Sieben Tonnen Pakete können bis Samstag im Marstall gekauft werden In weißer Folie verpackt: die Amazon Pakete. Foto: Simon Granville

Das französische Unternehmen King Colis verkauft im Marstall verloren gegangene Pakete. Die Kunden zahlen nach Gewicht und können vor der Kasse nur raten, was sich darin befindet. Ausgepackt werden teils kuriose Dinge.

Um Steffen Gödecke und die junge Frau, die neben ihm auf der Bank sitzt, hat sich eine kleine Gruppe Menschen versammelt. Im Fokus: Pakete in weißer Plastikfolie. Keiner weiß, was darin ist, und genau darum geht es. Bis Samstag verkauft das französische Unternehmen King Colis im Marstall Ludwigsburg Pakete, die in europäischen Logistikzentren liegen geblieben sind.

 

Pakete werden nach Gewicht verkauft

Der Preis der Pakete geht nach Gewicht. 1,99 Euro kosten 100 Gramm eines Standard-Pakets, Amazon Pakete kosten 2,79 Euro pro 100 Gramm. Ludwigsburg ist nach Dresden die zweite deutsche Stand, in der King Colis Halt macht. „Das Konzept ist in Frankreich sehr erfolgreich, deshalb haben wir beschlossen, auch in die Niederlande und nach Deutschland zu expandieren“, sagt Kilian Denis, Sprecher von King Colis.

Die Amazon Pakete sind neu eingepackt. Damit kommt King Colis einer Vorgabe von Amazon nach. Foto: Simon Granville

Schon kurz nach Ladenöffnung stehen am Dienstagmorgen rund 30 Menschen in der Schlange. Im Eingangsbereich des Einkaufszentrums stehen zehn Holzkisten, zwei Kassen, darum herum Absperrungen und ein Band, das die Schlange erst einmal später am Tag zwei Mal an der Längsseite des Verkaufs vorbei lenkt.

Dashcam, Massagegerät, Zahnschienen

Steffen Gödecke hat beim Auspacken sichtlich Spaß. 81 Euro hat er für die vier Pakete bezahlt. Aus dem ersten Karton zieht er ein undefinierbares schwarzes Plastikteil, an dem ein kleiner Schlauch hängt. Auch die Menschen, die neugierig zuschauen, sind ratlos, um was es sich dabei handeln könnte. Aus den nächsten Paketen kommt ein Minibeamer – die kurze Google-Suche ergibt, dass das Gerät auf Amazon derzeit für 54 Euro im Angebot ist – ein Staubsaugeraufsatz und ein Haarschneide-Set. „Den Beamer habe ich auch“, sagt die junge Frau, die neben ihm auspackt. Bei ihr kamen außerdem drei identische kabellose Kopfhörer, eine Videokamera für das Auto, ein Massagegerät, ein Sternenprojektor und Zahnschienen heraus. Bis auf letzteres ist sie zufrieden. 70 Euro hat sie gezahlt, der Einkaufswert dürfte um ein vielfaches höher liegen. Allein ihr Beamer und die Massagepistole kosten 84 Euro auf Amazon.

Sieben Tonnen verlorene Pakete haben die Mitarbeiter des französischen Start-ups dabei. Verloren gegangen sind sie nach Angaben von King Colis hauptsächlich aufgrund fehlerhafter Adressangaben. „Früher wurden diese nicht zugestellten Pakete von den Logistikplattformen, die für ihre Lieferung zuständig waren, vernichtet“, schreibt das Unternehmen. Mit ihrem Konzept sei Schluss mit der Vernichtung. Für Claudia, die nur ihren Vornamen in der Zeitung lesen möchte, ist der nachhaltige Aspekt ein Grund, warum sie an dem Morgen aus Bietigheim kam. Mit ihrem Heizlüfter für das Auto und der bunten Spielekonsole ist sie halbwegs zufrieden, lieber gewesen wäre ihr die Drohne, die eine Frau kurz vor ihr ausgepackt hat. Ihre Bekannte hält ein Paar schwarze Cowboystiefel für Männer, Größe 44, in der Hand. Der Versuch, die Schuhe direkt an andere Kunden weiterzuschenken, bleibt erfolglos. Als sie geht, lässt sie die Stiefel auf der Bank stehen.

Hedwig Schmidt aus Kornwestheim beobachtet interessiert, was die Leute auspacken. Selbst will sie sich nicht in die Schlange einreihen. „Da zahl ich viel und hab später nichts, was mir gefällt“, sagt sie. Auch Seyhan Yasale aus Möglingen kauft „nichts, bei dem sie nicht weiß, was drin ist.“ Ihre Freundin Özlem Yeprem dagegen hat für 26 Euro einen Rasierapparat, einen Wlan-Router und den gleichen Heizlüfter ausgepackt, den schon die Bietigheimerin in ihrem Paket hatte. „Das ist wie Lotto spielen“, sagt sie.

Kunden packen häufig das gleiche Produkt aus

Wenn es sich um verlorene Pakete handelt, warum packen die Kunden, die sich für Amazon Pakete entschieden haben, dann oft das gleiche aus? „Die Leute bestellen häufig das gleiche Produkt, und die Produktpalette von Amazon ist begrenzt“, sagt der Unternehmenssprecher Kilian Denis. Das variiere je nach Jahreszeit, im Sommer finde man deshalb vermehrt Schnorchel, im Winter Weihnachtsdeko in den Paketen. Der Vertrag mit Amazon garantiere, dass es sich nur um verlorene Pakete und nicht um Restbestand handle.

Eine Marbacherin erzählt, worauf sie bei der Auswahl geachtet hat. „Ich habe nach etwas eckigem geschaut, in der Hoffnung, dass etwas Elektronisches drin ist, mein Sohn hat auf die Uefa-Verpackung geachtet“, sagt sie. Die Amazon-Pakete sind aufgrund einer Vorgabe mit weißer Folie umwickelt, andere Pakete sind originalverpackt. Ihr Sohn hat sich das größte Paket bis zum Schluss aufgespart und hofft auf irgendetwas, das mit Fußball zu tun hat. Darin: eine schwarze Abdeckung fürs Auto. Ein kurzer enttäuschter Blick, seine Mutter streicht ihm tröstend über die Haare. „Das Auspacken ist aber eh das Beste“, sagt der Junge.

Viele Besucher kommen aus Neugier

In der Schlange stehen Menschen jeder Altersgruppe. Während sich manche ein Budget gesetzt haben, sind andere danach überrascht, wie viele Pakete sie gekauft haben. Die Hoffnung, dass sich etwas Hochpreisiges darin versteckt, wie der kleine Goldbarren, den eine Französin vor kurzem ausgepackt hat, haben alle. Im Grunde ist es jedoch die Neugier, die anlockt. Wie die Bescherung an Weihnachten, nur früher, nur anders. „Vielleicht ist auch nur eine Quietscheente drin“, sagt eine Frau, die mit ihren Freundinnen in der Schlange steht. „Die können Sie dann haben.“