Alle warten auf den Impfstoff, für Afrikaner wird zurzeit noch gar nichts abgefüllt. Es fehlt am Geld und die Industrienationen haben einen Vorstoß zur Beschleunigung aus Südafrika und Indien abgelehnt.
Johannesburg - Wenn Afrikaner dieser Tage die Nachrichten der internationalen Fernsehsender verfolgen, werden sie von einem unangenehmen Gefühl beschlichen. Sie sehen Bilder aus europäischen Pharma-Firmen, in denen tausende von kleinen Glasfläschchen abgefüllt werden: Impfstoffe gegen das Corona-Virus, die für ihre Verwendung in England, den USA oder auch Deutschland fertig gestellt werden.
Fachleute zeigen sich hoffnungsvoll: Von den Seren wird die Wende im Kampf gegen das Virus mit dem Krönchen erwartet. „Ein fantastischer Augenblick“, triumphiert der britische Premierminister Boris Johnson: „Wir erobern uns jetzt unser Leben zurück.“
Für Afrikaner wird derzeit nichts abgefüllt
Die Betonung liegt auf „unser“: Mit den Eroberern sind die im wohlhabenden Norden der Welt lebenden Menschen gemeint. Afrikaner wissen, dass sie beim Run auf die Leben sichernden Seren wieder einmal ganz hinten platziert sind: Für sie wird derzeit noch überhaupt nichts abgefüllt. Von den aussichtsreichsten Impfstoffen seien bereits 6,4 Milliarden Dosen verkauft worden, meldet die Londoner Beratungsfirma „Capital Economics“: Der Löwenanteil geht in die USA und die EU.
Während sich Russland und China auf ihre eigene Forschung verlassen, ist Afrika vor allem auf den Nordwesten der Welt angewiesen. Es wird erst dann wirklich zum Zug kommen, wenn die Wohlstandsländer ihre eigene Bevölkerung durchgeimpft haben. „Das ist nicht nur ethisch skrupellos, sondern auch dumm“, meint Lawrence Gostin, Direktor des Instituts für nationales und globales Gesundheitsrecht an der Washingtoner Georgetown Universität: „Solange nicht die ganze Welt gesichert ist, wird es auch in den reichen Ländern immer wieder zu neuen Epidemie-Ausbrüchen kommen.“
Es droht „Impfstoff-Nationalismus“
„Impfstoff-Nationalismus“ ist als Schlagwort des Schreckensjahres 2020 in die Annalen eingegangen: Donald Trump und Boris Johnson investierten Milliarden an Steuergeldern in die Forschung, um ihren Staaten einen VIP-Zugriff auf die Impfstoffe zu sichern.
Auf Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde im April die „Covid-19 Vaccine Global Access Facility“ (Covax) gegründet: Ein Zusammenschluss von 187 Staaten, der auch ärmsten Ländern den Zugang zu Impfstoffen ermöglichen soll. Bisher wurden zwei Milliarden US-Dollar einbezahlt: Damit können in den kommenden sechs Monaten drei Prozent der Bevölkerung der südlichen Erdhalbkugel geimpft werden. Mindestens 70 Prozent sind jedoch nötig, um in einem Land „Herden-Immunität“ herzustellen. Dafür bräuchten die 54 Staaten Afrikas weitere zwölf Milliarden Dollar, rechnete die Weltbank aus: Eine kaum zu stemmende Belastung für die ohnehin schwer angeschlagenen Armutsnationen.
Industrienationen blockieren Vorstoß
Südafrikas und Indiens Regierungen versuchten deshalb bei der Welthandelsorganisation (WTO) eine vorübergehende Aufhebung der Patentrechte der Impfstoffe zu erreichen. Auf diese Weise könnten auch andere Pharma-Unternehmen – ohne ausdrückliches Einverständnis der Seren-Entwickler – den Impfstoff herstellen. Die Kosten für die Herstellung würden dadurch deutlich gesenkt. Doch der Vorstoß wurde von den westlichen Industrienationen blockiert: Sie wollen die „Aushöhlung“ des Schutzes geistigen Eigentums verhindern, der für die kostspielige Entwicklung neuer Pharmaka unabdingbar sei – auch wenn in die Entwicklung der Covid-19-Seren Milliarden an Steuergeldern geflossen sind.
Vergeblich rief die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ zur Unterstützung des „bahnbrechenden Vorschlags“ Südafrikas und Indiens auf: Mit ihm wäre „in einem entscheidenden Augenblick das Wohl der Menschen über die Profite der Unternehmen“ gestellt worden.
Die Kühlung kann zum Problem werden
Nun könnten Afrikaner frühestens Mitte des kommenden Jahres mit nennenswerten Mengen an Impfstoffen rechnen, klagt der Johannesburger Vaccinologe Shabir Mahdi: „Und auch das nur, wenn wir Glück haben, und alles gut geht.“ Selbst dann sind allerdings nicht alle Hürden genommen. Denn zumindest im Fall des Gemeinschaftsprodukts von BioNtech und Pfizer muss dann auch noch dafür gesorgt werden, dass der auf minus 70 Grad zu kühlende Impfstoff auf dem gesamten Kontinent verteilt werden kann.
An den Folgen einer Covid-19-Ansteckung sterben derzeit täglich mehrere hundert Afrikaner.