Raum für Studenten, Gelände für Gewerbe, Platz zum Wohnen: Ausrangierte Militärflächen bieten Städten riesige Chancen. Viele Kommunen haben im Land haben sie genutzt. Ein Überblick.
Stuttgart - Ein bisschen wehmütig ist der Oberbürgermeister schon gewesen, als er die „guten Freunde“ verabschiedet hat. Überwogen hat allerdings, das gab der Mann offen zu, „unverhohlene Freude“. Wenn der Oberbürgermeister, der in jenem März des Jahres 1993 in Ludwigsburg Hans Jochen Henke hieß, an all die Gebäude, Wohnungen und Flächen dachte, die nun frei werden würden, schien ihm der Abschied gar nicht schnell genug gehen zu können.
Verabschiedet wurde in diesem historischen Frühjahr die letzte in Ludwigsburg stationierte US-Einheit. Ein Jahr später zogen auch die letzten Bundeswehrtruppen ab. Ludwigsburgs Zeit als Garnisonstadt war, dank des Ende des Kalten Krieges, für immer vorbei. Und tatsächlich hat sich Ludwigsburg nach dem Auszug des Militärs so sehr verwandelt, dass selbst Einheimische ihre Stadt nicht wiedererkannt haben, und das im durchweg positiven Sinne.
OB Kuhn könnte sich an vielen Orten inspirieren lassen
Im ehemaligen Artilleriedepot zum Beispiel bekam die Filmakademie ihre Heimat, in der alten Karlskaserne entwickelte sich ein renommiertes Kunstzentrum, das frühere Proviantamt wurde zur ersten Adresse für Geschäftsreisende. Und natürlich entstand auch das auf den insgesamt rund 70 Hektar militärischer Flächen: sehr viel neuer Wohnraum. Allein in der ehemaligen Soldatensiedlung Pattonville zwischen den Nachbarstädten Kornwestheim und Remseck leben heute rund 8000 zivile Bürger.
Insofern ist es nicht unbedingt als voreilig oder gar pietätlos zu werten, wenn Rolf Gassmann, der Vorsitzende des hiesigen Mietervereins, den Abzug der US-Truppen aus Stuttgart als einmalige Chance betrachtet, und das auch noch, bevor er definitiv beschlossen ist. Zwar ist Gassmann skeptisch, dass der Grünen-Oberbürgermeister Fritz Kuhn die Gelegenheit auch nutzt. „Ich habe Herrn Kuhn in seiner Amtszeit nicht als Visionär erlebt“, sagte Gassmann. Allerdings gibt es im Land genügend Anschauungsmaterial.
Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Was steckt hinter dem US-Truppenabzug?
Ganz in der Nähe von Möhringen und Vaihingen, in Ostfildern, zum Beispiel, entstand nach dem Auszug der Amerikaner aus den Nellingen Barracks 1992 ein neuer Stadtteil. Auf den 140 Hektar des Scharnhauser Parks entstanden Wohnraum für 8000 Menschen und dazu 2000 Arbeitsplätze – und nebenbei ein Platz für das alljährliche Feuerwerksfestival Flammende Sterne. Ein paar Kilometer weiter nordöstlich, in Esslingen, entstehen auf der letzten Brachfläche der einstigen Becelaere-Kaserne aktuell die letzten von rund 800 Wohneinheiten.
Und natürlich gibt es auch in Stuttgart selbst Quellen zur Inspiration: den Burgholzhof und das Römerkastell. Der neue Stadtteil Burgholzhof im Stuttgarter Norden mit Platz für 3000 Einwohnern konnte wachsen, nachdem die Amerikaner den südlichen Teil ihrer Robinson Barracks 1993 aufgegeben haben. Und aus der Reiterkaserne am Hallschlag konnte, nachdem sich der Gemeinderat nach jahrelangen Diskussionen gegen sozialen Wohnungsbau entschieden hat, kein weiterer sozialer Brennpunkt, sondern das größte Medienareal des Landes werden.
Eine Verwandlung kann Jahrzehnte dauern
Allerdings ist es ohnehin so, dass Fritz Kuhn gar nicht mehr Oberbürgermeister sein wird, falls es tatsächlich jemals zur Konversion der Patch und der Kelley Baracks kommen würde. Er tritt nicht für eine weitere Amtszeit an. Aber egal, wer Stuttgart künftig regiert, die Umwandlung der insgesamt 187 Hektar umfassenden Areale würde Jahre dauern.
Siehe Tübingen: Die französischen Soldaten haben die Stadt im Jahr 1991 verlassen – die Verwirklichung des beinahe legendären französischen Viertels begann 1996. Siehe Heidelberg: 2013 sind die letzten US-Streitkräfte aus ihrem Europa-Hauptquartier in den Campbell Barracks ausgezogen – 2019 zogen die ersten Bewohner in die neuen Häuser in der Südstadt ein, deren Konversion bis 2023 dauern wird. Siehe Böblingen: 1992 gaben die Amerikaner das Reparaturwerk für ihre Fahrzeuge auf, das sie auf dem einstigen Fliegerhorst unterhielten – 2006 erst begannen Sindelfingen und Böblingen mit der Erschließung des 80 Hektar großen Geländes. 2031 erst wird das interkommunale Gewerbe- und Wohngebiet Flugfeld vollendet sein. Und selbst im konversionserfahrenen Ludwigsburg ging nicht alles von heute auf morgen. Der Umbau der letzten noch ungenutzten Kaserne zu einem neuen Wohnquartier begann erst vor wenigen Monaten.
Eine Bundesanstalt hat das letzte Wort
Es dauert eben, bis die Kommunen Konzepte entwickelt haben; bis die Flächen sondiert und Hinterlassenschaften gegebenenfalls beseitigt wurden; und bis die Verhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) abgeschlossen sind, in deren Eigentum alle frei gewordenen Militärgelände zurückfallen. Es sei denn, die Bima hat selbst Bedarf – wie, noch ein Beispiel aus Heidelberg, bei der „Wissensstadt der Zukunft“. Auf der 100 Hektar großen ehemaligen Soldatensiedlung am Rande Heidelbergs entwickeln Stadt und Behörde gemeinsam einen hochmodernen Stadtteil für bis zu 10 000 Bewohner und 5000 Arbeitsplätze. Die Idee ist noch jung, einen Zeitplan gibt es nicht.
„Eine Konversion kann eine riesige Chance sein“, sagt Claus-Peter Rehwald, der für die Bima viele Militärflächen verkauft hat. Die Bundesbehörde weiß jedoch auch um die Besorgnis sogenannter Standortkommunen, wenn Strukturen wegbrechen – und auch viel Kaufkraft. Um einen Ausgleich zu schaffen, bekommen diese Kommunen die Erstzugriffoption für die Flächen, sie müssen sich also keinen Preiskampf mit anderen Interessenten bieten. Mit den Flächen, die normalerweise nie zur Verfügung gestanden hätten, könnten die Städte und Gemeinden ihre Zukunft planen, sagt Rehwald.
Was all das genau für Stuttgart bedeutet, bleibt bis auf Weiteres vor allem eines: Zukunftsmusik.