Wurde das neue Coronavirus in einem Labor konstruiert? Geht es bei den strikten Maßnahmen zur Eindämmung in Wirklichkeit um die Kontrolle der Menschen? Solche Theorien geistern durchs Netz. Was dahinter steckt.
Stuttgart - Es sind viele Fragen, die in diesen Tagen immer wieder unter Youtube-Videos oder Facebook-Posts zur Corona-Pandemie auftauchen. Wie könne es sein, fragt zum Beispiel ein Nutzer, dass manche Stationen in den Krankenhäusern noch immer leer seien? „Es sterben in Corona-Zeiten nicht mehr Menschen als sonst“, schreibt ein Facebook-Nutzer. Alles von bestimmten Eliten geplant und bewusst gesteuert, um die Menschen zu kontrollieren, behaupten manche Youtuber – und um Profit aus der Krise zu schlagen. Wie kommen solche Mythen zustande? Wir beantworten die wichtigste Fragen dazu.
Wie funktionieren Verschwörungstheorien?
Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen, forscht seit Jahren intensiv zu Verschwörungstheorien. Diese würden nach einem Baukasten-Prinzip funktionieren, sagt Butter: Eine alte Erzählung wird in einer Krisenphase einfach um ein neues Element ergänzt. Gemeinsam sei den Theorien die Annahme, dass „alles“ von einer Machtelite geplant sei, nichts zufällig. Wer von einer bestimmten Situation profitiere, müsse dahinter stecken, so die Logik. Michael Butter ist nicht überrascht, dass viele solcher Theorien gerade in der Corona-Krise Auftrieb haben: „Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass empfänglich ist, wer nicht gut mit Unsicherheit und Ungewissheit umgehen kann“, sagt er. Die derzeitige Situation biete viele offene Fragen – das sei für viele Menschen schwer auszuhalten. Verschwörungstheorien böten dann nicht nur eine einfache Erklärung, sondern auch eine gewisse Sicherheit, sagt Butter: Man weiß nun, was es mit all den Vorgängen in der Welt auf sich hat.
„Verschwörungstheorien vermitteln ein Gefühl von Kontrolle“, sagt auch Tilman Klawier, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Mal würden ihre Anhänger dann unliebsame Regierungen hinter einem Ereignis sehen, mal die Pharma-Industrie oder Finanz-Eliten. „Bekannte Muster finden sich in diesen Theorien immer wieder“, sagt Klawier. Auch bei der Schweinegrippe oder dem HI-Virus habe es bereits ähnliche Narrative gegeben wie nun zum neuen Coronavirus.
Wie gefährlich sind solche Behauptungen?
Es gibt eine Vielzahl kruder Theorien, die man differenzieren müsse – und nicht immer handele es sich dabei um Verschwörungstheorien, sagt Butter. Aber: Bei der Behauptung, jemand handele bewusst, um den Menschen zu schaden, sei Vorsicht angesagt. Gefährlich werden können solche Theorien durchaus: „Etwa, wenn jemand denkt, dass das neuartige Coronavirus gar nicht existiert und sich und andere deshalb nicht schützt“, sagt Butter.
Dafür gibt es durchaus Beispiele im Netz. So wird etwa ein Video verbreitet, in dem der italienische Arzt Matteo Bassetti erklärt, niemand in Italien sei am Coronavirus gestorben. Auch Videos des Arztes Wolfgang Wodarg haben sich schnell verbreitet. Er erklärt, dass das Virus nicht neu sei, nicht gefährlicher als andere Coronaviren oder frühere Grippewellen. Nun aber hätten Wissenschaftler mit finanziellen Absichten Tests entwickelt – und hätten das Virus deshalb „entdeckt“. Solche Thesen greifen viele Nutzer in den sozialen Netzwerken auf und verbreiten sie weiter: Alles nur Panikmache, schreiben sie. Mitunter werden die Zahlen der Sterbefälle oder Bilder und Berichte aus überfüllten Krankenhäusern und Leichenhallen in Spanien oder Italien angezweifelt. Die Krankenhäuser seien lediglich voll von Leuten, die Panik hätten, schreibt ein Nutzer auf Facebook. „Kapiert ihr nicht, was hier mit uns gespielt wird?“ Vielleicht gehe es darum, das Bargeld abzuschaffen? Oder die Menschen besser zu kontrollieren, etwa auch durch Daten-Tracking?
Dass das tausendfach geteilte Video des italienischen Arztes aus dem Februar stammt und Matteo Bassetti seine Einschätzung inzwischen vehement korrigiert hat, dringt dabei nicht mehr durch.
Es gibt Krankenhäuser, in denen tatsächlich Betten leer stehen. Warum?
Klar ist, dass es in manchen Regionen weniger Covid-19-Fälle gibt als anderswo und damit auch weniger Menschen ins Krankenhaus müssen – wodurch es dort noch freie Kapazitäten gibt. Deutschland hat ohnehin wegen der Warnung aus Italien früh vorgesorgt, die Bettenkapazität massiv ausgeweitet und Kontaktbeschränkungen erlassen – so steigen die Zahlen derzeit nicht so massiv an.
