Damit alles reibungslos klappt, ist ein eingespieltes Team wichtig, aber auch gute Kommunikation, berichtet Wolfgang Baumung.​ Foto: Tilman Ehrcke

Bereits zum 31. Mal findet die große Tischgemeinschaft in der Stadtkirche in Göppingen statt. Ohne die Arbeit von rund 90 ehrenamtlichen Helfern wäre dies kaum möglich.

Um kurz nach 12 Uhr mittags ist die Stadtkirche an diesem Montag gut gefüllt. Viele laufen mit gefüllten Tabletts, vollen oder leeren Tassen zwischen den Tischen umher. Das Geräusch von klirrenden Tellern und Lachen hallt durch die Kirche. Jägergulasch mit Nudeln und Krautsalat haben auch heute viele hungrige Menschen in die Stadtkirche gelockt. An den Ausgabestellen herrscht reger Betrieb, sei es bei der Suppe, dem Hauptgang oder den Kuchen. „Wir mussten die Portionen aufstocken“, erklärt Wolfgang Baumung, Leiter des Hauses Linde und Herr über die Organisation der Vesperkirche. In den letzten Jahren wären es im Schnitt 180 Gerichte pro Tag gewesen, inzwischen seien es 190. Man spüre, dass es mehr Menschen gäbe, die das Angebot brauchen. Damit das alles reibungslos klappt, ist ein eingespieltes Team wichtig, aber auch gute Kommunikation.​​

 

„Teambuilding ist uns sehr wichtig, wir haben ein familiäres Miteinander“, erklärt Baumung auf der Empore der Stadtkirche. Von unten klingen sanfte Gitarrentöne und „We are the world“ herauf. Der Mesner der Stadtkirche hat heute nach der kurzen Andacht, die immer um 12 Uhr stattfindet, zur Gitarre gegriffen. Das Gefühl des Zusammenhalts ist aber auch ohne Musik spürbar. Für den Mehraufwand an Gerichten sind dieses Jahr auch mehr Helfer an Bord. „Wir haben die Teams von 80 auf 90 Leute aufgestockt. Alles mit Ehrenamtlichen.“ Viele Unterstützer gäbe es immer, manchmal müsste er sogar Leute wieder abweisen, die gerne helfen wollen. Baumung vermutet, das liege auch daran, dass das Engagement bei der Vesperkirche zeitlich begrenzt sei. Sechs Wochen geht das Angebot immer. Trotzdem sind viele der Helfer seit Jahren treu dabei.

Viele Ehrenamtliche kommen jedes Jahr in die Vesperkirche

Eine von ihnen ist Ursula Lehmann-Sturzbach, die gerade in der Spülküche das frisch gespülte Geschirr abtrocknet und sortiert. Seit 2022 ist sie fester Bestandteil des Teams in der Vesperkirche „und ich komme jedes Jahr sehr gerne her.“ Die sechs Wochen der Vesperkirche seien zwar eine sehr intensive, aber auch eine sehr schöne Zeit. Man knüpfe Kontakte, nicht nur im Team, sondern auch mit den Besuchern. „Einige Stammgäste freuen sich immer, wenn sie mich sehen.“ Sie selbst merke aber trotz allem, dass die Vesperkirche nicht bei allen bekannt ist. In ihrem eigenen Bekanntenkreis mache Lehmann-Sturzbach deshalb immer kräftig Werbung für das Angebot. „Manche denken auch noch, es ist nur eine Armenspeisung. Aber Herr Baumung sagt immer, es ist eine Tischgemeinschaft für alle.“

