In den Verwaltungen im Kreis Esslingen werden Beschäftigte mit verbalen Attacken und aggressivem Auftreten konfrontiert. Sie haben entsprechend Konsequenzen gezogen.
Die Mitarbeitenden in Rathäusern und Verwaltungen sind verbalen Attacken und Handgreiflichkeiten ausgesetzt. Auch wenn es sich um Einzelfälle handelt, so ist der Umgang mit Verwaltungskräften insgesamt schlechter und respektloser geworden, das ergibt eine Umfrage unter den Ordnungsamtsleitungen der Großen Kreisstädte im Regierungsbezirk Stuttgart zur Bedrohungslage. Im Kreis Esslingen haben mehrere Kommunen Vorkehrungen getroffen, um ihre Belegschaft zu schützen. Sicherheitsleute kommen dabei genauso zum Einsatz wie Alarmierungssysteme.
Hausverbote werden verhängt
Zwei- bis dreimal im Monat rufen die Beschäftigten in Esslinger Ämtern den Kommunalen Ordnungsdienst oder gleich die Polizei, wenn Kundschaft aggressiv wird, beschreibt die städtische Sprecherin Nicole Amolsch die Situation. Im Jahr 2023 sei es dort zu drei tätlichen Auseinandersetzungen gekommen, die zur Anzeige gebracht wurden. Und Amolsch ergänzt: „Drei Personen erhielten ein Hausverbot im Amt für Soziales, Integration und Sport; eine Person verstieß wiederholt gegen das Hausverbot. Dies wurde zur Anzeige gebracht.“
Betroffen von solchen Vorfällen sind laut Amolsch vor allem der Bürgerservice Einwanderung und die Obdachlosenbehörde, beides Bereiche im Amt für Soziales, Integration und Sport. Der Einsatz eines Sicherheitsdienstes sei bisher nicht notwendig, da die Beschäftigten im Bedarfsfall schnelle Unterstützung durch den kommunalen Ordnungsdienst erhalten, der im gleichen Gebäude wie die genannten Ämter untergebracht ist.
Besonders betroffen sind Ausländerwesen und Bürgerservice
Ähnliche Erfahrungen haben auch die Kirchheimer Kollegen gemacht. Auffallend oft seien die Bereiche Ausländerwesen und Bürgerservice mit aggressiver Kundschaft konfrontiert, berichtet die Sprecherin der Kirchheimer Verwaltung, Vanessa Palesch, und ergänzt, dort herrsche eben die höchste Kundenfrequenz.
Hausverbote hat es auch im Kirchheimer Rathaus bereits gegeben. Zum Schutz aller Beteiligten wird aktuell an den langen Tagen montags und donnerstags eine Sicherheitskraft eingesetzt. Körperliche Bedrohungen habe es in der Kirchheimer Verwaltung keine gegeben, aber mit der Sicherheitskraft sei es an der Zugangstür schon mal zu Handgreiflichkeiten gekommen, erklärt Palesch, beispielsweise wenn der Zutritt zum Gebäude verwehrt wurde.
Selbstverteidigungskurse für Mitarbeiter
In Nürtingen setzt man neuerdings ebenfalls auf eine Sicherheitsfirma, die die Mitarbeitenden und die Besucherinnen und Besucher im Rathaus gleichermaßen schützen soll. Notwendig wurde das zum ersten Mal im vergangenen Sommer. Innerhalb weniger Wochen mussten vier Hausverbote ausgesprochen werden, weil sich Rathausbesucher aggressiv gegenüber den Mitarbeitenden im Bürger- und im Ausländeramt verhalten hatten. Unangemessene Reaktionen seien schon seit jeher verbreitet, aber seit einigen Monaten stellt die Nürtinger Verwaltung eine steigende Zahl fest.
Für den Einsatz des Sicherheitsdienstes, der für weitere sechs Monate 27 000 Euro kostet, hat der Gemeinderat vor den Weihnachtsferien grünes Licht gegeben. Darüber hinaus wird überlegt, ob ein Selbstverteidigungskurs für die Mitarbeitenden im Rahmen der Betriebssportgruppe angeboten werden kann. In der Esslinger Verwaltung gibt es das Angebot bereits, dazu kooperiert die Kommune mit dem Esslinger Kraftsportverein.
Security und Alarmierungsknöpfe
Auch innerbetriebliches Deeskalationstraining gehört zum Fortbildungsangebot der Esslinger Verwaltung, und für die Kollegen in Kirchheim wurden 2023 die Fortbildungen „Konfliktmanagement am Arbeitsplatz“ und „Situationsangemessene Selbstverteidigung am Arbeitsplatz“ angeboten. Gerade beim Konfliktmanagement gehe es darum, zu verhindern, dass Situationen eskalieren. Das führe dann allerdings häufig zu kräftezehrenden Diskussionen, erklärt Vanessa Palesch.
Auf einen Security-Dienst setzen auch das Ausländeramt in Leinfelden-Echterdingen und die Verwaltung in Filderstadt. Einige Kommunen verwenden außerdem eine Alarmierungssoftware beziehungsweise Alarmierungsknöpfe. Über sie können Mitarbeitende direkt an ihrem Arbeitsplatz Hilfe anfordern, wenn sie in bedrohliche Situationen kommen.
Manche Kommunen haben es außerdem bei eingeschränkten Öffnungszeiten oder einer Terminvergabe belassen, die seit der Coronapandemie eingeführt wurden, um Belästigungen einzugrenzen. In Ostfildern ist die Zeit für Besuche ohne Termin auf fünf Stunden pro Woche begrenzt, ansonsten müssen sich Bürgerinnen und Bürger anmelden. Bei kritischen Terminen wird der Hausmeister informiert, der sich dann bereithält. Im Rathaus gibt es eine Infothek, die mit zwei Empfangskräften besetzt ist.
Keine Dauerlösung
Einsatz
Der Einsatz von Security-Mitarbeitern soll im Nürtinger Rathaus keine dauerhafte Lösung sein. Im Dezember hatte der Gemeinderat einer Verlängerung um sechs Monate zugestimmt. Vorsorglich ist ein Jahresbudget aus den Mitteln des Ordnungsamtes eingeplant worden, falls der Auftrag doch verlängert werden müsste.
Anlass
Die Nürtinger Verwaltung hofft auf Entspannung nach dem Bezug neuer Unterkünfte für Menschen ohne Obdach. Aus diesem Personenkreis war es vermehrt zu aggressivem Auftreten gekommen.