In letzter Zeit lief es bei Mareike Machate nicht rund. Dass sie trotzdem lacht, liegt an Tochter Clarissa und daran, dass sie sich Luft machen will über ihren Ärger als Pendlerin. Foto: privat/dpa

Mareike Machate ist Mutter, Witwe, Krankenschwester und Pendlerin. Sie hat schon viel ertragen. Doch nun hat die 43-jährige Schorndorferin genug und will endlich gehört werden.

Sie möchte sich mitteilen, sich den Druck von der Seele erzählen und in ihren Bedürfnissen gesehen werden. Das ist Mareike Machate sehr wichtig, und die 43-Jährige kämpft dafür – mittlerweile. Früher sei sie schüchtern gewesen, habe oft machtlos zugesehen und die Dinge kommentarlos hingenommen. „Damit ist nun Schluss. Worte haben Macht. Deshalb will ich wenigstens die Sperrungen und Ausfälle, die mir als Pendlerin so große Probleme bereiten, nicht länger totschweigen, wenn ich schon sonst viel zu oft den Mund gehalten habe.“

 

Um die Situation der Schorndorferin und ihren Drang, sich mitzuteilen und ernstgenommen zu werden, richtig zu verstehen, muss man wohl erst mal ein ganzes Stück zurückgehen. In eine Zeit, in der Mareike Machate – als Diakonische Schwester im Kaiserswerther Verband möchte sie am liebsten Schwester Mareike Machate genannt werden – verheiratet war mit Christian Machate. Kennengelernt hat sie ihre große Liebe dank Harry Potter. „Ich habe den Film gesehen und war begeistert von den fliegenden Kerzen. Also trat ich in ein digitales Forum ein, in dem wir uns darüber austauschten, wie es wohl im nächsten Band weitergeht“, erklärt sie.

Dank Harry Potter fand Mareike Machate ihre große Liebe

In besagtem Forum chattete die Schorndorferin erst mit dem Bruder ihres Mannes und dann mit ihm selbst. „Wir hatten sofort einen Draht zueinander. Wir schrieben uns bis 4 Uhr morgens und waren quasi sofort verliebt.“ Während sie das erzählt, holt die 43-Jährige ein Foto aus ihrer Tasche – darauf zu sehen: ein glückliches Hochzeitspaar. Im Jahr 2013 fand die Trauung statt, 2017 wurde Tochter Clarissa geboren. „Wir haben einfach gut miteinander funktioniert und uns gegenseitig den Rücken gestärkt.“

Ihre Tochter gibt Mareike Machate Kraft – die beiden haben viel Spaß miteinander. Foto: privat

Doch so schön die gemeinsame Zeit war, sie wurde überschattet von seinem angeborenen Herzfehler. „Als er doch operiert werden konnte, war die Prognose erst mal gut. Aber durch die hilflosen Situationen, in denen er sich wegen der Erkrankung ausgeliefert fühlte, entwickelte er eine schwere Angststörung.“ Und auch bei Mareike Machate ging es nicht spurlos vorbei – Mama, Job, kranker Mann: „Ich landete mit Erschöpfungssyndrom in der Tagesklinik.“ Doch leichter wurde es nicht. Der Zustand ihres Mannes – er war Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste und wurde 2015 Diakonischer Bruder – verschlechterte sich. „Er hatte Panik wegen seiner Pulsschwankungen. Aber statt ihn ernstzunehmen und ein EKG zu schreiben, schob man die Symptome auf die Angst und riet ihm zu einer Tasse Tee“, sagt die 43-Jährige.

Die Tochter versucht, den Papa munter zu kitzeln, doch der wacht nicht mehr auf

In all der Zeit – während problematischer Situationen und Komplikationen – war Mareike Machate an seiner Seite. Auf der Schwelle zum Tod durfte auch Clarissa Abschied nehmen. „Wir haben ihr gesagt, dass wir den Papa nicht mehr wachkriegen. Auch ihr Kitzeln hat nichts geholfen.“ Die 43-Jährige spricht gefasst, aber in jedem Satz wird deutlich, wie sehr das Erlebte noch immer schmerzt. „Ich habe damals in vielen Momenten ein ungutes Gefühl und Zweifel gehabt, aber ich schwieg. Auch Situationen, in denen es durch das Ganze mit meinem Mann im Job Probleme gab, waren schwierig“, sagt die Diakonische Schwester, bei der die Strapazen zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung führten. „Ich dachte, ich stecke das alles weg, aber das war nicht der Fall.“

Warten auf den Ersatzbus: In Menschenmassen wie dieser fühlt sich Mareike Machate ausgeliefert und bekommt kaum Luft (Symbolfoto). Foto: Archiv/Eva Schäfer

Wegen dieser Belastungsstörung, wegen Momenten, in denen sie gerne anders reagiert hätte, möchte Mareike Machate nun nicht mehr unkommentiert lassen, wie für sie als Pendlerin – sie wohnt in Schorndorf und arbeitet im Diakonie-Klinikum in Stuttgart – die aktuelle Situation mit den Sperrungen, Zugausfällen und Ersatzbussen ist. „Ich bin findig, versuche verschiedene Strecken und unterschiedliche Möglichkeiten, aber nichts funktioniert. Man wird zusammengequetscht, Ersatzhaltestellen werden verlegt und zu wenig Waggons sind im Einsatz. Die Sperrungen und Ausfälle machen mich krank“, sagt die 43-Jährige, die schon zahlreiche Beschwerde-Mails an die Bahn geschickt hat – inklusive Videos.

Wenn sie dann noch nicht mal einen Sitzplatz erwischt, sondern eingequetscht im Gedränge steht, dann kriegt die 43-Jährige keine Luft mehr, und ihr Kreislauf macht schlapp. „Und leider gilt, was das Thema betrifft, dass nach der Sperrung vor der Sperrung ist. Nun wurde bereits für Anfang Juni die nächste Sperrung der Strecke Waiblingen-Schorndorf angekündigt.“ Wieder eine Woche Ersatzbus mit all seinen Tücken also – denn die Serie der Ausfälle im Nahverkehr scheint sich fortzusetzen.

Mareike Machate graut davor: „An jedem Sperrungstag leide ich als Pendlerin. Mit der Belastungsstörung ist für mich, dadurch, dass ich eingepfercht wie Schlachtvieh transportiert werde, jeder Arbeitstag ein Leidensweg“, sagt die Schorndorferin, die als Krankenschwester und Pflegepädagogin arbeitet und eigentlich gerade klarkommt mit ihrer Erkrankung. „Ich bin nicht depressiv, sondern habe es im Griff und bin gut eingestellt, aber das Pendeln ist aktuell trotzdem nur schwer auszuhalten.“

Und auch wenn man ihr so ganz ohne Tracht, dafür mit Lippenstift und blonden Haaren, nicht ansieht, dass sie Diakonische Schwester ist, im Gespräch wird immer wieder deutlich, wie viel es ihr bedeutet. „Christian schlief mit einem Siegerlächeln ein, weil er seine Angst überwunden hatte. Den Plan über Leben und Tod hat jemand anders“, sagt Mareike Machate und ist bei aller Tragik froh, dass ihr Mann durch die Narkose zum Schluss nichts mehr mitbekam. „Aber es lief nicht alles rund, und ich war schon so oft im Leben machtlos. Deshalb mache ich jetzt den Mund auf und hoffe, dass sich so Dinge ändern.“