​Zu den Helfern im Team gehören auch immer vier Bewohner des Hauses Linde, die auch ehrenamtlich mithelfen. Eric Querner ist ebenfalls ein langjähriges Mitglied des Teams und Bewohner im Haus Linde. Gemeinsam mit Willi Lubberhuizen wickelt er heute das Besteck in Servietten ein. Immer Messer und Gabel zusammen und Löffel getrennt. Lubberhuizen ist dieses Jahr zum ersten Mal dabei. Durch das Hochwasser 2023 verlor er seine Wohnung und lebt nun in der Linde. „Für einen guten Zweck sind wir immer zu haben“, erklärt er lächelnd und wickelt wieder einen Löffel ein. Etwas weiter hinten steht Karl Worthmann, der zusammen mit Lubberhuizen im selben Gebäude gewohnt hat und nun auch Bewohner im Haus Linde ist. „Die Idee ist klasse, ich glaube, für die Leute könnte das alles noch länger gehen. Jetzt bin ich ja geübt im Besteck polieren, aber bald ist es schon wieder vorbei“, scherzt er.​

Inzwischen ist es 12.30 Uhr, die meisten Besucher sind mit dem Hauptgang fertig und ziehen weiter zu Kaffee und Kuchen. Einer der Helfer hat sich mit einer Löwenmähne geschmückt, es ist ja schließlich Rosenmontag. Der Löwe in der Kirche heißt Thomas Loth und ist heute zum ersten Mal dabei. „Ich habe immer gesagt, wenn ich in Rente gehe, helfe ich mit.“ Empfehlen könnte er das jedem, erklärt Thomas Loth und lädt den nächsten Berg Geschirr auf seinen Wagen, um diesen in die Spülküche zu fahren.

​Doch nicht nur ehrenamtliche Freiwillige helfen in der Vesperkirche mit. „Die Sparkasse Göppingen stellt jedes Jahr ein Team aus Mitarbeitern zusammen, die dann in der Vesperkirche helfen. Und seit letztem Jahr haben wir mit der Firma Kleemann eine tolle Kooperation zur Unterstützung“, freut sich Baumung. Jeden Tag helfen zwei Mitarbeiter der Firma mit, heute sind es Karin Gumbinger und Sina Stadel, beide aus der Personalabteilung. Der Mutterkonzern, zu dem Kleemann gehöre, stelle jedes Jahr einen Spendentopf bereit, um soziale Projekte zu fördern. Beide sind echte Fans der Vesperkirche und packen gerne mit an. „Viele unserer Mitarbeiter fragen schon, wann sie denn das nächste Mal mithelfen könnten“, erklärt Gumbinger. Einer helfe nun sogar jeden Sonntag zusätzlich noch mit und wolle dies wahrscheinlich auch im nächsten Jahr tun.

Die Hühnersuppe kommt in der Vesperkirche gut an

Um kurz nach 13 Uhr hat sich die Kirche schon etwas geleert, eine Durchsage macht darauf aufmerksam, dass die letzten Gerichte nun ausgegeben werden. Menschen unterschiedlicher Couleur sitzen und unterhalten sich, auch viele Familien mit Kindern sind in der Kirche. Eine Besucherin beugt sich neugierig über ausgelegte Bücher, die der Ebersbacher Verein „Büchern tun Gutes“ stiftet.​​

Rechts von den Büchern stehen Johanna Dürr und Anni Back bei der Suppenausgabe. Die Hühnerbrühe war heute gefragt, erklären beide. Die Damen sind auch schon seit mehreren Jahren Teil des Teams, „das ist schon fast wie meine dritte Familie“, erklärt Dürr lächelnd. Auch beinahe wie eine Familie sitzen drei Freunde aus Holzheim, Manzen und Göppingen zusammen. „Wir sind Fans des Angebots und ich habe auch schon oft Kuchen gespendet“, sagt die Holzheimerin und nippt an ihrem Kaffee. So langsam müssten sie aber aufbrechen. Damit sind sie nicht die einzigen, um 13.30 schließt die Vesperkirche ihre Türen. Die letzten Krümel werden noch aufgekehrt, man umarmt sich zum Schluss oder geht zusammen zum Bus. Wie in einer großen Familie eben.​