Der Warmbronner Kleinverleger Ulrich Keicher hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Foto:  

Der Stuttgarter Großschriftsteller Hermann Lenz und der Warmbronner Kleinverleger Ulrich Keicher waren lebenslange Freunde. Thomas Seng, Verleger aus Köln, hat ihren Briefwechsel herausgegeben und die Verlagsgeschichte nachgezeichnet.

Die Veröffentlichungsliste von Ulrich Keicher, 80, Hochliterat und Handwerker, liest sich wie ein Who is who der deutschen Gegenwartsliteratur: Von der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Zsuszanna Gahse über den Tübinger Lyriker Nico Bleutge und den Büchner-Preisträger Durs Grünbein spannt sich der Verlagsbogen.

 

Dass es diese Liste überhaupt gibt, ist der Verdienst des Kölner Verlegers Thomas Seng, ehemals Chef des Esslinger Verlages. Er hat mit der jetzt erschienen Monografie „In der Nische“ nicht nur eine Bestandsaufnahme des Verlags im Leonberger Stadtteil Warmbronn geschaffen, sondern auch den Briefwechsel zwischen Keicher und dem Stuttgarter Großschriftsteller Hermann Lenz herausgegeben.

Lebenslange Freundschaft

Die lebenslange Freundschaft der beiden Männer begann am 25. April 1974. Ein Jahr zuvor erst hatte Keicher sein Antiquariat gegründet, aus dem der spätere Verlag hervorgehen sollte. Lenz bestellte bei Keicher den Briefwechsel von Fontane, sowie einen Gedichtband des letzten schwäbischen Dichterpfarrers Albrecht Goes. Keicher nutzte die Zuschrift des berühmten Literaten, um bei ihm nachzufragen, ob Hermann Lenz nicht in Leonberg eine Lesung halten wolle. Hermann Lenz war damals auf seinem literarischen Höhepunkt. Er hatte gerade durch die Vermittlung von Peter Handke seinen Durchbruch geschafft mit seinen großen Romanzyklen, in denen er die Gesellschaft des Nachkriegsdeutschlands analysierte.

Der Most sott und rumpelte im Fass

Es entspann sich ein Briefwechsel, in dem beide feinen Humor zeigten. „Ich bin nicht besonders klug, aber dafür alt“, schrieb Lenz. Gerne erinnerte sich der große Stuttgarter an seinen ersten Besuch in Warmbronn. „Und bei Ihnen“, schreibt er, „in Ihrem hoch bewundernswerten Domizil, war’s, als kehrte ich in einem Haus ein, das ich mir ausgedacht habe. Bei Ihnen stimmt alles zusammen, ich höre immer noch den Most in Ihrem Fass sieden und rumpeln, wie hat er mir zu den Laugenbrezeln geschmeckt, während uns die Geranien zugeschaut haben.“

Die „Rote Reihe“ entsteht

Den Verleger und den Literaten vereint auch die Liebe zu Mörike. „Keiner, so weit ich es sehe, erspürte den Dämon Mörikes, dieses unterschwellig doppelbödige, alles wohl ganz sanft und sacht, auch lieb, und gerade deshalb so angreifend, einem Fleisch aufschneidend“, charakterisiert Lenz sein Vorbild. Den Literaten und den Verleger Keicher vereint die Abneigung gegen den damals einflussreichen Literaturkritiker Jürgen P. Wallmann, und beide machten gemeinsame Sache, wenn sie die Honorare der Leonberger Kreiszeitung für Keicher verteilten.

Das ging so bis ins Jahr 1983, als das Leben von Ulrich Keicher eine Zäsur erlebte. Er zog in das Schloss Scheer bei Sigmaringen und begann, seinen Verlag zu gründen. Hermann Lenz war über den Aufenthalt in Scheer begeistert: „Hier weilte Mörike für ein Jahr nichtstuend: Er hat damals ein Jahr lang Ferien gemacht, um Schriftsteller zu werden, aber zum Glück drauf verzichtet – und blieb lieber schreibender Pfarrer“, schrieb er seinem Freund.

Keicher begann in Scheer, sich ganz der Literatur zu widmen. Hier begann auch jene Reihe von Heften, die ihn zu einem der berühmtesten Kleinverleger Deutschlands machen sollte, die „Rote Reihe“, zu der Hermann Lenz den Band neun beisteuerte.

Der Verlag zog 1985 nach Warmbronn, um, und Keicher setzte die „Rote Reihe“ fort. Die Freundschaft zu Hermann Lenz dauerte ein Leben lang und endete mit dem Tod des Schriftstellers im Jahr 1998.

Keichers lebenslanges publizistisches Engagement brachte ihm 2021 den Kurt-Wolff-Preis ein. Das Buch „In der Nische“, ist eine Bestandsaufnahme des Verlages. Der erstmals veröffentliche Briefwechsel zwischen Hermann Lenz und Ulrich Keicher ist mit kenntnisreichen Anmerkungen versehen, das Oeuvre des Verlages ist vollständig abgebildet. Etliche Größen der Kleinverlage haben Vorworte beigesteuert.

Thomas Seng: In der Nische. 40 Jahre Verlag Ulrich Keicher 1983 – 2023. Verlag Gramer & Seng. Nürnberg/Köln 2023, 164 Seiten, 25 Euro.