Mit der Schau „Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520 – 1970“ wird das Kunstmuseum Stuttgart das Publikum begeistern, ist sich „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer sicher.
Stuttgart - Das Kunstmuseum Stuttgart setzt seinen Höhenflug fort: Von diesem Samstag an wird die Schau „Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520 – 1970“ das Publikum begeistern. In diesem Fall auch als Wiederentdeckung von Stuttgarter Spuren.
Viele Spuren nach Stuttgart
Leicht fahrig wirken die Fäden, die Jesus Rafael Soto in der dritten Kubus-Etage des Kunstmuseums Stuttgart in seinem Objektbild „Carré noir olive“ (1968) spannt. Eher als Hinweis auf die Möglichkeiten solcher Lineaturen denn ernste Struktur. Und tatsächlich ist Soto wie so viele seiner Kolleginnen und Kollegen der Optical Art ein Künstler, der seine Qualität im Ergreifen und Begreifen von Raum hat.
Unvergessen etwa, wie Soto bis in die 1970er Jahre die Ebenen des Altbaus der Staatsgalerie Stuttgart durchmaß, mit leichter Hand das pure Treppenhaus in einen Ort der Kunst verwandelte und damit zugleich weit nach vorne verwies auf die großen Rauminstallationen der 1970er Jahre.
Nun ist Soto bis Mitte April zurück in Stuttgart. Aus dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Mumok) ist die Ausstellung „Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520 – 1970“ nach Stuttgart gereist – und dies zu einem wohl idealen Zeitpunkt.
Kunstmuseum bleibt auf Höhenflug
Das Kunstmuseum Stuttgart ist auf anhaltendem Höhenflug – und der zuletzt internationale Lockruf der Schau zum Werk von Ragnar Kjartansson sorgt für eine wohltuende Leichtigkeit des Seins. Das Team um Direktorin Ulrike Groos hat ganz offenbar Spaß an der Kunst-Sache, und mit dieser Grundhaltung wird auch eine Bestandsaufnahme der Op Art zu einem Lustfaktor.
Op Art-Idealbühne Stuttgart
Umso mehr, als Stuttgart die ideale Bühne ist. Die Galerie Senatore machte von 1959 an mit der zuvorderst in Italien geprägten neuen Lust am Dialog von Kunst und Technik vertraut, die Debatte über eine programmierbare Kunst wurde im Kreis um den Philosophen Max Bense und den Germanisten Reinhard Döhl mit Beginn der 1960er Jahre leidenschaftlich geführt, und die Galerie im Hause Behr verband – bis hin zu einer der ersten Computerkunst-Ausstellungen überhaupt – klug die Freude am schönen Sein mit dem programmierten (Lichtkunst-)Schein. Zudem: In Esslingen begann Hans Mayer 1965 seine Galerietätigkeit ausdrücklich mit dem Titel Op Art-Galerie Hans Mayer.
Mehr noch aber: Stuttgart, das ist auch die Stadt, in der und von der aus Michael Sturm als junger Galerist um Begeisterung für das nun in „Vertigo“ mit gutem Grund umfassend gewürdigte Schaffen der Op-Art-Pionierin Bridget Riley warb und in der Christoph Becker, seit 2000 Direktor des Kunsthauses Zürich, noch in der Staatsgalerie die Gemälde von Edward Burne-Jones mit einem Riley-Großformat kontrastierte. Und es ist die Stadt, in der und von der aus Christine und Dieter Müller-Roth mit ihrer Galerie seit den frühen 1970er Jahren auf das Schaffen eines zweiten „Vertigo“-Hauptakteurs aufmerksam machen: Francois Morellet.
Und auch im Kunstmuseum selbst ist die Saat einer Kunst aus und mit Innovationslust gesät – 2018 präsentierte „Mixed Realities“ aktuelle Kunst, die sich offensiv digitaler Techniken bedient.
Buchstäblich lustvolle Kunst
„Vertigo“ (nach Alfred Hitchcocks bereits im Vorspann elektrisierendem Thriller von 1958) kann mithin an Vieles anknüpfen. Wenn Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos und Kuratorin Eva-Marina Froitzheim vordergründig darauf verzichten, das wesentlich von Eva Badura-Triska (Mumok) und Markus Wörgötter erarbeitete und zunächst in Wien präsentierte Ausstellungsprojekt in Stuttgart in stadtspezifische Linien zu führen, ist dies für das eigentliche Vorhaben nur konsequent. Zuvorderst will „Vertigo“ ja deutlich machen: Die Geschichte des Schwindels reicht erstens lange zurück, sie ist zweitens buchstäblich lustvoll. Und sie erleichtert drittens gerade im historischen Abstand und im überraschenden Erlebnis künstlerischer Möglichkeiten die mögliche Annäherung an eine Kunst, die in unseren Tagen nach Äußerungsmöglichkeiten sucht, die im Dialog mit den Sprüngen der Hochtechnologie Konzeptionen für umfassende Gestaltideen entwickeln. Dass die Op Art hier Brücken schlagen und Faszination wecken kann, belegte zuletzt etwa der Ansturm auf die Retrospektive zum Werk von Victor Vasarely im Centre Pompidou in Paris im vergangen Frühjahr.
Kunstmuseum wird zum Labor der Wahrnehmung
Nun aber hinein und hindurch – ist doch wie auch in Wien allein schon die Rekonstruktion von Gianni Colombos Vier-Raum-Labyrinth „Spazio elastico“ der 34. Biennale Venedig 1968 den Besuch von „Vertigo“ wert. Dialoge von Licht, Klang, Zeit und Raum verwandeln im Grunde ganz aus der Zeichnung entwickelte Lineaturen in eigene Orte, in denen zudem das von Ragnar Kjartansson nun auch einem jüngeren Publikum bekannte Abenteuer der Wiederholung Wirkung zeigt.
Empfangen von Bridget Rileys „Blaze 2“ und entführt und verführt von Colombos „Spazio elastico“ im ersten Kubus-Geschoss, erlebt man die zweite „Vertigo“-Ebene als offenes, die Jahrhunderte übergreifendes Wahrnehmungs-Labor.
Mitmachen erwünscht – im Studio 11
Im dritten Kubus-Geschoss wird es dann buchstäblich grell. Zuvorderst Gabriele Devecchis Lichtraum „Ambiente – strutturazione a parametri virtuali“ von 1969 zeigt meisterhaft, wie sich Op Art in der Aneignung von Konkreter Kunst und Konzeptkunst verdichtet. So kühn wie folgerichtig schließt sich hier der Kreis, den „Vertigo“ mit Marina Apollonios begehbarem Werk „Spazio ad attivazione cinetica 4s“ (1969) im Kunstmuseums-Foyer eröffnet und im „Mitmach-Labor“ des Studio 11 zu eigenen Ideen-Entwicklungen einlädt.
Was ist Op Art?
Als „Op-Art: Pictures that attack the eye“ („Op-Art: Bilder, die das Auge attackieren“) beschreibt Jon Borgzinner 1964 im „Time Magazine“ vorab die Schau „The Responsive Eye“ 1965 im Museum of Modern Art in New York.
Borgzinner nimmt damit auch Bezug auf Umberto Ecos Buch „Opera Aperta“ („Das offene Kunstwerk“) von 1962. Dieses begleitet eine Ausstellung in den Räumen des Büromaschinenherstellers Olivetti in Mailand. Summierend präsentiert jedoch bereits 1955 mit der Schau „Le Mouvement“ die Galerie Denise René in Paris künstlerische Werke, die mit Licht und Bewegung arbeiten.