei uns seine Expertise ab. Der Mann ist vom Fach: Der ehemalige Torjäger des SC Freiburg und von Borussia Dortmund stammt aus Deventer.
Herr Decheiver, Sie sind geboren in Deventer, Sie leben in Deventer – wo schauen Sie am Donnerstagabend das Spiel gegen den VfB?
Na, in Deventer (lacht). Ich werde wie immer im Stadion sein. Gemeinsam mit ein paar Kumpels habe ich seit mehreren Jahren eine Dauerkarte. Wir sitzen auf der Gegengeraden und gönnen uns vor und nach jedem Heimspiel, wie es sich für einen echten Fan gehört, immer gemütlich ein paar Bierchen.
Was erwartet den VfB und seine Fans bei den Eagles im kleinen Stadion Adlerhorst, das knapp 10 000 Zuschauer fasst?
De Adelaarshorst liegt mitten in einem Wohngebiet, es ist also ein bisschen wie in den typischen alten englischen Stadien. Drinnen sitzen und stehen die Fans fast schon direkt auf den Aus-Linien, es ist eng bei uns – und es geht ab.
Das heißt?
De Adelaarshorst hat sich mit seinen Fans in den Niederlanden den Ruf erarbeitet, zu den hitzigsten Stadien des Landes zu gehören – wir haben eine sehr aktive Fanszene.
Ist die Hansestadt Deventer mit ihren etwas mehr als 100 000 Einwohnern eine echte Fußballstadt?
Definitiv. Wir sind hier eine Arbeiterstadt, es ist schön hier, aber es gibt nicht allzu viel mehr als den Fußball. Spieltage sind Feiertage. Jeder, der hier wohnt, so kommt es mir vor, ist Fan der Go Ahead Eagles. Es gibt zum Beispiel auch eine recht lange Warteliste für Dauerkarten. Vielleicht kann man den Fußball-Standort ein bisschen mit Kaiserslautern in Deutschland vergleichen: noch mal etwas kleiner, aber sehr emotional.
In der vergangenen Saison gab es ordentlich Gründe zu feiern in Deventer: Die Go Ahead Eagles holten mit dem Pokalsieg den ersten großen Titel seit der Meisterschaft 1933, in der Liga wurde man Siebter. Was hat das Team des inzwischen beim VfL Wolfsburg entlassenen Trainers Paul Simonis ausgezeichnet?
Der Pokalsieg und Platz sieben waren total verdient. Die Mannschaft spielt schon seit vier bis fünf Jahren einen guten Fußball. Deventer ist eine Mannschaft, die spielerische Lösungen sucht, mit einer klaren Idee und einem möglichst gepflegten Aufbau. Vorstand und Management holen seit längerer Zeit oft unbekannte, aber gute und entwicklungsfähige Profis – man kann das vielleicht ein bisschen mit dem SC Freiburg zu meiner Zeit dort Mitte der neunziger Jahre vergleichen.
Was ist in dieser Saison drin für Deventer?
Ich fürchte, nicht so viel wie in der vergangenen Runde. Wir sind die Mehrfachbelastung mit der Europa League nicht gewohnt, zudem haben uns drei starke Spieler im Sommer verlassen. Aktuell stehen wir als Zwölfter im unteren Mittelfeld der Liga, und ich denke, dass wir grob da bleiben werden in der Tabelle.
In der Europa League haben die Go Ahaed Eagles nach vier Partien wie der VfB sechs Punkte auf dem Konto.
Ja, wir haben Aston Villa im Adlerhorst geschlagen (2:1, d. Red.), das war der Wahnsinn. Aber wir müssen ehrlich sein: Aston Villa hat viele Spieler geschont und ist nicht mit der ersten Elf aufgelaufen in Deventer.
Sie selbst waren von 2014 bis 2017 Co-Trainer bei Ihrem Heimatclub und haben parallel dazu die U 19 der Eagles gecoacht – warum sind Sie nicht geblieben?
Ich habe gemerkt, dass es mir zu viel Zeit kostet mit Blick auf meinen normalen Beruf (Personalmanagement im Gastronomiebereich, d. Red.). Also habe ich irgendwann in meiner Heimatstadt bei Helios Deventer als Trainer angefangen – da passt das wunderbar zusammen mit dem Job.
Sie sind mit Helios an der Tabellenspitze in der dritten niederländischen Liga – die man sich fußballerisch wie vorstellen kann?
Das ist vom Niveau her etwa so wie die Oberliga oder die Verbandsliga in Deutschland. Wir sind klassische Amateure und trainieren zwei- bis dreimal die Woche. Es macht einfach Spaß, das ist für mich die Hauptsache.
Spaß hatten Sie einst auch als Profi zur schon von Ihnen erwähnten Zeit Mitte der neunziger Jahre beim SC Freiburg. Sie erzielten 17 Tore in 41 Spielen für den Sport-Club, ehe Sie zu Borussia Dortmund wechselten – Ihr damaliger Trainer Volker Finke gab Ihnen in Freiburg den legendären Spitznamen „Harry, der Knipser“.
In Freiburg hatte ich meine schönste Zeit als Profi. Ich kam im Oktober 1995 mit Alain Sutter und Nikola Jurcevic, der SC war auf Platz 17 – und dann sind wir durchgestartet. Wir haben nacheinander gegen den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, den FC Bayern und Werder Bremen gewonnen und dabei richtig guten Fußball gespielt.
Zeitgleich zauberte beim VfB das Magische Dreieck mit Krassimir Balakov, Fredi Bobic und Giovane Elber.
Genau – die haben da mächtig was abgezogen. Ich habe den VfB damals als dritte große Kraft in Deutschland neben Borussia Dortmund und den Bayern wahrgenommen.
Insgesamt haben Sie in 261 Ligapartien in den Niederlanden und Deutschland 105 Treffer erzielt. Schlussfrage: Was zeichnet einen echten Knipser vor dem Tor aus, gestern wie heute?
Die Ruhe und der Fokus. Ein guter Stürmer behält immer den Überblick, kurz bevor er zum Abschluss kommt. Ich habe mich meist davor entschieden, was ich genau machen werde, und nicht einfach nur drauflosgeschossen.