Die Künstlergruppe Francis Karat befasst sich mit den Anwendungen und Auswirkungen Künstlicher Intelligenz. Foto: Abelein

„Alte Schinken – Eine Retrospektive des Zukünftigen“ nennt sich die neue Schau im Fleischermuseum, in der ein Karlsruher Künstlerkollektiv kühne Visionen entwirft.

Die Vernissage der neuen Ausstellung findet dieses Mal an einem ungewöhnlichen Ort statt: Museumsleiter Christian Baudisch und die Künstlergruppe Francis Karat haben ins Böblinger Kino Bären geladen, wo sie eine mit KI generierte Arbeit über die Zukunft des Fleischgenusses vorstellen. Das neugierige Publikum wird mit einem skurrilen Film konfrontiert, der es in eine Kolonie auf dem Mars entführt. Hier führt ein Kolonist, bei dessen Ausgestaltung sich Francis Karat von Kafka haben inspirieren lassen, über die Versuche Tagebuch, im Reagenzglas futuristische Nahrung heranzuzüchten: Pflanzen, Sauerteig, Pilze und Fleisch aus Insektenproteinen. Immer wieder präsentiert der Film weit aufgerissene, staunend durch die Glaswände von Kolben blickende Augen, die die diversen, blubbernden Substanzen betrachten.

 

Aber warum eine „Retrospektive“ des Zukünftigen? Weil der Film Bildmaterial aus der Vergangenheit, auch aus dem Fleischermuseum, mit KI animiert hat und es um die Versuche des Kolonisten geht, mit der neuen Sensorik und den damit verbundenen Gefühlen und Erinnerungen klarzukommen. In die Animationen fließen die Fantasie der Künstler und Fehler der KI mit ein: Die Bewegungen wirken seltsam surreal, Menschen verwandeln sich in Schweine oder umgekehrt Tiere in Menschen. Gerade die Fehler der KI sind es, welche Francis Karat besonders interessieren. Das Publikum schwankt zwischen Überraschung, technischem Interesse, Nachdenken, Spannung und Ekel.

Der Film ist nun in der Vogtsscheune im Fleischermuseum zu sehen. Nebenan wird er von einer Installation mit einer wissenschaftlichen Versuchsanordnung im retro-futuristischen Design und einer Abhandlung über die Zukunft der Fleischproduktion ergänzt, die bezeugt, dass sich Francis Karat tief in die Materie eingearbeitet haben. Ein altes Radio sendet außerdem Interviews mit Fleischern über die Zukunft ihres Berufsstands vom Fachkräftemangel über Konkurrenz durch Ersatzprodukte bis hin zu sich wandelnder Nachfrage. Diese sind authentisch, was man von einer ausliegenden Rezension nicht behaupten kann: Ein Stuttgarter Künstler hat sie geschaffen, der Ausstellungskritiken von KI erstellen lässt. Das ist aber ganz im Sinne des künstlerischen Ansatzes von Francis Karat.

Ein bisschen Deleuze, eine Prise Heidegger und etwas Sloterdijk

Die Gruppe besteht aus Benjamin Breitkopf, Johannes Bauer, Frank Bierlein und David Losch, der an diesem Abend nicht anwesend sein kann. Sie hat sich 2020 gegründet und befasst sich mit den Anwendungen und Auswirkungen Künstlicher Intelligenz. Ihre Mitglieder haben Medienkunst beziehungsweise Produktdesign in Karlsruhe an der Hochschule für Gestaltung studiert, die dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) angeschlossen ist. Ihre Künstlerpersönlichkeiten lassen sie aber hinter ihrem „Kollektiv für Künstliche Intelligenz“ zurücktreten, was so manche Vorteile hat: „Wir können mutiger, lauter und trashiger sein“, meinen die drei.

Museumsleiter Christian Baudisch hat Francis Karat vor einem Jahr auf der Art Karlsruhe aufgetan und sie eingeladen, sich mit dem Fleischermuseum auseinanderzusetzen. In ihrer Ästhetik hat sich Francis Karat von La Jetées Sci-Fi-Experimentalfilm „Am Rande des Rollfelds“ (das auch als Grundlage für „12 Monkeys“ dient) und Fotografien und Filmen des Franzosen Chris Marker anregen lassen. Außerdem sind Theorien von Deleuze, Heidegger und Sloterdijk in der Arbeit verwoben.

Fleisch war schon Thema in Höhlenmalereien

Was haben aber derlei Präsentationen noch mit der Fleischerei zu tun? Die Verbindungen der Ausstellungen zum Fleischerhandwerk sind enger als man denkt. „Es interessiert die Metzger auf mehreren Ebenen“, sagt Baudisch. So befassen sie sich durchaus mit Fleischersatz, wie er der wöchentlichen Lektüre der Allgemeinen Fleischer-Zeitung entnimmt.

Nicht zu reden davon, dass Fleisch schon seit den Höhlenmalereien ein nicht zu unterschätzendes Sujet der Kunst ist. Auch die KI spielt in der Fleischerei eine Rolle, sei es bei den Produktionsabläufen, Rezepten, Kalkulationen und der Mitarbeiterführung oder bei Illustrationen und Grafiken für Fachpublikationen. Die nächste Ausstellung von Barbara Ehnes in Kooperation mit der Stadtgärtnerei ab dem 26. Juni wird sich mit einem weiteren Trend in Sachen Fleischersatz befassen: mit Pilzen.

Die Ausstellung ist noch bis 12. Oktober zu sehen. Geöffnet ist mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Fleischermuseum
Das Museum besteht seit 1984 im ehemaligen Vogtshaus aus dem 16. Jahrhundert und dessen Scheune. Als einziges Museum in ganz Deutschland setzt es sich mit dem Fleischer-Handwerk auseinander. Auf fünf Etagen sind Dokumente zur Berufsgeschichte zu sehen. Hinzu kommen Prunkgefäße und die Einrichtungen von Zunftläden.

Christian Baudisch
Der promovierte Kunsthistoriker übernahm 2017 die Museumsleitung und macht mit wechselnden Sonderausstellungen mit zeitgenössischer Kunst von sich reden, die sich mit Fleisch oder dem Fleischer-Handwerk auseinandersetzen und von historischen Exponaten und einem reichen Veranstaltungsprogramm ergänzt werden. Während vor Baudischs Ägide vor allem die Geschichte der Fleischerei im Mittelpunkt stand und Cartoons und Karikaturen die Dauerausstellungen ergänzten, so hat er nun mit viel Publikumsresonanz den Akzent hin zur zeitgenössischen Kunst und der Darstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Esskulturen verschoben.