Daniel Kartmann wurde am 30. September so schwer am Auge verletzt, dass er bleibende Schäden hat. Seitdem schaut er in manchen Angelegenheiten genauer hin.
Daniel Kartmann steht am Montagabend auf der Bühne bei der Montagsdemo. Und erzählt, wie es ihm am 30. September 2010 ergangen ist. 15 Jahre ist das nun her. Sein rechtes Auge wurde damals schwer verletzt. Es hat einen bleibenden Schaden, der den Stuttgarter Musiker bis heute beeinträchtigt.
An jenem Donnerstag 2010 saß Kartmann mit einem Freund beim Kaffeetrinken, das einjährige Kind auf dem Schoß – unbeschwerte Elternzeit. Dann piepte das Handy. Alarm – Wasserwerfer im Schlossgarten, beim Protest gegen die Einrichtung der Großbaustelle für Stuttgart 21 und die Baumfällungen in dem Zuge. „Wasserwerfer? In Stuttgart?“ Dort, wo die häufig verwundert beschriebene „bürgerliche Mitte“ aufstand, um ein Milliardenprojekt der Bahn zu kritisieren – am liebsten zu verhindern? „Ich konnte das nicht glauben, also bin ich hin, um es mit eigenen Augen zu sehen.“
Er wollte dem Wasserwerfer nicht weichen
Im Park erwischte ihn dann der Strahl des Wasserwerfers. „Natürlich hatte ich gesehen, dass der auf uns gerichtet war. Aber ich wollte nicht weichen. Wir waren ja im Recht mit unserem Protest“, sagt Kartmann. Rückwirkend, „leider viel zu spät“, gab das Verwaltungsgericht ihm Recht in dieser Auffassung. Die Demo war rechtmäßig, der Polizeieinsatz nicht, so das Urteil fünf Jahre später. Kartmann war einer der Kläger. „Uns war das klar“, sagt Kartmann, der heute noch nicht versteht, warum der Einsatz dermaßen eskalierte – und es dann so lange dauerte, bis das Verwaltungsgerichtsurteil endlich da war, lange nach dem Strafprozess gegen zwei ranghohe Polizeibeamte, der eingestellt wurde.
Mit den fünf Jahren zwischen Wasserwerfereinsatz und Urteil am Verwaltungsgericht war es für den Musiker nicht vorbei. Zehn Jahre lang habe er noch eine Therapie gemacht, um die Gewalterfahrung aufzuarbeiten, darüber spricht er offen. Das ist die Psyche. Physisch wird nie ganz vorbei sein wird das, was er am rechten Auge damals erlitt. „Ich habe ein eingeschränktes Gesichtsfeld“, schildert er einen Teil der Auswirkungen. Mit Brille sehe er gut, nur manchmal sei es schwierig. „Wenn ich nachts ohne Brille aufstehe, stoße ich auch mal gegen den Türrahmen.“ Das sei ja noch verkraftbar, „da kann man ja vielleicht sogar drüber lachen“. Aber im zurückliegenden Jahr habe er mehrere Unfälle gehabt. „Immer bin ich mit dem Auto rechts wo hängen geblieben oder dagegen gefahren – das kommt dann schon von der Verletzung.“ Er sei zwar auf der Hut und wisse, dass er sich besonders gründlich umschauen müsse. „Aber dann war ich mal etwas unaufmerksam, und es ist was passiert.“ Das Sehvermögen sei getestet und fürs Autofahren „völlig in Ordnung“. Doch die Vorahnung, die jemand mit vollem Gesichtsfeld habe, wenn rechts was sei, die fehle ihm eben. „Ich schaue immer mehrfach und dreh mich um“, ergänzt er. Aber manchmal sei man halt im Stress „und da ist es dann passiert“.
Vor allem wenn er gestresst sei, merke er die Folgen der schweren Verletzung. „Ich muss auch oft an Dietrich Wagner denken“, den Demonstranten, der die schwerste Augenverletzung erlitt und sein Sehvermögen fast ganz verlor. „Ein paar Zentimeter oder Millimeter und es wäre mir auch so gegangen“, sagt Kartmann traurig.
