Es gibt viele Dinge, die ein zweites Leben verdient haben: Ein Tag beim Verschenk-Container auf der ehemaligen Mülldeponie Katzenbühl im Kreis Esslingen.
Ein nasskalter Freitagmorgen im Januar. Auf der Entsorgungsstation Katzenbühl des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) im Landkreis Esslingen herrscht Hochbetrieb. Voll geladene Autos, manche mit Anhänger, rollen im Minutentakt zu den Containern. Till Deininger, Pressesprecher der AWB, trägt Mütze und Handschuhe, er deutet in Richtung des Berges neben den Sortieranlagen und gibt ohne Worte zu verstehen: Das war hier mal alles Müll.
Früher sind auf der mittlerweile stillgelegten Deponie zigtausend Tonnen Unrat aus Esslingen und der Umgebung angekarrt und schlicht angehäuft worden. Der Katzenbühl gilt heute als der höchste Berg der Stadt. Mittlerweile ist er wieder bewachsen. Seit rund 20 Jahren wird alles akribisch sortiert und möglichst recycelt. Und seit ziemlich genau zwei Jahren gibt es auf dem umzäunten Areal zudem einen knallbunt bemalten Verschenk-Container. Viele Besucher sprechen vom „Tausch-Container“, denn man kann Sachen dalassen und andere mitnehmen.
Renner hat alles im Blick
Viktor Renner arbeitet seit Ende der 1990er Jahre bei der Entsorgungsstation Katzenbühl an der Grenze zum Rems-Murr-Kreis. An diesem Tag seit neun Uhr. Feierabend hat der 63-Jährige um 18 Uhr. Ein langer Tag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Aber kalt werde ihm nicht, erklärt Renner. Er sei ja ständig in Bewegung. Der Mann hat auf dem Gelände alles und alle im Blick – auch den Verschenk-Container.
„Die Vermeidung von Abfällen ist die erste Stufe unserer Abfallhierarchie“, erklärt Till Deininger. Der beste Abfall sei der, der gar nicht erst entsteht. Und dabei spiele der Container eine kleine, feine Rolle. Viele Kunden des Abfallwirtschaftsbetriebs, die noch brauchbare Dinge entsorgen wollen, werden von Viktor Renner und seinen Kollegen freundlich gefragt, ob sie diese Gegenstände womöglich in den Verschenk-Container stellen möchten. Die meisten, die er anspreche, stimmten zu, sagt Viktor Renner.
Aus dem Container darf jeder und jede mitnehmen, was ihm oder ihr gefällt. In Maßen allerdings. Einmal habe ein Mann säckeweise Utensilien abtransportieren wollen, vermutlich um dann alles im Internet zu verticken. Aber nicht mit Viktor Renner. Der Mann musste wieder auspacken.
Kurz nach zehn. Anna und Sebastian aus Esslingen schauen sich im Container um, die beiden haben einen kleinen Sohn – und nehmen für den Sprössling einen Pucky-Tretroller mit. Noch völlig in Ordnung. Eigentlich hatten sie in den nächsten Tagen einen Roller für den Sohn kaufen wollen. Geld gespart.
Ein paar Minuten später sind ein Vater und dessen Sohn, geschätzt zehn Jahre alt, im Container. Der Bub würde gerne eine Maske einstecken, die in einem der Regale liegt. Doch Papa interveniert: „Das gibt Ärger mit der Mama.“ Also muss die Maske im Container bleiben, der Filius trägt es mit Fassung. Grundsätzlich, sagt der Mann, sei die Idee super, dass gut erhaltene Sachen nicht rausfliegen, sondern noch weitergegeben werden. Er selbst durchsuche oft den Sperrmüll, „denn viele Dinge haben einfach ein zweites Leben verdient“.
Renner hebt den Zeigefinger
Hin und wieder, gesteht der Mann mit einem Augenzwinkern, ziehe er auch verbotswidrig Gegenstände aus den anderen Containern auf dem Gelände, die alle mit großen Lettern beschriftete sind: „Altholz“, „Restmüll“, „Metall/Schrott“. Einen Gartentisch habe er mal mitgenommen. Und eine Zinkwanne. Viktor Renner hört das und hebt den Zeigefinger. Das Verbot habe durchaus seine Richtigkeit, sagt er. Zum einen sei es gefährlich, zum anderen sei der AWB rechtlich gebunden, die ihm überlassenen Dinge auch tatsächlich zu entsorgen.
