Die Verwertung von Klärschlamm bietet Böblingen viele Chancen. Durch die Auskopplung von Fernwärme kann viel CO2 eingespart werden.
An Großprojekten mangelt es dem Kreis Böblingen beileibe nicht. Auf dem Flugfeld wächst eine neue Großklinik in die Höhe, die Städte Böblingen und Sindelfingen überlegen in unterschiedliche Richtungen, was auf den frei werdenden Krankenhaus-Standorten dereinst entstehen könnte und ein Investor baut auf dem Rauhen Kapf ein ganz neues Quartier. In wenigen Jahren soll noch ein weiteres Großprojekt hinzukommen: Im Böblinger Wald soll für 100 bis 125 Millionen Euro eine neue Verwertungsanlage für Klärschlamm entstehen.
Der Landrat war Feuer und Flamme
Das Projekt wurde jetzt erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, obwohl es schon vor rund vier Jahren bekannt wurde – und für politische Reflexe sorgte. Damals zuckte zuerst die Böblinger Stadtverwaltung zusammen. Warum? Als Geschäftsführer des Zweckverbands Restmüllheizkraftwerk war Frank Schumacher damit betraut worden, solch eine Anlage zu konzipieren und einen neuen Zweckverband Klärschlammverwertung zu gründen. Unterstützt wurde er von Landrat Roland Bernhard, der ebenfalls Feuer und Flamme war. Allerdings hatte man versäumt, Böblingen als Standortkommune frühzeitig in die Pläne einzuweihen. Das sorgte im Rathaus für Verstimmung.
Tatsächlich stimmten schon entlegene Schwarzwaldgemeinden über einen Beitritt zum Böblinger Zweckverband ab, bevor das Thema in Böblingen selbst auf der Tagesordnung stand. Widerstand formierte sich in den Reihen der Christdemokraten, die die Pyrolyse als alternative Form der Klärschlammverwertung ins Spiel brachten. Die Argumente gegen das Projekt waren: zusätzliche Luftverschmutzung, Geruchsbelästigung und vor allem ein reger Anlieferverkehr auf der ohnehin schon überlasteten Panzerstraße. Der konservative Protest im Kreis gipfelte in der unschönen Vorstellung von randvollen Klärschlammlastern, die die umliegenden Ortsdurchfahrten verstopfen.
Befürworten argumentieren dagegen
Die Befürworter argumentierten durchaus glaubhaft dagegen. Die Pyrolyse befände sich nach wie vor in der Versuchsphase und sei noch kein erprobtes Verfahren. Außerdem benötige sie zusätzlich fossile Brennstoffe wie Gas oder Öl. Im Kontext der derzeitigen Energiekrise dürfte die Pyrolyse daher vom Tisch sein. Eine Luftverschmutzung durch das angestrebte Verfahren lasse sich nahezu ausschließen, da die Abluft mehrfach gefiltert und sogar gewaschen werden soll. Was aus dem Schornstein kommt, sei nahezu geruchlos und unterschreite die gesetzlichen Grenzwerte deutlich.
Bliebe noch der Anlieferverkehr, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Bei einer jährlichen Verwertungsmenge von bis zu 120 000 Tonnen Klärschlamm wurde mit 13 bis 15 zusätzlichen Lastwagen pro Tag kalkuliert. In Anbetracht von rund 30 000 Fahrzeugen täglich auf der Panzerstraße eine zu vernachlässigende Zahl. Einzig die Auslegung der Kessel haben die Befürworter dann doch nach unten korrigiert. Zu Beginn der Projektphase war von 200 000 Tonnen Jahresmenge die Rede. Bald wurde klar, dass auch eine halb so große Anlage reichen wird.
Wärmeauskopplung als größter Pluspunkt
Der größte Pluspunkt aber bleibt die Wärmeauskopplung. Sie soll in der umweltfreundlichsten Variante bis zu 20 000 Haushalte mit klimafreundlicher Fernwärme versorgen. Das entspricht rund 80 Prozent der Haushalte in Böblingen und ist in Zeiten der Wärmewende eine echte Ansage. Die Kopplung mit dem bestehenden RMHKW bringt weitere Synergien und soll so indirekt die Abfallgebühren stabil halten. Hinzu kommen weitere klimaschonende Aspekte: Klärschlamm ist mit Mikroplastik und Phosphor belastet und darf ab 2029 nicht mehr als Dünger ausgebracht werden. Eine saubere Klärschlammverwertung in Böblingen schont das Klima – und den Geldbeutel.