Das Fabrikantenehepaar Schimpf ließ sich um 1905 eine feudale Villa in der Mettinger Straße in Esslingen errichten. Foto: Michael Saile Fotografie

Sie sollte Jahrhunderte überdauern – doch bestanden hat sie nur 50 Jahre. Die prächtige Villa der Esslinger Unternehmerfamilie Schimpf erzählt vom Glanz und vom Niedergang einer lokalen Größe.

„Mein Haus ist meine Burg.“ Das Esslinger Ehepaar Schimpf nahm diese Redewendung wörtlich. Von ihren Reisen hatten Ernst und Rosa Schimpf viele Anregungen von historischen Gebäuden, von Kirchen, Klöstern und Festungen mitgebracht: Ihr Esslinger Wohnhaus sollte einer Burg ähneln. An der Mettinger Straße 17 entstand von 1905 an ihr feudales Eigenheim mit 24 Zimmern und vielen Extras. Aus dem Stadtbild ist der Prachtbau wieder verschwunden. Doch ein Architekturmodell der Villa aus Holz, Metall und Glas, das ab Dienstag im Stadtmuseum Gelbes Haus gezeigt wird, zeugt von der vergangenen Herrlichkeit.

 

Traum vom Eigenheim

Der Traum vom Eigenheim gehört für viele zur schwäbischen DNA – das galt auch für das Ehepaar Schimpf: Es wünschte sich sehnlichst seine eigenen vier Wände. Eine klare Vorstellung vom Aussehen des Gebäudes hatten die beiden schon vor dem Bau. Sie wünschten sich ein „altdeutsches Haus“ in burgähnlichem Stil. Ein Grundstück war schnell gefunden: Im Familienbesitz des Handschuhfabrikanten befand sich genau das richtige Plätzchen. Pech war nur, dass das Grundstück an der Mettinger Straße 17 schon mit einem Fachwerkhaus aus dem Jahr 1578 bebaut war.

Aber das konnte den Tatendrang der Schimpfs nicht bremsen. Der Stuttgarter Ingenieur Erasmus Rückgauer schaffte in einer spektakulären Aktion Platz. 1905 ließ er das alte Gebäude von seinem Fundament trennen, auf eine Schiene setzen und innerhalb einer Woche auf das 17 Meter entfernte Grundstück in der Mettinger Straße 19 ziehen. „Durch diese sogenannte Translozierung konnte das historische Gebäude erhalten werden, und es existiert noch immer – heute steht es unter Denkmalschutz“, sagt Christiane Benecke von den Städtischen Museen.

Traumhaus mit Extras

Das Grundstück war nun leer, der Architekt Albert Benz konnte loslegen. Für seinen Freund Ernst Schimpf kreierte er ein schickes Haus, das alle Träume der Bauherren wahr werden ließ. 1907 war die mehrstöckige Villa bezugsfertig. Im Untergeschoss befand sich eine Kapelle mit drei Spitzbogenfenstern, die mit bunten Glasscheiben versehen waren. Der Blick war einmalig. Zu sehen war der gepflegte Garten mit einer alten Madonnenfigur. „In der Kapelle befand sich Rosas Andachtsraum, in den sie sich immer wieder zurückzog“, erzählt Christiane Benecke. Die Unternehmergattin war auch künstlerisch begabt. Als Kind hatte sie Porzellan- und Glasmalerei erlernt, und sie stickte meisterlich. Die Porzellankacheln des Ofens und des Wandbrunnens in ihrem Haus hatte sie selbst bemalt und gebrannt.

Noblesse herrschte im ganzen Gebäude. Im Erdgeschoss konnten sich die beiden Kinder im riesigen Spielzimmer austoben. Sie besaßen Spielzeug vom Feinsten – Kinderbücher vom J.-F.-Schreiber-Verlag, einen Kaufladen, eine Puppenstube. In anderen Räumlichkeiten nahm Rosa Schimpf junge Mädchen von der Schwäbischen Alb auf und bildete sie in Hauswirtschaft aus. Dafür hatte die Fabrikanten-Gattin Zeit und Muße. Denn zu ihrem Haushalt gehörten genügend dienstbare Geister: Eine Kinderfrau, eine Waschfrau, drei Bügelfrauen und ein Weingärtnerehepaar, das sich um den Garten und den hauseigenen Weinberg kümmerte, nahmen ihr einen Großteil der Hausarbeit ab. So blieb auch jede Menge Zeit zum Feiern: „Stimmungsvolle Feste wurden gefeiert. Das Haus war stets voller Leben.“ Die Festkultur blühte. Doch mit einer politischen Karriere klappte es nicht. Rosa Schimpf trat zwar bei der Gemeinderatswahl 1919 für die Frauengruppe der Deutschen Demokratischen Partei an – gewählt wurde sie aber nicht. Von 1920 an engagierte sie sich stattdessen laut Christiane Benecke im Esslinger Hausfrauenverband, in dem sie zwischen 1924 und 1930 den Vorsitz übernahm. Ihr Ehemann Ernst starb 1942 im Alter von 80 Jahren.

Niedergang und Abriss

Der wirtschaftliche Abstieg begann. Die Handschuhfabrik warf nicht mehr viel ab – im Haus gab es keine Dienstboten mehr. Rosa Schimpf, ihre Tochter und ihre Enkelin mussten ihre Arbeiten selbst verrichten. 1949 starb auch Rosa. „Drei Jahre später musste das Haus im Zuge der Nachlassteilung an die Firma G. Boley verkauft werden“, berichtet Christiane Benecke. 1956 wurde das Gebäude abgebrochen. Geblieben sind von der üppigen Pracht des schmucken Hauses der Esslinger Unternehmerfamilie nur noch ein paar historische Fotografien und das Architekturmodell.

Präsentation Das Modell ist von Dienstag, 4. April, an im Esslinger Stadtmuseum am Hafenmarkt zu sehen.

Die Schmipf’sche Villa

Familie
Der Esslinger Handschuhfabrikant Ernst Schimpf (1862–1942) heiratete 1895 Rosa Helene Fink (1870–1949), die Tochter des Musikers Christian Fink und Enkelin des Verlegers Jakob Ferdinand Schreiber. Das frisch vermählte Paar lebte in Esslingen zunächst in der Schelztorstraße und dann am Hafenmarkt 7, dem heutigen Stadtmuseum Gelbes Haus. 1907 bezogen die Schimpfs ihre eigene Villa an der Mettinger Straße.

Villa
 Rosa Schimpf hatte auch eine kreative Ader, die sie produktiv für die Ausgestaltung ihrer schmucken Villa nutzte. Für die einzelnen Zimmer bestickte die Unternehmergattin riesige Wandbehänge. Für Lokalkolorit sorgte sie ebenfalls. Ein Glasfenster, das über zwei Etagen in dem feudalen Gebäude reichte, bemalte Rosa Schimpf mit geschickter Hand und verschönte es mit den Wappen aller Esslinger Bürgermeister.  

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Stadtmuseum Gelbes Haus zu sehen.

Mehr unter www.museen.esslingen.de