Aus den Händen von Joachim Gauck erhielt Recep Aydin im Berliner Schloss Bellevue die Bundesverdienstmedaille. Foto: dpa

Recep Aydin erhielt am Freitagmittag im Berliner Schloss Bellevue von Joachim Gauck die Bundesverdienstmedaille. Seit 25 Jahren engagiert sich das ehemalige Gastarbeiterkind in der Stadt für ein religionsübergreifendes Miteinander.

Berlin - Aufgrund des Anfangsbuchstabens seines Nachnamens ist Recep Aydin als Erster dran. Noch vor den prominentesten Geehrten, den Schauspielerinnen Barbara Schöneberger und Cosma Shiva Hagen, schüttelt Aydin dem Bundespräsidenten Joachim Gauck die Hand. In dunkelblauem Anzug mit grüner Krawatte tritt der Kornwestheimer nach vorn, während die Begründung für seine Auszeichnung verlesen wird.

Dem 47-Jährigen wurde am Freitag die Bundesverdienstmedaille verliehen. Für ihn und bundesweit 25 weitere Geehrte wurde ein Festakt im Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten veranstaltet. „Diese Menschen schenken uns etwas, wovon wir alle etwas haben“, sagte Bundespräsident Gauck. „Sie machen die Welt seit Jahren ein bisschen besser.“ Für ihn sei die jährliche Verleihung anlässlich des internationalen Tags des Ehrenamtes „eine der schönsten Aufgaben“ in seinem Amt als Bundespräsident. „Diese Menschen sind die Säulen unserer Bürgergesellschaft.“ Außergewöhnliches Engagement falle zwar nicht immer, aber manchmal doch auf.

Langes Rätseln, wer hinter der Nominierung steckt

Bei Recep Aydin ist das Engagement aufgefallen. Als er Mitte September einen Brief aus Berlin bekam, in dem er über die hohe Ehrung informiert wurde, war er nach eigener Aussage zunächst geschockt – und ratlos. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich Menschen soweit weg von Kornwestheim für mich interessieren.“

Lange habe er überlegt, wer ihn für die Auszeichnung vorgeschlagen hat. „Ich vermutete erst, dass es jemand von der Kirche war.“ Viel später löste sich das Rätsel: Ursula Keck, die Kornwestheimer Oberbürgermeisterin, steckte hinter der Nominierung – und das Komitee entschied sich für den gebürtigen Türken, der längst ganz selbstverständlich das „s“ in Kornwestheim als „sch“ ausspricht. Mit 13 Jahren ist Recep Aydin als Gastarbeiterkind aus Ostanatolien ins Schwabenland gekommen. 34 Jahre später lebt, abgesehen von einer Schwester, seine gesamte Familie in Kornwestheim.

Den Dialog zwischen Muslimen und Christen verbessern

Die Bundesverdienstmedaille hat Aydin seinem jahrelangen Engagement für ein religions- und kulturübergreifendes Miteinander zu verdanken. Als 1990 die erste Moschee in der Stadt eröffnete, begann Aydin, sich zu engagieren. 1994 wurde er zum Vorstandsmitglied im Türkischen Kulturzentrum gewählt, 2001 zum Vorsitzenden des Türkisch-Islamischen Kulturvereins. Ihm gehe es stets darum, den Dialog zwischen Muslimen und Christen zu verbessern: „Viele Vorurteile entstehen durch Unwissenheit“, sagt er. „Ich habe über die Jahre mit verschiedenen Projekten versucht, diese Unwissenheit abzubauen.“

Eines dieser Projekte war das gemeinsame Fastenbrechen. „Mir fiel auf, dass viele Menschen nicht verstanden, warum Muslime Ramadan halten.“ Daraufhin habe er Vertretern der christlichen Gemeinden vorgeschlagen, die Feier nach der Fastenzeit in einer Kirche zu veranstalten. „Das stieß auf keine große Begeisterung“, erinnert er sich. Doch man war mutig: 1997 feierten erstmals Muslime und Christen gemeinsam das Fastenbrechen im Paulusgemeindehaus. Seitdem wird jedes Jahr in einer anderen Kirche gefeiert.

Krankenhäuser und Polizisten rufen ihn zur Hilfe

Ähnlich war es, als er drei Jahre später einen Tag der offenen Tür am 1. Mai in der Ayasofya-Moschee veranstalteten wollte. Zuerst kam viel Kritik, doch seit 15 Jahren ist das am Tag der Arbeit ein fester Termin in den Kalendern vieler Kornwestheimer. Ähnlich erfolgreich ist das von ihm initiierte christlich-muslimische Frauenfrühstück. „So entstand ein Schneeballsystem“, sagt Recep Aydin. Immer mehr Projekte wurden ins Leben gerufen, darunter das internationale Kinderfest oder Infoabende, wie etwa zum Kopftuch.

Durch sein Engagement ist Aydin inzwischen bis nach Stuttgart bekannt: Krankenhäuser und Polizisten rufen ihn an, wenn sie türkischstämmigen Personen eine schlechte Nachricht überbringen müssen. Sozialarbeiter melden sich, wenn sie an muslimische Familien nicht herankommen. Und wenn türkische Schüler sich nicht benehmen, drohen Lehrer scherzhaft, dass sie „Aydin Bescheid sagen“.

Die Ehrung in Berlin sieht Aydin pragmatisch: „Das ist mal etwas anderes. Und es wird wohl das einzige Mal in meinem Leben sein, dass ich das Schloss Bellevue betrete“, sagt er schmunzelnd. Generell scheint Aydin keiner, der gerne im Mittelpunkt steht. Ihm ist es wichtig zu betonen, dass er die Auszeichnung nicht alleine verdiene: „Ich habe viel Unterstützung erhalten. Und ich bin dankbar dafür, dass sich so viele mit mir über diese Ehrung freuen.“

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