Rekordzahl an Verstößen: Die Polizei nimmt auf den Straßen verstärkt Handy-Sünder ins Visier Foto: dpa

Alle schauen nur noch auf ihr Handy. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann spricht im Interview darüber, welche Folgen das für den Straßenverkehr hat und wie er selbst es mit dem Handy hält.

Stuttgart - Die Zahl der Handyverstöße am Steuer ist so hoch wie nie. Verkehrsminister Winfried Hermann spricht im Interview mit unserer Zeitung darüber, welche Folgen das für den Sraßenverkehr hat.

Herr Hermann, viele Menschen können auch im Verkehr nicht vom Handy lassen. Wie erleben Sie persönlich das Problem?
Das kann jeder täglich erleben. Wenn man zum Beispiel als Fußgänger an einer Kreuzung steht und in die vorbeifahrenden Autos schaut, dann sieht man ja, wie viele Fahrer da nebenbei an ihrem Handy rummachen. Das ist abartig.
Aber die Fußgänger und Radfahrer sind auch nicht viel besser.
Ja – und auch das ärgert mich sehr. Ich sehe viele Leute, die mit dem Handy be-schäftigt sind oder sogar noch Kopfhörer aufhaben. Die kriegen den Verkehr nur noch am Rande mit. Das ist einfach gefährlich.
Als Verkehrsminister muss Sie das Phänomen besonders stören. Sie streben einen Straßenverkehr ohne Unfalltote an, aber das Handy macht Ihnen einen Strich durch die Rechnung.
Absolut. Der Hauptgrund, warum wir weniger Tote und Schwerverletzte haben, ist eher technisch bedingt, also weil wir bessere und sicherere Autos haben. Aber die Zahlen sinken nicht so, wie wir uns das wünschen, und das liegt wahrscheinlich an der Ablenkung unter anderem durch Handynutzung.
Lässt sich das belegen?
Die Handy-Nutzung als Unfallursache wird nicht extra erfasst. Aber der Anteil der „sonstigen Unfallursachen“, unter die auch die Handy-Nutzung fällt, ist in den vergangenen fünf Jahren drastisch angestiegen – von 25, 9 auf 32,8 Prozent. Das ist wahrscheinlich auf Handyablenkung zurückzuführen.
Laut Experten ist mindestens jeder zehnte Verkehrstote inzwischen auf das Phänomen zurück zu führen. Das wären für das Jahr 2016 bundesweit 321 Tote. Können Sie das aus baden-württembergischer Sicht so bestätigen?
Ja. Unser Innenministerium hat für 2016 alle tödlichen Verkehrsunfälle einzeln ausgewertet. Bei 12,4 Prozent (47 von 380 tödlichen Verkehrsunfällen) war Ablenkung die Unfallursache, in den allermeisten Fällen durch das Handy. Das Handy ist gerade bei schweren, tödlichen Unfällen mittlerweile eine der häufigsten Unfallursachen. Die Handynutzung im Verkehr muss deshalb ähnlich geächtet werden wie Alkohol am Steuer. Deswegen auch unsere Landeskampagne „Hände weg vom Handy!“.
Bringt so eine Kampagne etwas?
Diejenigen, die wir damit erreichen, sind schon beeindruckt. Die meisten glauben ja, sie könnten nebenher gefahrlos mit dem Handy rummachen. Aber das stimmt halt nicht, das ist eine große Illusion. Wenn Sie bei Tempo 50 Ihr Handy auch nur zwei Sekunden benutzen, fahren Sie für knapp 30 Meter im Blindflug. Wenn da ein Kind auf die Straße läuft, reagiert man nicht einmal.
Nur wenn Menschen bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet werden, darf die Polizei prüfen, ob es eine Ablenkung durch Handynutzung gab. Müsste die Polizei nicht auch bei leichteren Unfällen Zugriff auf die Handys bekommen? Das würde abschrecken.
Das ist aus Gründen des Datenschutzes nicht so einfach möglich. Aber die Polizei kontrolliert ja verstärkt. Allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden 62 395 Verstöße gegen das Handy-Verbot am Steuer registriert. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 48 654 Verstöße.
Seit Oktober gelten höhere Strafen: Wer mit dem Handy am Steuer erwischt wird, muss 100 Euro zahlen und bekommt mindestens einen Punkt in Flensburg. Bringt das etwas?
Das wird man sehen. Ehrlich gesagt wundere ich mich darüber, wie viele immer noch das Handy am Steuer benutzen. Es hat sich wohl noch nicht genügend herumgesprochen, wie teuer das werden kann. Handy am Steuer beinhaltet ein hohes Straf- und Lebensrisiko.
In Honolulu, Hauptstadt des US-Bundesstaates Hawaii, werden seit kurzem auch Fußgänger mit einem Bußgeld belegt, wenn sie auf ihr Handy starrend die Straße überqueren. Wäre so ein Gesetz nicht auch was für Deutschland?
Wir haben bereits den wunderbaren Paragraphen 1 der Straßenverkehrsordnung. Demzufolge haben sich alle Verkehrsteilnehmer vorsichtig und rücksichtsvoll zu verhalten. Das gilt auch für Fußgänger. Verstöße gegen dieses Grundprinzip können schon jetzt mit bis zu 35 Euro Bußgeld geahndet werden.
Aber es wird nicht gemacht.
Ja, aber wir wollen ja auch keinen Polizeistaat. Um das in den Griff zu kriegen, müsste man verdammt viel Polizei einsetzen. Ich setze da lieber auf Aufklärung.
Und auf Vorbilder. Wie halten Sie es selbst mit dem Handy?
Ich weiß, wie verführerisch das Handy ist. Aber ich lege es in bestimmten Situationen konsequent weg – das gilt nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch in Sitzungen. Ich bin da nicht pausenlos am Handy wie andere, ich finde das unanständig gegenüber den anderen Teilnehmern. Das ständige Herummachen am Handy ist insgesamt eine gesellschaftliche Untugend geworden.
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