Patricia Peschel zeigt einen Tischaufsatz aus vergoldeter Bronze. Foto: factum/Granville

Da schlendert man durch die barocken Räume und wähnt sich in der echten Vergangenheit. Doch nun ist klar: Viele der Möbel, die in den Königszimmern stehen, gehören da eigentlich gar nicht hin.

Ludwigsburg - Auf die Mitarbeiter des Ludwigsburger Residenzschlosses kommt eine Menge Arbeit zu: Bis zum März 2020 sollen insgesamt 35 Königszimmer komplett umgestaltet und neu eingerichtet werden. Lediglich die Bilder, die derzeit an den Wänden hängen, dürfen dort hängen bleiben. Ansonsten werden sämtliche Einrichtungsgegenstände entweder ins Lager oder ins Neue Schloss nach Stuttgart gebracht. Etwa 2000 Objekte werden ihren Platz wechseln.

Gut 5,5 Millionen Euro investiert die Schlossverwaltung in das Projekt. Doch das tun die Verantwortlichen nicht etwa, weil ihnen die Stühle, Tische oder Uhren nicht mehr gefallen. Vielmehr ist der Schloss-Konservatorin Patricia Peschel nun mit der Hilfe internationaler Experten ein Coup gelungen, der diese Umräumaktion aus Sicht der Experten nötig macht. Denn, so die Erkenntnis der Fachleute: Viele der Räume müssten eigentlich ganz anders aussehen. „Die Zimmer sind zwar von der Epoche her mit den passenden Möbeln eingerichtet. Dennoch ist das alles hier eigentlich ein Fake und nicht wirklich echt“, erklärt Patricia Peschel.

Viele der Möbel stammen aus einem bedeutend reicheren Hause

Was für den Laien nur schwer erkennbar ist und auch für die Konservatorin erst im Laufe der vergangenen Jahre deutlich wurde, ist die Tatsache, dass viele der dort stehenden Möbelstücke schlicht und ergreifend dort nicht hingehören. Vielmehr stammen sie offenbar aus einem weitaus reicheren Hause als dem Ludwigsburger oder Stuttgarter Schloss – nämlich aus dem Zarenpalast in St. Petersburg. „Die Stücke sind fast zu prächtig für die damalige Zeit, als König Friedrich I. von Württemberg und seine Frau Charlotte Mathilde das Schloss zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu einrichten ließen“, sagt Patricia Peschel. Zur Erklärung deutet die Konservatorin auf einen 1,40 Meter hohen Kerzenleuchter mit bronzenen Kerzenhaltern. „Das ist doch imperiales Kaiserzeug, das hat in einem Königshaus absolut nichts zu suchen“, habe ein international renommierter Kollege dazu gesagt.

Patricia Peschel stieg in die Recherche ein, befragte Kollegen aus dem In- und Ausland, wälzte Bücher und Kataloge. Schritt für Schritt kam sie schließlich dahinter, dass etwa jener Leuchter eines der wertvollen Stücke gewesen sein muss, die die Zarentochter und spätere Königin Katharina einst aus St. Petersburg nach Württemberg bringen ließ, um ihre wertvollen Habseligkeiten um sich zu haben und ihre Macht zu demonstrieren. „Irgendwann habe ich eine Liste gefunden, auf der genau beschrieben war, was von Russland nach Stuttgart gebracht wurde.“ Seit dem Jahr 2010 habe sie daran gearbeitet – und plötzlich habe ein Puzzleteil zum anderen gepasst.

Bis aufs Töpfchen genau werden die Zimmer umgestaltet

Für Michael Hörrmann, den Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten, sind die Ergebnisse der Arbeit von beträchtlichem Wert. „Wir werden das Schloss nun zeigen, wie es seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr zu sehen war. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal“, betont er. Nun sei man in der Lage, jedes einzelne Zimmer „bis aufs Töpfchen genau“ so einzurichten, wie es damals ausgesehen habe. Endlich seien die Ludwigsburger Schlossherren nicht mehr nur die Fragenden, die weltweit die Experten um Rat ersuchten, sondern auch die Besitzenden. „Es handelt sich hier um ein kulturelles Erbe Baden-Württembergs allererster Güte“, so Hörrmann. Die Erkenntnisse erregten viel Aufsehen in der Fachwelt, viele Experten hätten nicht gewusst, wie hochkarätig die Einrichtung der Zimmer tatsächlich sei. Patricia Peschel sieht sich in ihren jahrelangen Bemühungen bestätigt. „Man hat immer so ein Bauchgefühl und eine Vermutung, und das hat sich jetzt bestätigt.“

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