Auch ein Vergleich mit der saisonalen Grippe hinkt – auch wenn bislang in Europa im Vergleich zu anderen Jahren nicht deutlich mehr Menschen sterben. Noch ist aber unklar, wie hoch die Sterblichkeitsrate durch Sars-CoV-2 ist. Zudem besteht gegenüber dem neuen Coronavirus weder eine gewisse Grundimmunität, noch gibt es Impfstoffe, weshalb die Raten ohne Maßnahmen enorm schnell steigen könnten.
Was ist von der Theorie zu halten, dass das Virus aus einem Labor stammt?
Es ist wohl die bekannteste Verschwörungstheorie zu Sars-CoV-2. Dazu gibt es unterschiedliche Versionen: Manche behaupten, die USA hätten das Coronavirus entwickelt, um es in China zu streuen – sozusagen als Schachzug im Handelskrieg zwischen den beiden Mächten. Andere dagegen sagen, die Chinesen hätten das Virus bewusst entwickelt – als Biowaffe, um die Bevölkerung der EU zu dezimieren und Platz für Zuwanderer zu schaffen. Schließlich sei es kein Geheimnis, dass gleich zwei Biolabore unweit des Wuhaner Fischmarktes liegen. Womöglich sei dieses konstruierte Virus dort entwichen? Tatsache ist, dass Coronaviren in Tieren vorkommen und von dort wohl auch auf den Mensch überspringen können. Dazu passt, dass Schuppentiere Coronaviren beherbergen, deren Erbgut zu 99 Prozent mit Sars-CoV-2 übereinstimmt. Kanadische Forscher haben das Genmaterial des neuen Coronavirus mit dem anderer Coronaviren verglichen und die Ergebnisse im Fachblatt „Nature Medicine“ publiziert. Ihr Fazit: „Unsere Analysen zeigen klar, dass Sars-CoV-2 kein Labor-Konstrukt ist und kein bewusst manipuliertes Virus.“
Warum gibt es Patente auf Coronaviren?
Hartnäckig kursiert das Gerücht, Bill Gates habe vor der Epidemie bereits im Oktober 2019 gewarnt und unterstütze zudem mit seiner Stiftung das britische Pirbright-Institut – und dieses halte ein Coronavirus-Patent. Somit hätten Gates und andere Milliardäre das Virus gezüchtet, um mit Impfstoffen und Arzneien Riesenprofite zu generieren. Dies ist leicht zu widerlegen: Die Stiftung hat eine wissenschaftliche Übung zu einer Pandemie-Simulation unterstützt – und sie fördert Forschung. Laborforschung an Coronaviren gibt es unbestritten seit langem – unter anderem vom Pirbright-Institut, um Impfstoffe für Haustiere zu entwickeln. Auch, weil Viren aus der Familie der Coronaviren in der Vergangenheit auf Menschen übersprangen und schwere Erkrankungswellen auslösten. Fachleute hielten die Gefahr einer Pandemie in den vergangenen Jahren bereits immer für real. Das Pirbright-Institut besitzt aber kein Patent auf das jetzt grassierende Coronavirus Sars-CoV-2, sondern nur auf ein verwandtes, abgeschwächtes Virus, das etwa Geflügel befallen kann. Dies dient primär der Entwicklung von Impfstoffen. Ähnliches gilt für andere Halter von Coronavirus-Patenten.
Wie kann man erkennen, ob hinter einer These eine Verschwörungstheorie steckt?
Eine Demokratie müsse gewisse Kritik an dem Vorgehen der Regierung und an bestimmten Maßnahmen durchaus aushalten, sagt Kommunikationswissenschaftler Tilman Klawier. In Deutschland gebe es durchaus eine offene Debatte – auch um die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Doch auch Verschwörungstheoretiker argumentieren häufig, sie würden lediglich „kritisch hinterfragen“. Ob an einer These nun tatsächlich etwas dran ist, sei mitunter schwer erkennbar, sagt Klawier. „Viele Blogs oder Seiten, auf denen Verschwörungstheorien verbreitet werden, imitieren seriöse Nachrichtenseiten sehr gut.“ Häufig würden Behauptungen auch mit Verweisen auf Studien oder Diagramme untermauert, die aber kaum jemand wirklich durchdringe, sagt Klawier. „Man kann prüfen, ob die Theorie logische Mängel hat.“ Inzwischen gibt es zudem viele Plattformen und gemeinnützige Vereine, die sich Falschmeldungen und Theorien rund um das Coronavirus widmen und Fakten checken – etwa Mimikama.at oder Correctiv.org. Dort werden nicht nur große Verschwörungstheorien unter die Lupe genommen, sondern auch kursierende Ratschläge zu Heilmitteln, die die Viren vermeintlich abtöten.