Tische rücken: Ab Sonntag werden in der Friedenskirche täglich bis zu 550 Essensgäste erwartet. Außer Speis und Trank ist noch viel mehr geboten. Foto: factum/Granville

Essen, Hilfe, Nähe: Die Ludwigsburger Friedenskirche verwandelt sich wieder in die Vesperkirche. Aus einem gut gemeinten Wagnis ist innerhalb von zehn Jahren ist eine gut gehende Unternehmung geworden. Dieses Mal ist sogar ein Tierarzt dabei.

Ludwigsburg - Am Montag ist der PVC-Boden geliefert worden. Am Dienstag ist er über dem empfindlichen Sandstein ausgelegt und am Mittwoch ordentlich befestigt worden. Davor, versteht sich, sind die Kirchenschiffe leer geräumt worden. Am Donnerstag mussten die Tische und Stühle aufgebaut werden, an denen vorübergehend die Gäste Platz nehmen. Am Freitag dann kamen die Teller, Tassen und Töpfe an ihren Platz und was sonst nötig ist für einen Restaurantbetrieb. An diesem Samstag ist Ruhetag, man könnte auch sagen: Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn ab Sonntag kommen die Gäste in dieses Restaurant, das ein ganz besonderes ist: Am Sonntag ist die Ludwigsburger Friedenskirchefür drei Wochen, ohne Ruhetag, die Vesperkirche.

Sorge für den Leib und für die Seele

Vesperkirche bedeutet: Menschen mit wenig und mit viel Geld bekommen dort ein Mittagessen für 1,50 Euro. (Wobei die mit mehr Geld sehr gerne mehr bezahlen dürfen.) Menschen, deren Wege sich normalerweise eher nicht kreuzen würden, sitzen dort zusammen an einem Tisch und kommen ins Gespräch. Menschen, denen es gut geht, machen etwas für Menschen, denen es nicht gut geht. Der ehrenamtliche Helfer Hans-Helmut Schieser formuliert es so: „Vesperkirche – das ist eine ganz große Sache.“

Dort, wo der riesige Stoffbär sitzt, der Kaufladen steht und die vielen bunten Puppen liegen, dort ist die Spielecke für Kinder. Ganz in der Nähe wird die Diakonie ihren Stand mit den Kinderklamotten aufbauen. Wenn es am Sonntag losgeht, wird auch der ambulante Dienst an seinem Platz sein und die Sozialberatung. Auch ein Frisör bietet dann seine Dienste an und ein Masseur. Zum ersten Mal wird für die Bedürftigen dieses Jahr sogar eine Fußpflegerin im Einsatz sein und, weil auch dafür oft das Geld fehlt, ein Tierarzt. Schließlich geht es in der Vesperkirche nicht nur ums Essen. „Es geht um ein Miteinander für Leib und Seele“, sagt Bärbel Albrecht von der Diakonischen Bezirksstelle, die seit Oktober mit der Organisation des Großereignisses beschäftigt ist.

Ein finanzielles Wagnis

Zwischen 350 und 550 Essen werden pro Tag ausgegeben und rund 1500 Tassen Kaffee plus Kuchen. Und das alles binnen drei Stunden. 65 Helfer sind pro Tag im Einsatz, und das an 22 Tagen. Sie begrüßen die Gäste, nehmen Kuchenspenden entgegen, schöpfen Essen auf Teller, schenken Kaffee aus, transportieren dreckiges Geschirr ab, spülen, räumen auf. Selbst mit zehn Jahren Erfahrung ist die Vorbereitung noch immer ein Kraftakt. Und selbst nach zehn Jahren ist noch nachvollziehbar, dass es damals vor der Premiere der Vesperkirche große Bedenken gab.

Zum einen befürchteten nicht wenige in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde, dass in diesem ungewöhnlichen Projekt alle ehrenamtlichen Helfer verheizt werden. Wie soll jemand, so die Sorge, der sich in einem solchen Mammutvorhaben engagiert hat, noch Kraft und Lust haben, sich auch noch während des restlichen Jahres in der Kirche zu engagieren? Außerdem war die Vesperkirche auch ein großes finanzielles Wagnis. Geschirr und Besteck für mehrere Hundert Personen musste angeschafft werden, eine Profi-Spülmaschine, nicht zu vergessen: das Essen, das die Karlshöhe liefert, plus Getränke, plus Kaffee. Dann die Kosten für die Reinigung, allein 100 Geschirrtücher müssen täglich gewaschen werden. Ausgaben zwischen 100 000 und 120 000 Euro hat die Vesperkirche Jahr für Jahr – und zum Glück ebenso viele Einnahmen; allergrößtenteils von Spendern.