Bettina Auer aus Esslingen schnappt sich unterdessen auch einen Tretroller aus dem Verschenk-Container. „Für die Kita“, sagt die Erzieherin mit einem Lächeln im Gesicht. Zudem hat sie eines der vielen Kinderbücher eingesteckt: „Wohin fährst Du, kleiner Traktor?“ Auch für die Kita. Ein Mann aus Plochingen erzählt, dass ihm der Container jetzt erstmals aufgefallen sei: „Eine gute Sache, ich muss unbedingt mal was vorbei bringen.“ Der dritte Tretroller, der an diesem Tag noch zu haben ist, wäre toll für seine Tochter, sagt er, „aber wir haben ihr erst kürzlich einen gekauft“. Schlechtes Timing.
Viktor Renner erzählt, dass ab und zu wahre Schätze abgegeben würden. Einmal stand eine gut erhaltene Gibson-E-Gitarre im Container. Die sei ganz schnell wieder weg gewesen. Besonders gefragt seien Rollatoren für Senioren und Fahrräder. Mitunter finde man hier sogar E-Bikes. Und nahezu unbenutzte Elektrogeräte. Den Wasserkocher in seinem Büro habe er originalverpackt aus dem Container geholt.
Maximal drei Wochen belässt er die Gegenstände in den Regalen. Die Puppe, die im Container sitzt, hat nur noch ein paar Tage, dann ist ihre Zeit abgelaufen und sie landet im Müll. Ein Kunde legt eine Packung Süßigkeiten in eines der Regale. Das ist tabu. „Essen und Getränke verboten“, erklärt Viktor Renner und schnappt sich die Packung, die dann schließlich im Restmüll landet.
An diesem schmuddeligen Wintertag ist auf der Deponie sehr viel los. Um 11.30 Uhr ist die Autoschlange vor der Zufahrt viele hundert Meter lang. Renner dirigiert die Fahrzeuge zu den passenden Containern. „Hier Altholz, dort Metalle“, sagt er zu einem Mann im BMW-Kombi. Immer wieder ermutigt er die Leute, Dinge, die gefragt sein könnten, in den Verschenk-Container zu stellen. Harun Yagmur zum Beispiel. Der Mann aus Köngen ist mit einem voll beladenem SUV vorgefahren und erzählt, dass er am Vortag mit seinen Kindern den Keller ausgemistet hat. Einen knallroten Elch zum Draufsitzen sowie eine Tasche trägt er in den Verschenk-Container.
Im vergangenen Jahr gab es laut Till Deininger genau 17 701 sogenannte Anlieferungen von Sperrmüll in den drei Entsorgungsstationen des Landkreises Esslingen, 6679 davon auf dem Katzenbühl. Die Liefermenge sei auf jeweils maximal fünf Kubikmeter begrenzt. Das wären dann allein am Katzenbühl gut 33 000 Kubikmeter, so Deininger. Keine Frage: „Es werden große Mengen bewegt, und nur der kleinste Teil wird über die Verschenk-Container weitergegeben oder wiederverwendet.“ Dieses spezielle Angebot des AWB sei „vor allem als Impuls“ zu verstehen, um in den Köpfen der Menschen für Bewegung zu sorgen: Muss das wirklich entsorgt werden? Oder kann das noch jemand gebrauchen?
Renner kann sich etwas aufwärmen
An diesem immer kälter werdenden Wintertag ebbt der Ansturm auf die Entsorgungsanlage erst gegen 16 Uhr allmählich ab. Zeit für Viktor Renner, sich in seinem Büro ein bisschen aufzuwärmen, durch die große Glasfront des kleinen Gebäudes hat er weiter alle Container gut im Blick.
Ein ehemaliger Kollege, der bis zum Sommer des vergangenen Jahres hier gearbeitet hat, schaut auf einen Sprung vorbei. Zum Schwätzen und auf einen heißen Kaffee. Er hat seinen Sohn dabei, der schnappt sich gleich ein Puzzle aus dem Verschenk-Container. „Ich will auch noch ein Spielzeugauto“, ruft er. Aber der Vater winkt ab. Auch ein Nähset, das im Regal liegt, muss bleiben, wo es ist: im Verschenk-Container.