Kresimir Kozina von Frisch Auf Göppingen setzt sich gegen seinen Kieler Kreisläuferkollegen Patrick Wiencek durch – kann der Außenseiter im Heimspiel am zweiten Weihnachtsfeiertag gegen den THW für die nächste Überraschung in der Handball-Bundesliga schaffen? Foto: Baumann

Mit keinem Minuspunkt Meister zu werden? Gab’s schon in der Handball-Bundesliga. Doch die Zeiten sind vorbei. Es gibt mehr Überraschungen, es geht immer enger zu im vorderen Tabellendrittel. Eine Ursachenforschung.

Stuttgart - Erinnern Sie sich noch an die Saison 2011/12 in der Handball-Bundesliga? Da spielte der THW Kiel eine perfekte Runde und schrieb mit sagenhaften 68:0 Punkten deutsche Sportgeschichte. Noch nie hatte eine Profimannschaft in irgendeiner Sportart in Deutschland den nationalen Titel geholt, indem sie sämtliche Spiele gewann. Bis zu dieser Ausnahmesaison lag die Bestmarke bei 65:3 Zählern, drei Jahre zuvor ebenfalls vom deutschen Rekordmeister THW Kiel aufgestellt.

 

HBL-Chef freut die Spannung

In den Jahren danach ging es deutlich ausgeglichener zu. Nur die vergangene Saison fiel etwas aus der Reihe: Die SG Flensburg-Handewitt (64:4 Punkte) und der THW (62:6 Punkte) machten die Meisterschaft unter sich aus. Der Dritte SC Magdeburg folgte mit deutlichem Sicherheitsabstand zehn Zähler hinter dem Meister. Doch in dieser Saison ist die Spitze so breit wie noch nie. Der THW weist nach der fast sensationellen 20:27-Heimpleite vom Sonntag gegen die HSG Wetzlar bereits acht Minuspunkte auf und steht nur noch wegen der besseren Tordifferenz vor dem Überraschungsteam TSV Hannover-Burgdorf. Dahinter liegen die SG Flensburg-Handewitt und der SC Magdeburg mit je zehn Minuspunkten in Lauerstellung, die Rhein-Neckar Löwen und die Füchse Berlin sind mit zwölf Minuspunkten auch noch nicht aus dem Titelrennen. Verrückte Handball-Bundesliga! „Ist doch super“, findet Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), „wir freuen uns sehr über diese Spannung.“

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Wo aber liegen die Gründe für diese neue Ausgeglichenheit? Für Bohmann ist die Sache ziemlich klar: „Geld wirft eben doch Tore. Und die Teams hinter den großen Drei Kiel, Flensburg und Rhein-Neckar Löwen haben wirtschaftlich aufgeholt. Sie leisten sehr gute Arbeit.“ Mit den offiziellen Etats ist das ja so eine Sache, manche Clubs stapeln bewusst tief, um in der öffentlichen Wahrnehmung besser wegzukommen. Aber klar ist: Der SC Magdeburg und die Füchse Berlin sind nicht mehr allzu weit weg von Flensburg (sieben Millionen Euro) und den Löwen (6,5 Millionen Euro). Die von Pharma-Unternehmerin und Mäzenin Barbara Braun-Lüdicke unterstützte MT Melsungen befindet sich sogar auf Augenhöhe, auch wenn es zum THW-Etat (9,5 Millionen Euro) noch nicht reicht.

