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Verkehrsminister Hermann (Grüne) will öffentliche Debatte nach Vorbild der Schlichtung.

Stuttgart - Was leistet Stuttgart21? Das soll der Stresstest klären. Um mehr Transparenz herzustellen, will die Landesregierung das komplizierte Testverfahren bei einer öffentlichen Veranstaltung diskutieren. Auch Regierungschef Kretschmann will den Bürgern Rede und Antwort stehen.

"Wir wollen größtmögliche Transparenz ins Verfahren bringen. Deshalb planen wir eine öffentliche Veranstaltung, in der das Vorgehen beim Stresstest erläutert wird", kündigte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Dienstag an. Vorbild der halbtägigen Veranstaltung könnte die Stuttgart-21-Schlichtung sein.

Von seiner am Montag in einem Zeitungsinterview zitierten Forderung, einen "zweiten, kundenorientierten Baden-Württemberg-Fahrplan" aus einem Ministerium "gleichberechtigt" zu testen, rückte Hermann wieder ab. Die Journalisten im Interview hätten ihn an der Stelle wohl missverstanden, meinte der Minister.

Bahnverkehr müsse hohen Nutzen für Bürger haben

Zunächst werde man sich über den von der Deutschen Bahn im Stresstest verwendeten Fahrplan für das Jahr 2020 kundig machen, sagte Hermann. Es gehe nicht nur darum, dass der Stuttgart-21-Tiefbahnhof in der frühen Spitzenstunde 30 Prozent mehr Züge abfertigen können müsse als der alte Hauptbahnhof - der Bahnverkehr in der Zukunft müsse auch einen "hohen Nutzen für den Bürger" haben. Immerhin seien 80 Prozent aller Züge, die im Stuttgarter Bahnhof verkehren, vom Land bestellte und bezahlte Regionalzüge, so Hermann.

Der Minister will das Thema Stresstest in der Sitzung des S-21-Lenkungskreises am Montag an den Tisch bringen. Die Zweifel am Stresstest sind vor allem bei den Grünen seit der Regierungsübernahme gewachsen. Nach Informationen unserer Zeitung hatte die Bahn der vorherigen CDU-FDP-Landesregierung bis März drei Fahrpläne vorgelegt, die sich Stück für Stück von dem in der Schlichtung präsentierten Fahrplan entfernten. Die aktuelle Fahrplankonzeption, mit der die Bahn ihre Computersimulation im Stresstest laufen lässt, soll dem Vernehmen nach Takte und Linien im Fahrplan teilweise aufgeben. Auf manchen Linien fahren von Stuttgart aus kurz hintereinander mehrere Züge zum selben Zielort ab; danach kommt eine lange Lücke ohne Zugangebot. Nur so lasse sich das Ziel von 49 Zügen im S-21-Tiefbahnhof in der Spitzenstunde erfüllen, warnen Kenner der Materie.

Hermann wird auch mit Befürwortern reden

Mit Blick auf den Koalitionspartner SPD sagte Hermann, die Regierung wolle trotz der unterschiedlichen Positionen zu Stuttgart21 - die Sozialdemokraten sind für das Projekt - im Lenkungskreis "mit einer Stimme" sprechen. Er sei auch "nicht die Speerspitze der Bewegung" gegen das Projekt, schränkte Hermann ein. So werde er demnächst auch mit erklärten Befürwortern des Projekts reden.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bestätigte am Dienstag, dass er nicht am ersten Lenkungskreis teilnehmen wird. Kretschmann wird aber zwei Tage später, am 1.Juni, in die Offensive gehen. Um 18 Uhr tritt er in Stuttgart bei der von SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker initiierten "Volksversammlung auf dem Marktplatz" auf, um Rede und Antwort zu stehen zum aktuellen Stand bei Stuttgart21. Die Bürger könnten ihrerseits Fragen, Ideen oder Einwände präsentieren, so Stocker.

"Ich werde viel Zeit in die Bürgergespräche investieren", kündigte Kretschmann am Dienstag an. Er wolle auch als Ministerpräsident mit den Menschen einen normalen Umgang pflegen. "Das ist vielleicht der neue Sound der grün-roten Geschichte", sagte Kretschmann launig. Auf gut Deutsch: der neue Tonfall der Landesregierung.

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