Ob Wasserzins oder Flüchtlingsunterbringung: zwei Ruheständler geben keine Ruhe, wenn es um die heißen Eisen in Aidlingen geht. Was treibt die beiden an?
Zwei Themen haben in Aidlingen zuletzt für erhitze Gemüter gesorgt: zum einen die hohen Abwassergebühren, die wegen eines Abrechnungsfehlers die Bürgerschaft belasten, zum anderen die kontroverse Suche nach einem Standort für die Unterbringung von Geflüchteten. In beiden Debatten haben sich mit Willi Reiss und Reinhold Poos zwei Herren hervorgetan, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht haben, dem Ende November aus dem Amt scheidenden Bürgermeister Ekkehard Fauth auf den letzten Metern das Leben noch einmal richtig schwer zu machen.
Die beiden Ruheständler geben keine Ruhe und arbeiten sich mit großer Akribie in komplexe Themen wie Schmutzwassergebühren oder die möglichst sozialverträgliche Bauweise von Flüchtlingscontainern ein. Wer sind die zwei und was treibt sie an?
Früherer Werkleiterposten interessiert „keine heute keine Sau mehr“
Nun, beide sind Aidlinger und beide waren jeweils in verantwortlicher Funktion bei Mercedes tätig – Willi Reiss sogar als langjähriger Leiter der Sindelfinger Werks.
Darüber möchte der promovierte Maschinenbauer aber kein Aufheben mehr machen. Der drahtige Glatzkopf und Brillenträger bezeichnet sich selbst als bodenständig und wolle sich mit seiner Vergangenheit nicht profilieren. „Das interessiert heute keine Sau mehr. In dem Moment, wo du draußen bist, bist du ein ganz normaler Bürger“, sagt der 68-Jährige.
Einen Teil ihrer Vergangenheit können allerdings weder Willi Reiss noch Reinhold Poos ablegen: das wirtschaftliche Denken. „Auslöser war für uns das Theater mit den Abwassergebühren“, erinnert sich Reiss daran, wie er und sein Nachbar im vergangenen Jahr von einem in der Verwaltung zunächst übersehenen Millionendefizit bei den Abwassergebühren erfuhren.
Als sie sich ausrechneten, was die daraus resultierende drastische Erhöhung für finanzschwache Familien bedeutet, vertieften sie sich in die Materie und forderten Gespräche mit der Verwaltung ein. Diese Erfahrung empfanden die beiden als ziemlich ernüchternd – vor allem weil man ihnen zu verstehen gegeben habe, dass im Gegensatz zur Industrie in einer Verwaltung nicht die Gewinnerzielung im Vordergrund stehe. „Wenn ihr wirtschaftlich arbeitet, könnt ihr Kredite tilgen, müsst keine Schulden aufnehmen, könnt Rücklagen bilden und in die Infrastruktur investieren“, habe Reiss gekontert.
Mancher sähe die beiden gerne im Gemeinderat oder Bürgermeistersessel
Später, im März dieses Jahres, brachten die beiden sich dann bei einer Bürgerfragestunde derart wortreich und sachkundig ein, dass aus der Zuhörerschaft Stimmen zu hören waren, die Poos und Reiss gerne im Gemeinderat oder gar im Bürgermeistersessel sehen würden. Auf solche Ambitionen angesprochen, winken sie nur ab – schließlich feiert Poos im Oktober seinen 75. Geburtstag und mit 68 Jahren strebt auch Willi Reiss kein Amt im Aidlinger Rathaus mehr an.
Über das Abwasserthema stießen die beiden auf das nächste heiße Eisen in Aidlingen: die Flüchtlingsunterbringung. Auch hier arbeiteten sie sich akribisch ein und deckten diverse Schwachpunkte bei der Verwaltung und Gemeinderat auf, darunter eine fehlende strategische Planung, eine nicht nachvollziehbare Entscheidungsfindung und vor allem eine intransparente und – Zitat Willi Reiss – „hundsbeschissene Kommunikation“. Es dauere Wochen und sogar Monate, bis im Amtsblatt endlich über Gemeinderatssitzungen berichtet werde. Genau dies hatte im Juni dann auch den massiven Bürgerprotest rund um eine geplante Flüchtlingsunterkunft auf dem Verkehrsübungsplatz ausgelöst.
Dagegen hatten sich auch Reiss und Poos ausgesprochen. Beide wohnen übrigens nur wenige hundert Meter von dem Verkehrsübungsplatz entfernt. Bei einer Bürgeranhörung Ende Juni hatten sie in einem sehr ausführlichen Vortrag Alternativvorschläge gemacht – darunter im Lehmtal am Aidlinger Ortsausgang in Richtung Grafenau. Hier sehen die beiden gleich auf zwei Flächen großes Potenzial, wobei in einem Fall das Landratsamt und im anderen ein Pächter Entgegenkommen zeigen müssten. In letzterem Punkt wirft Willi Reiss Bürgermeister Fauth vor, nicht mit offenen Karten zu spielen. Dieser widerspricht und verweist auf schwierige Gespräche im Vorfeld, die aus seiner Sicht eine schnelle Einigung zunächst hätten unwahrscheinlich erscheinen lassen.
Für Oktober ist ein Dialog mit dem neuen Gemeinderat geplant
Wie sich später herausstellt, bleibt der bei Jung und Alt als Treffpunkt beliebte Verkehrsübungsplatz erhalten, der Wohncontainer kommt auf den direkt danebenliegenden Wohnmobilparkplatz. Anders als jenen Anwohnern, denen es offenkundig nur darum ging, keine Flüchtlinge vor die Haustüre gesetzt zu bekommen, sind Reiss und Poos mit dieser Lösung einverstanden.
Das hindert die zwei aber nicht daran, die Verwaltung weiterhin maximal kritisch und zugleich konstruktiv zu begleiten. „Nur so kommt man in einen Dialog“, sagt Reinhold Poos – und ist gespannt auf Oktober, wenn genau so ein Dialog über die von ihm und Reiss gemachten Vorschläge mit dem neuen Gemeinderat stattfinden soll.
Zwei Aidlinger Freunde mit Mercedes-Vergangenheit
Willi Reiss
Der 1956 geborene Aidlinger jobbte schon in den Semesterferien im Sindelfinger Mercedeswerk. Nach dem Abitur an der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule studierte er an der Universität Stuttgart Maschinenbau und promovierte. 1987 begann seine Karriere bei der Daimler AG als Sachbearbeiter in der Produktionsvorbereitung. Er durchlief Führungspositionen in allen Fertigungsbereichen, bevor er 2005 stellvertretender Werkleiter, 2011 dann Verantwortlicher für den gesamten Sindelfinger Standort wurde. Der begeisterte Sportler fährt seit seiner Jugend leidenschaftlich gerne Ski und ist staatlich geprüfter Skilehrer.
Reinhold Poos
Jahrgang 1949, stammt genau wie sein Nachbar Willi Reiss aus einfachen Verhältnissen. In seinem Berufsleben war er bei Mercedes in der Entwicklung tätig. Poos ist Fischer, Imker, Hundeführer, Jäger und seit 1980 Mitglied der Kreisjägervereinigung Böblingen,wo er das Schießwesen für Senioren betreut.