Junge Männer fahren deutlich riskanter als Frauen. Aber was kann man dagegen tun? Ein Besuch an einer Stuttgarter Fahrschule.
Ümit Yalcin weiß, wie er die Männer-Mehrheit im voll besetzten Schulungsraum seiner Fahrschule am Ostendplatz packen kann. Neun Männer und sechs Frauen sitzen hier am Abend zusammen. In Lektion acht der Theorieausbildung zum Führerschein beschäftigen sie sich heute mit Geschwindigkeit und Bremsweg.
Zur Einstimmung sorgt der Fahrlehrer für einen Schock-Moment. Er zeigt einen Videoclip, in dem ein Auto von einem Kran auf vierzig Meter Höhe gehievt wird. Zwei hypernervös erscheinende Moderatoren sind auf den Sitzen festgeschnallt.
Schock-Video im Theorieunterricht
Dann löst sich das Seil vom Haken und das Fahrzeug rast im freien Fall auf den Boden. „40 Meter – das entspricht einer Aufprallgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern“, sagt Yalcin. Das Auto ist komplett platt. Und die Moderatoren? Die sind ausgestiegen, bevor das Auto nach einem Bildschnitt wieder hochgezogen wurde.
Auf einer Tafel hatten zuvor die Fahrschüler die höchste Geschwindigkeit notiert, die sie je selber in einem Auto erlebt haben. 240, 250, 280 oder sogar 300 stehen dort.
„Die denken zu oft, sie sind ein ganz Cooler“
Und dann stellt Yalcin die entscheidende Frage: „Ihr Lieben, woran liegt es, dass wir so schnell fahren?“ Ungeduld, sagt ein junger Mann. Stress, meint ein anderer. Doch dann ergreift eine junge Frau das Wort: „Das machen die Männer, weil sie glauben, sie können alles besser.“ Eine andere meldet sich: „Die denken zu oft, sie sind ein ganz Cooler.“ Jetzt ist Yalcin dort, wo er die Diskussion haben möchte.
„Seid ihr da schon einmal bei jemand dringesessen?“, fragt er an die Frauen gerichtet. Fast alle nicken. „Also, ich finde das nicht toll, wenn man daneben sitzt“, sagt eine von ihnen: „Die wollen einen immer beeindrucken.“ Der Fahrlehrer trommelt komödiantisch auf seinen Brustkorb. „Der Gorilla-Effekt. Da fragt man sich manchmal, was will der Affe eigentlich zeigen?“ Und an die Männer in der Runde gerichtet sagt er: „Ihr versteht die Frauen nicht, ihr Männer.“ Im Raum ist es still.
Eindeutige Statistik aus Baden-Württemberg
Vor kurzem hat eine Auswertung des baden-württembergischen Innenministeriums krasse Unterschiede zwischen Männern und Frauen am Steuer zu Tage gefördert: Im Vergleich zu Frauen mehr als sechsmal so viele Unfälle unter Alkoholeinfluss bei Männern unter 24, elfmal so viel unter Drogen. Männer unter 45 verursachen viermal so oft Unfälle, weil sie zu schnell fahren. Über alle Altersgruppen und Unfallursachen sind Männer doppelt bis dreimal so oft an Unfällen schuld.
Die Reflektion über das eigene Fahrverhalten ist in der Fahrschule schon lange Pflicht. Doch dieser tiefe Graben zwischen den Geschlechtern wird nur dann zum Thema, wenn Fahrlehrer und Fahrlehrerinnen das offensiv ansprechen.
Hilft eine neue Social-Media-Kampagne?
Das Landesverkehrsministerium in Baden-Württemberg plant aktuell eine speziell auf jüngere Männer zugeschnittene Medienkampagne. „Ein Ansatzpunkt ist es, sie über sogenannte Peers, also Gleichgesinnte, zu erreichen, also durch eine Ansprache von anderen, denen sich die Zielgruppe verbunden fühlt“, sagt ein Sprecher.
Solche „Peers“, allerdings nicht nur auf Männer ausgerichtet, kommen aktuell schon beim Thema Alkohol- und Drogen etwa in Esslingen, Göppingen und Reutlingen an die Fahrschulen.
Fahrlehrerverband gegen Herauspicken von Männern
Aber Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg, ist skeptisch bei der Idee, sich auf Männer zu fokussieren. Er nennt die jüngsten Zahlen zu deren höherem Unfallrisiko „einen uralten Hut“. Der Grat zur Diskriminierung sei schmal: „Sie können nicht eine Hälfte im Fahrschulunterricht anders behandeln als die andere.“
So blieben freiwillige Angebote, etwa Fahrsicherheitstrainings, wo gerade für Männer es durchaus reizvoll sei, die Grenzen ihres Autos kennenzulernen. „Aber da kommen halt eher diejenigen, die es nicht so nötig haben“, sagt Klima. Er setzt auf die psychologische Schulung der Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer.
Helfen coole Simulatoren?
Burkhard Metzger, Präsident der Landesverkehrswacht Baden-Württemberg, räumt ein, dass Männer bisher nicht gezielt adressiert werden. „Ich könnte mir vorstellen, das intensiver anzusprechen“, sagt er: „In Frankreich läuft zum Beispiel gerade eine Verkehrssicherheitskampagne sogar unter dem Motto ,fahre wie eine Frau’.“ Die Verkehrswacht selber geht regelmäßig an Schulen und stellt da etwa Fahrsimulatoren auf. „Die werden vor allem von den jungen Männern umlagert“, sagt er. Allerdings stünden Simulatoren nur begrenzt zur Verfügung.
Aktuell setzt die tiefere psychologische Reflektion über Männerbilder im Verkehr erst dann ein, wenn etwas passiert ist und eine Führerschein-Nachschulung fällig ist. Und die ist dann wegen der Unfallstatistik folgerichtig weitgehend Männersache.
Der Fahrlehrer setzt auf die Frauen
Ümit Yalcin blickt nach der Lektion zufrieden auf das Ergebnis seiner unverblümten, bewusst provokativen Ansprache. Vor der Meinung junger Frauen hätten Männer durchaus Respekt. Es gebe aber auch Momente, wo einer im Kurs bewusst contra gebe. „Der Einfluss der Fahrschule ist sowieso nicht von Dauer,“ sagt er. Viel wichtiger seien die Vorbilder in den Familien. Wenn der Vater ein Raser sei, werde es der Sohn oft auch.
Ab und zu scheint das aber auch abzuschrecken. Ein junger Mann, der 280 als selber erlebtes Tempo an die Tafel geschrieben hat, war dabei auf der Autobahn mit seinem Vater. Auf die Frage, ob ihn selber eine solche Geschwindigkeit reize, schüttelt er energisch den Kopf.