Bei der Vernissage hat die Compagny Ausschnitte ihrer Stücke gezeigt. Foto: Georg Linsenmann

Eine Ausstellung dokumentiert ein Tanzprojekt mit Flüchtlingen.

S-West/ S-Mitte - Ganz dringend braucht ein junger Mann Rat von einem Rabbi, findet aber keine Sprache für das, was ihn bedrängt: „Dann tanze es!“, rät ihm der weise Mann und weist so einen Weg aus der Sackgasse. An diese alte chassidische Geschichte gemahnt das Projekt, das die Tänzerin, Choreografin und Traumatherapeutin Heidi Rehse aus dem Stuttgarter Westen seit über drei Jahren umtreibt und das sie unterm Dach und in Kooperation mit der Volkshochschule ins Werk gesetzt hat: Tanzen mit Geflüchteten. Mit Menschen, die in Stuttgart gestrandet sind. Mit Menschen, die auch mit Hilfe von Vhs-Flüchtlings- und Integrationskursen versuchen, in irgendeiner Form Neuland zu gewinnen. Auch mit Hilfe von Ausdruckstanz.

Die Fotoaustellung ist in der Volkshochschule zu sehen

Mit Salamaleque kann Heidi Rehse aus einem Format schöpfen, das sie erstmals während ihrer Zeit in Brasilien erprobt hatte, in den Favelas von Rio. Und seitdem in vielen anderen Ländern, um so Menschen, die am Rande stehen, über Sprachbarrieren hinweg mit der internationalen Sprache des Tanzes zu Selbstausdruck zu verhelfen und so das Selbstgefühl zu stärken: Wie mit der Salamaleque Dance Company, die sie unterm Dach der Volkshochschule mit der dort entstandenen Gruppe „Dancers across Borders“ verschmolzen hat.

Von den Wegen, die Rehse dabei mit der Compagny gegangenen ist – und von den künstlerischen Ergebnissen, die das gezeitigt hat – gibt nun eine Fotoschau am Ro­tebühlplatz einen starken Eindruck: „3 years in motion“, drei Jahre in Bewegung, ist der Titel der Schau im unteren Foyer. Drei Jahre hat die Fotografin Andrea Teicke die Arbeit mit ihrer Kamera begleitet. Und so halten die Bilder das flüchtige Moment der Bewegung in faszinierenden Momentaufnahmen fest. Fotos, fast ausschließlich vor schwarzem Hintergrund gemacht, was den großen Ernst der Stoffe, die hier tänzerischen Ausdruck fanden, unterstreicht. Diffuse Gruppierungen, disparate Begegnungen, Spannungen, Annäherungen und skulpturale Ballungen der Gruppe, aber auch Momente der Ekstase und der wiedergefundenen Harmonie. Vielleicht des situativen Glücks in der im Tanz wiedergefundenen Sprache. Von über 40 Tänzerinnen und Tänzern aus 19 Ländern in drei Stücken geschaffen: „World Second Hand“, „Lost Dreams of Perfection“, „Parts of Us“.

Tanzen als eine Art Therapie

„Ausgangspunkt ist immer, dass wir versuchen, Geschichten zu erzählen“, sagt Rehse, „und Tanz ist dafür besonders geeignet. Es gibt keinen Sprachbarriere, alle sind gleich. Und mit Hilfe von Musik und Bewegung können sich Blockaden lösen.“ Gleichwohl seien das keine einfachen Situationen: „Es gibt Konflikte, denn hier prallen manchmal sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander“, erzählt die Tänzerin. Gleichwohl habe sie „noch keine Situation erlebt, in der es keine Lösung gab. Denn manchmal ist die Lösung auch, die Differenzen so stehen zu lassen und dies auszuhalten und zu akzeptieren“.

Besonders belastend sei übrigens, „dass die Hälfte der Gruppe von Abschiebung bedroht ist“. Warum sie mit diesem auch finanziell prekären Projekt immer weiter macht? „Weil ich diese Arbeit liebe, und weil ich sehe, dass sie den Beteiligten wenigstens situativ hilft.“

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