Menschwerdung beim Frisör

Vielleicht klingt all dies für manchen nicht mehr so beeindruckend, nach zehn Jahren. Vielleicht gilt es schon als selbstverständlich, dass in der Friedenskirche einmal in Jahr ein großes Halligalli für einen guten Zweck stattfindet. Aber wer die Geschichte vom Mann beim Frisör hört, dem könnte bewusst werden, dass die Vesperkirche nie selbstverständlich werden wird – für die, die sie wirklich brauchen. Dieser bedürftige Mann hat sich in der Vesperkirche kostenlos die zerzauselten Haare schneiden lassen und danach gesagt: „Ich fühle mich wie ein Mensch.“ Dazu passt die Geschichte des armen Ehepaares, das bei einer der kulturellen Veranstaltungen zum ersten Mal in seinem Leben in der ersten Reihe saß. „Wir haben uns wie Könige gefühlt“, sagte der Mann am Ende des Abends. Und die Geschichte von der feinen Dame, die es vor Einsamkeit nicht zu Hause aushielt – und in der Mittagsgemeinschaft aufblühte. Und wer dann noch Helfer der ersten Stunde erzählen hört, dass sie diese Arbeit für so sinnvoll halten, wie wenig anderes, der ahnt, dass die Vesperkirche Ehrenamtliche nicht verheizt hat, sondern erst so richtig motiviert.

Anbruch des Himmelreichs

„Für mich ist die Vesperkirche eine Art Anbruch des Himmelsreichs“, sagt Gisela Vogt, die Pfarrerin an der Friedenskirche. Weil man in diesen drei Wochen sehen könne, was in dieser Gesellschaft alles geht. Dass, wenn jeder einen Beitrag leiste, etwas funktioniert, was man sonst oft vermisse.

Und das Schönste in diesem Jahr: Nach drei Wochen ist nicht alles vorbei. Zum zehnjährigen Jubiläum hat der Kreisdiakonieverband noch mehr Spender und Sponsoren gesucht, so dass Bedürftige das ganze Jahr über „dazu gehören“, so der Titel der Aktion, können. So gibt es Gutscheine für Sportveranstaltungen, Konzerte, Restaurantbesuche, Zeitungsabonnements und vieles mehr. „Wir träumen davon, Menschen für die gesamten 52 Wochen eines Jahre die Erfahrung zu schenken, dazuzugehören“, sagt Bärbel Albrecht.

Den Speiseplan für die Vesperkirche, das noch, macht sie übrigens nicht mehr im Voraus bekannt, seit an einem „Schnitzeltag“ die Kirche dem Besucheransturm kaum gewachsen war. Nur so viel: Zum Auftakt am Sonntag gibt es Cordon bleu und, für Vegetarier, Gemüseschnitzel.

Kirche mit vollem Programm

Öffnungszeit
Die Vesperkirche ist von diesem Sonntag, 10. Februar, bis zum 3. März täglich von 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr geöffnet.

Programm
Zum Auftakt an diesem Sonntag findet um 9.30 Uhr ein Gottesdienst statt, an dem auch die aus dem Radio bekannte Pfarrerin Lucie Panzer teilnimmt. Am Donnerstag, 14. Februar, gastiert um 19.30 Uhr das Duo Dieter Falk & Sohn zu einem Benefizkonzert. Am 21. Februar diskutiert das Ökumenische Sozialforum um 19.30 Uhr über die Sprachlosigkeit zwischen Arm und Reich. Am 28. Februar ist auch um 19.30 Uhr der Film „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“ zu sehen.

Geschichte
Die erste Vesperkirche Deutschlands ist vor 25 Jahren in Stuttgart entstanden. Der Diakoniepfarrer Martin Fritz hatte das Modell entwickelt und schuf in der Leonhardskirche einen Raum, in dem arme Menschen für kurze Zeit im Jahr vieles finden, was sie zum Leben brauchen. Inzwischen gibt es in Baden-Württemberg mehr als 30 Vesperkirchen.

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