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Eric Establie in überflutetem Labyrinth vermisst – Klopfzeichen machen Hoffnung.

Paris - Lebt er oder lebt er nicht? Die Stimmung der Retter schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Das Drama des 45 Jahre alten Eric Establie hat selbst das Schicksal der 33 chilenischen Kumpel in den Hintergrund gerückt.

Frankreich schaut seit Tagen gebannt nach Labastide-de-Virac im südostfranzösischen Departement Ardèche. Hier, nahe dem gleichnamigen Fluss, taucht der Höhlentaucher am vorletzten Sonntag ein in eine geheimnisvoll zerklüftete und längst noch nicht vollständig erforschte Unterwelt. La Dragonnière nennt sich diese Quelle, über die sich ein mächtiges, 200 Meter hohes Felsplateau erhebt.

Leichtsinn und Verantwortungslosigkeit wird man Eric Establie nicht vorwerfen können. Der Mann aus Cannes, Inhaber eines Spezialunternehmens für Meerestaucher, gilt als einer der erfahrensten und besten Höhlentaucher der Welt. "Unser Meister", nennen ihn die respektvoll, die nun im Wettlauf mit der Uhr um sein Leben kämpfen. Auf 1040 Meter Länge ist die Höhle bereits erforscht. Doch Eric Establie will diesmal weitergehen, um auch den noch unbekannten Teil, quasi das Ende des Schlauchs, zu fotografieren und zu kartografieren.

Doch dann passiert die Katastrophe - ein äußerst seltener Zwischenfall mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million: 780 Meter vom Höhleneingang entfernt brechen Geröllmassen aus der Höhlendecke - und versperren Establie den Rückweg. Sein einziger Zufluchtsort muss eine Luftblase irgendwo hinter dem Geröllhaufen sein. Die Nachricht alarmiert das sehr überschaubare Volk der Höhlentaucher. Von überall her eilen sie nach La Dragonnière. Die Briten kommen, die Schweizer, natürlich auch seine Landsleute. Man kennt sich und weiß auch: Wo immer Höhlentaucher in der Klemme stecken, ist normalerweise auch Eric Establie zur Stelle. So wie vor einem Jahr, in der Grotte du Ressel (Departement Lot), wo er einen verunglückten Kollegen wieder ins Leben zurückholte.

Retter vernehmen Klopfzeichen

Am Samstagabend keimt plötzlich Hoffnung auf: Die Retter vernehmen Klopfzeichen in dem über tausend Meter langen und fast vollständig überfluteten Höhlenlabyrinth. Ein leises Lächeln huscht über die Gesichter der Rettungstrupps: Eric lebt. Am Sonntag schicken sie ein wasserdichtes Päckchen auf die Reise. Der Inhalt: ein Funkgerät, Schmerzmittel, Schokolade, Tabletten, mit denen sich Wasser desinfizieren lässt sowie einen Brief seiner Frau und seines 14 Jahre alten Sohnes. Doch offenbar hat Eric Establie das SOS-Paket nicht entdeckt. Denn am Montag bleibt es rätselhaft stumm in dem Reich der Finsternis. Keine Lebenszeichen. Wieder stockt den Rettern der Atem.

Nun sind die Briten an der Reihe. Sie sollen versuchen, den Geröllhaufen zu überwinden, um zu dem Vermissten vorzudringen. Ihr Manöver dauert mehrere Stunden und wird als äußerst riskant eingeschätzt. "Ziel des Tauchgangs ist, den Kontakt zu ihm herzustellen", sagt Eric Zipper. Der Chef des Rettungstrupps ist davon überzeugt, dass Establie schweigt, um seine kostbaren Ressourcen zu schonen, zumal in der Höhle eine drückende Hitze herrscht. Ist Eric am Leben, so das Kalkül der Retter, könnte er rein theoretisch drei bis vier Wochen überleben, ohne zu essen. Flüssigkeit würde zunächst reichen. Und davon hätte er dort unten genug, er sitzt in der Grotte buchstäblich an der Wasserquelle.

Zipper schließt andererseits nicht aus, dass es womöglich doch leise Klopfzeichen gibt. Doch die könnten übertönt werden von dem brummenden Geräusch des Bohrers, den sie oben auf dem Plateau in den Kalkfelsen treiben. Direkt über der Stelle, an der sie den Eingesperrten vermuten, liegt der Weinberg der Domäne Puits-de-Ronze. Von hier führt ein 200 Meter tiefer und sehr schmaler Brunnenschacht direkt bis zur Unterwasserhöhle. Sobald die Retter unten in der Höhle Establie geortet haben, könnte man von über Tage Lebensmittel durch die verbreiterte Röhre herunterlassen. Wieder ein Tag zwischen Hoffen und Bangen.

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