Viel mehr Überraschungen als früher

Unbestritten ist, dass die Professionalität in der Bundesliga seit dem deutschen Titelgewinn bei der Heim-WM 2007 gestiegen deutlich zunahm. Und zwar bei allen Vereinen. „Dieser Trend spitzt sich nun immer extremer zu“, stellt Jürgen Schweikardt, der Geschäftsführer und Trainer des TVB Stuttgart, fest. „Früher standen die Ergebnisse doch schon vorher fest. Jetzt gelingen Überraschungen.“ So luchste sein TVB in dieser Saison dem amtierenden deutschen Meister SG Flensburg-Handewitt ein 23:23 ab. Aufsteiger HBW Balingen-Weilstetten landete Überraschungssiege gegen die Füchse Berlin (31:30) und die MT Melsungen (36:23). Zuletzt muckte auch Kellerkind Eulen Ludwigshafen auf – und schaffte gegen Flensburg die Sensation (25:23). „Es ist schon krass, wenn man auf die Tabelle blickt und sieht wie eng alles ist“, findet HBW-Geschäftsführer Wolfgang Strobel. „Nur in ganz wenigen Spielen ist klar, wer gewinnt. Die Spiele stehen meistens auf Messers Schneide. Die Spitzenteams lassen auch bei den sogenannten Kleinen Punkte.“ Dadurch wird die Spitze automatisch breiter.

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Auch für Strobel sind wirtschaftliche Gründe dafür verantwortlich: „Die Topteams haben vieles ausgereizt und können nicht mehr wahnsinnig wachsen.“ Andere dagegen schon. Der SC DHfK Leipzig weist sehr gute strukturelle Voraussetzungen (Großstadt, große Halle) auf und legt Schritt für Schritt eine Schippe drauf. Genauso der Bergische HC. Der trägt bisher lediglich ein Heimspiel im 13 000 Zuschauer fassenden ISS Dome in Düsseldorf aus. „Wenn sie dort fünf oder sechs Spiele austragen, machen sie automatisch einen weiteren wirtschaftlichen Sprung nach vorne“, prognostiziert Strobel. Wovon sein Club übrigens nur träumen kann: Ein Hallenausbau der Sparkassenarena (2350 Zuschauer) ist nach einem Veto der Landesregierung vom Tisch.

Belastung hat zugenommen

Die Finanzkraft ist die eine Seite für die zunehmende Ausgeglichenheit in der Liga, die stärkere Belastung der Topteams in der Champions League die andere. „Die hat weiter zugenommen, keine Frage, andererseits ist das auch immer das einfachste Argument“, sagt HBL-Chef Bohmann. Zumal sich der THW Kiel freiwillig ein Mammutprogramm zumutete und Ende August an der Club-WM teilnahm, vier Spiele in sieben Tagen absolvierte und dann als Vize-Champion 225 000 Euro einstrich.

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Der ehemalige Bundesliga-Trainer Rolf Brack nennt ein weiteres Argument für die neue Spannung an der Spitze. „Immer mehr Vereine erkennen, dass sich Kontinuität auf der Trainerbank, gutes Scouting und eine kluge Personalpolitik auszahlt.“ Die HSG Wetzlar ist so ein Beispiel. Vor allem aber die TSV Hannover-Burgdorf, wo Trainer Carlos Ortega die vorhandenen Mittel derzeit optimal nutzt. Daran will sich auch Frisch Auf Göppingen orientieren und hat den Kontrakt mit Coach Hartmut Mayerhoffer bis 2022 verlängert. Der EHF-Pokal-Sieger der Jahre 2011, 2012, 2016 und 2017 belegte in der Bundesliga-Abschlusstabelle auch schon die Ränge fünf (2014/15) und sechs (2015/16), aktuell aber nur Platz elf. „Wir haben an Substanz verloren“, räumt der Sportliche Leiter Christian Schöne ein.

Frisch Auf am 26. Dezember gegen Kiel

Warum der Traditionsverein wirtschaftlich nicht wie viele Konkurrenten zulegen konnte? „Wir befinden uns weder in einer Großstadt, noch haben wir einen Mäzen. Das ist die große Herausforderung für uns. Wir wollen im zweiten Drittel vorne mitspielen und für Überraschungen sorgen“, sagt Schöne. Vielleicht schon am zweiten Weihnachtsfeiertag (18 Uhr/es gibt noch Stehplatztickets), wenn der THW Kiel mit viel Wut im Bauch in der EWS-Arena aufkreuzt.