Baustellen im wahrsten Sinne des Wortes: die ehemalige Karstadt-Filiale im Leo-Center und das historische Rathaus am Marktplatz. Foto: Simon Granville

Um die Frequenz in der Shoppingmall zu erhöhen, wirbt der Leonberger Oberbürgermeister für einen Einzug im Karstadt-Untergeschoss. Doch ist das auch bezahlbar?

In Kassel ist die Stadtverwaltung im Galeria-Kaufhof präsent. Im Berliner Bezirk Neukölln, mit dem Leonberg eine Partnerschaft verbindet, ist die öffentliche Bücherei im Einkaufszentrum „Neukölln Arcaden“ beheimatet. Nicht weit weg davon, in den „Willmersdorf-Arcaden“, hat der Leonberger Wirtschaftsförderer Benjamin Schweizer das Bürgeramt des Berliner Bezirks Charlottenburg ausgemacht.

 

All das könnten Modelle für ein ambitioniertes Projekt sein, mit dem die Stadt Leonberg ihre eigenen Raumprobleme lösen, vor allem aber mehr Frequenz ins Leo-Center bringen will. Denn seitdem dort Ende August nach 51 Jahren die Karstadt-Filiale geschlossen wurde, fehlt der Stadt ein breit aufgestellter Nahversorger, dem Center wiederum ein publikumsträchtiger Ankermieter.

Die Rolle des breit aufgestellten Warenhauses kann das Rathaus nicht übernehmen, die eines Frequenzbringers schon eher. Im Sommergespräch mit unserer Zeitung hatte Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) Anfang September erstmals einen zunächst unorthodox klingenden Vorschlag veröffentlicht: Das krisengeplagte Bürgeramt, das neben Personal- auch Raumprobleme hat, könnte ins leer stehende Karstadt-Warenhaus umziehen. Die Betreibergesellschaft des Leo-Centers, die Hamburger ECE-Gruppe, habe der Stadt dafür das 3200 Quadratmeter große Untergeschoss angeboten.

Das ist für das Bürgeramt zu viel, deshalb wartete Cohn kurz danach mit einer weiteren Variante auf: Die Hauptstelle der Stadtbibliothek, etwas abseits gelegen, könnte ebenso im Karstadt-Untergeschoss einziehen. Die frei werdenden Bücherei-Räume wären für das angrenzende und beengte Johannes-Kepler-Gymnasium gut geeignet.

Baustelle vor dem Bürgeramt im alten Rathaus in Leonberg. Foto: Simon Granville

Das klingt interessant. Wären da nicht die Kosten. Die Stadt müsste der ECE-Gruppe genauso Miete bezahlen, wie jedes andere Geschäft im Center auch. Und die ist bekanntermaßen nicht eben gering. Der CDU-Fraktionschef Oliver Zander erwartet eine Jahresmiete inklusive aller Nebenkosten von mehr als 500 000 Euro, eventuell gar eine Million.

Eine Befürchtung, die in den anderen Fraktionen des Leonberger Gemeinderats durchaus geteilt werden. Im städtischen Finanzausschuss, der sich jetzt mit einer möglichen Präsenz städtischer Dienststellen im ehemaligen Karstadt-Untergeschoss beschäftigt hat, schwanken die Meinungen zwischen Hoffen und Bangen. „Losgelöst von Sachzwängen kann ich mir viel vorstellen“, erteilt Axel Röckle den Plänen keine grundsätzliche Absage. Doch den Fraktionschef der Freien Wähler treibt ebenfalls das Geld um. Einnahmen durch die Vermietung an Start-ups, die Cohn zur Finanzierung ins Feld führt, hält Röckle für schwierig. Hätten doch junge Firmen selbst kaum Geld.

Ottmar Pfitzenmaier stellt ein städtisches Engagement im Leo-Center grundsätzlich in Frage: „Die vordringliche Aufgabe ist doch, Schulräume zur Verfügung zu stellen und das Bürgeramt ins Laufen zu bringen“, sagt der Vorsitzende der SPD-Fraktion. Die Stadt solle daher „parallel nach räumlichen Alternativen für die Schulen und das Bürgeramt in der Kernstadt suchen.“ Eine könnte die leer stehende Deutsche Bank am Marktplatz in direkter Nachbarschaft zum jetzigen Bürgeramt sein, schlägt Georg Pfeiffer von den Freien Wählern vor.

Deckung von mindestens 75 Prozent

Martin Georg Cohn hält eine detaillierte Kostendiskussion für noch zu früh: „Es geht jetzt ums Leo-Center und die Frage: Wie kann man eine Fläche nutzen, die sonst nicht mehr bespielt wird?“, wirbt der Oberbürgermeister „für die Potenziale“, die ein städtischer Einzug im Leo-Center mit sich bringen würde. Schließlich gehe es um mehr Frequenz in der Stadtmitte. Dass die Mietkosten einen Deckungsgrad von mindestens 75 Prozent haben muss, ist für ihn gesetzt.

Auch ein Umzug der Stadtbibliothek bringe finanzielle Vorteile: „Schulerweiterungen in bereits vorhandenen Gebäuden werden mit 30 Prozent gefördert“, sagt Cohn mit Blick auf die Platzprobleme des Johannes- Kepler-Gymnasiums, das sich in den Bücherei-Räumen ausbreiten könnte.

„Die Ideen sind es wert, weiterverfolgt zu werden“, meint Birgit Widmaier von den Grünen. Ihr Fraktionskollege Daniel Belling zeigt sich „verhalten optimistisch“, wenngleich man die Beispiele aus Berlin und Kassel nicht unbedingt mit Leonberg vergleichen könne. Für Horst Nebenführ ist ein Einzug ins Leo-Center „durchaus vorstellbar“, der FDP-Fraktionschef mahnt aber eine Risiko-Analyse an. Für Thomas Hartung (AfD) sind die Pläne „charming“. Annette Gaber-Paul zeigt sich gar „geflasht“. Die Stadträtin von SALZ schränkt aber gleich ein: „Wir greifen nach den Sternen, obwohl wir auf dem Boden noch nicht aufgeräumt haben.“

Letzteres soll jetzt erst einmal geschehen: Die Stadtverwaltung soll eine Nutzung im Leo-Center einschließlich der zu erwartenden Kosten weiterentwickeln und gleichzeitig nach räumlichen Alternativen für das Bürgeramt und die Schule suchen. Dann wird im Dezember weiterdiskutiert.