Was ihm noch fehlt, ist ein Stück Vertrauen, dass er an jenem Tag verlor. Kartmann ist sehr kritisch gegenüber der Polizei geworden. „Was geht in jemand vor, der einen Wasserwerfer auf die Menge hält – mit vollem Strahl?“ Viele hätten damals gedacht „Dann werde ich halt nass.“ Mit Sprühregen habe man gerechnet. Aber nicht mit dem harten Strahl, der auf die Menge gerichtet worden sei. „Die wollten sogar Leute aus den Bäumen schießen damit“, sagt Kartmann, sonst ein ruhiger Zeitgenosse. Doch bei den Bildern, die er abruft, redet er sich etwas in Rage. Auch, wenn er an Mitschnitte aus dem Polizeifunk denkt, die im Gerichtssaal abgespielt wurden. „Da war von ,Objekten, die weg müssen’ die Rede. Wir sind doch Menschen!“
Bei Polizeieinsätzen schaut er seit 2010 genau hin
Das Ereignis, das als „Schwarzer Donnerstag“ in die Stadtgeschichte einging, hat ihm einen Teil der Sehkraft genommen. Doch es hat auch seinen Blick geschärft. „Wenn ich sehe, wie Polizisten jemanden festsetzen, festnehmen, dann schaue ich genauer hin, ob das mit rechten Dingen zugeht“, sagt er. Hartes Vorgehen bei Demos des linken Spektrums sowie zum Teil von ihm wahrgenommenes rassistisches Vorgehen bei Personenkontrollen sind Themen, die er kritisiert. „Man erlebt es immer wieder, auch an Grenzkontrollen, dass jemand, der anders aussieht, rausgezogen wird.“ Aber er sieh auch die andere Seite des Polizeiberufs: „Das sind auch Bürger, sie haben einen Eid geschworen, uns zu schützen und uns zu helfen.“ Darauf vertraue er durchaus – und vielleicht ist gerade auch deshalb sein Unverständnis für das Vorgehen am 30. September 2010 so groß.
Auch mit seinen Kindern geht er das Thema an. Die sind nun im Teenageralter. „Es war für sie auch nicht einfach, als ich verletzt und ein dreiviertel Jahr berufsunfähig war“, erinnert er sich. Den kritischen Blick auf die Polizei teile er mit ihnen. Zusammen mit allen vier sei er im Kino gewesen und habe einen französischen Film mit ihnen über Polizeigewalt angeschaut. „Da haben wir alle geweint“, sagt Kartmann.
Daniel Kartmann hat viele Anliegen, für die er auf die Straße geht
Das Demonstrieren lässt der Stuttgarter trotz der schlechten Erfahrung am Schwarzen Donnerstag nicht sein. Der Bahnhof und die Infrastruktur sind nicht das einzige Thema, das ihn auf die Straße treibt. „Man muss etwas tun, man muss sich einsetzen und hinstehen“, sagt Kartmann. Das ist für ihn wahre Überzeugung. „Gegen Faschismus, gegen die Rechten im Land, auch gegen Themen wie Gentrifizierung.“ Letzteres ist für ihn zum Beispiel der Umbau der vor sieben Jahren in Stuttgart-Süd besetzten Wohnungen an der Wilhelm-Rabe-Straße in teuer vermarktbare Immobilien. Und nicht nur gegen Themen, die ihn stören, geht er auf die Straße. Sondern jetzt im Zusammenhang mit Stuttgart 21 auch „für eine bessere Lösung“. Nicht nur „irgendwie endlich fertig bauen“, solle die Bahn den Bahnhof und die neuen Strecken. Sondern das „Bestmögliche“ daraus machen, anstatt nur Profit draus zu schlagen. Deswegen wirbt er für das aktuelle Bürgerbegehren „Mehr Bahnhof = mehr Zukunft“ und sorgt dafür, dass Leute zur Mahnwache gegenüber dem Hauptbahnhof gehen und dafür unterschreiben. Deswegen geht er auch immer wieder auf die Montagsdemos. „Nicht immer, aber wenn ich Zeit und Kraft dafür habe.“ Manchmal steht er dann als Musiker auf der Bühne, und am 29. September 2025 in einer besonderen Rolle: „Ich bin Redner“, kündigt er an. Dann spricht er vor den mit ihm Demonstrierenden darüber, was er an jenem Herbsttag erlebte, der sich als „Schwarzer Donnerstag“ düster in das kollektive Gedächtnis eingeprägt hat.