Wer am liebsten gar keine Autogeräusche mehr hören will, dem helfen Kopfhörer. Foto: dpa/Martin Gerten

Autofahrer müssen auf den Hauptverkehrsachsen in Filderstadt bald den Tacho im Auge behalten, für den Lärmschutz soll das Tempo reduziert werden. Die Maßnahme überzeugt nicht jeden, doch eines wünschen sich alle: mehr Ruhe. Bloß wie?

Filderstadt - In Filderstadt müssen sich Autofahrer auf Veränderungen einstellen: Um Anwohner von Hauptverkehrsrouten besser vor dem Lärm zu schützen, wird das Tempo auf den Hauptstraßen in Filderstadt drastisch reduziert: von 50 auf 30. Das Land Baden-Württemberg unterstützt inzwischen Kommunen, die etwas gegen Straßenlärm tun. In Baden-Württemberg leiden statistisch gesehen etwa 250 000 Menschen darunter. Bislang galten bei den Straßenverkehrsbehörden Grenzwerte von 70 Dezibel am Tag und 60 in der Nacht. „Diese Werte sind nach der Lärmwirkungsforschung jedoch deutlich zu hoch“, steht in einer Pressemitteilung des Verkehrsministeriums von Baden-Württemberg von Anfang Oktober.

In Filderstadt soll die Temporeduzierung Linderung bringen. Bei den Lesern unserer Zeitung ist diese Neuerung auf großes Interesse gestoßen. In etlichen Zuschriften haben sie interessante Fragen aufgeworfen. Die sind völlig unterschiedlich, und doch haben sie eines gemeinsam: Man glaubt nicht daran, dass die Maßnahmen der Stadt fruchten. Wir haben Antworten auf die Fragen gesucht.

Wie will die Stadt das Tempolimit kontrollieren?

Die Tempolimits sollen von nächstem Frühjahr an eingeführt werden. Die Stadt gibt den Autofahrern zwei Wochen bis einen Monat Eingewöhnungszeit, dann wird kontrolliert, sagt Jan-Stefan Blessing, der Leiter des Filderstädter Ordnungsamts. Es soll dann verstärkt mit den beiden Blitzerfahrzeugen gemessen werden, zudem will die Stadt mit Tempotafeln statistisch erfassen, wie viele die neue Geschwindigkeitsbegrenzung ignorieren. Je nachdem würden die Kontrollen notfalls verschärft.

Was wird gegen getunte Autos getan?

Gleich mehrere Leser berichten von einem Trend zu getunten Autos, die dann die Hauptstraßen entlangdonnern, sie sind vom Lärmpegel her etwa so laut wie ein Presslufthammer. Es sei nicht nachvollziehbar, warum der Gesetzgeber diesem Lärm auf Knopfdruck keinen Riegel vorschiebe. Zumal dies in anderen Städten versucht werde. Beispiel Mannheim. Dort hatte sich die Polizei hilfesuchend ans Kraftfahrtbundesamt gewandt. Seit rund drei Jahren fährt sie nun einen harten Kurs. 2016 wurde sogar eine Ermittlungsgruppe „Poser“ gegründet. Lärmende PS-Protze waren im April zudem Thema bei der Verkehrsministerkonferenz. Es wurde beschlossen, den Bußgeldkatalog für Autoposer deutlich zu verschärfen.

Filderstadt verweist in dieser Sache auf den Bund. Im Rahmen des Lärmaktionsplan sei hierzu nichts in Arbeit, sagt Jan-Stefan Blessing. Beschwerden häuften sich wegen einer Straße, nämlich der Karlstraße/Echterdinger Straße in Bernhausen. Deshalb sei die Stadt mit der Polizei im Gespräch.

Würde Flüsterasphalt helfen?

Am Flüsterasphalt, also einem Straßenbelag, der Geräusche dimmt, wird seit gut 30 Jahren getüftelt. Seit 2007 ist er standardmäßig im Angebot. Es handelt sich um einen grobporigen Belag, der einen Teil des Lärms wie ein Schwamm aufsaugt. Allerdings ist der Lärmschlucker doppelt so teuer wie normaler Asphalt, deshalb wird er nur recht selten verbaut. Er gilt aber als wirksam: Er reduziert den Krach um mindestens fünf Dezibel. Weiterer Nachteil neben dem hohen Preis übrigens: Flüsterasphalt ist nicht sehr langlebig. Inzwischen gibt es deshalb Versuche mit Flüsterbeton. Doch es dürfte noch eine Weile dauern, bis das serienreif ist.

Beton werde in der Stadt eh nicht verbaut, erklärt der Leiter des Filderstädter Ordnungsamts. Doch die Stadt plane, sogenannten „lärmmindernden Asphalt“ auszubringen. Und zwar immer dann, wenn sowieso an der Straße geschafft werde. Die Bahnhofstraße in Bernhausen sei schon dran gewesen. Nächstes Jahr dann die Grötzinger Straße in Harthausen. Der Asphalt ist kein klassischer Flüsterasphalt, seine Wirkung ist etwas geringer. Klar sei, dass selbst mit den Tempolimits und dem speziellen Asphalt „Restbetroffenheiten“ übrig bleiben werden, wie Jan-Stefan Blessing es nennt. Heißt, es wird nach wie vor Knotenpunkte geben, an denen es zu laut ist.

E-Autos sind leiser, dürfen sie dann auch schneller fahren?

Diese Frage würde nicht nur einer unserer Leser aus Filderstadt, der ein E-Auto fährt, gerne bejahen. In Freiburg hat der ehemalige Uni-Direktor gefordert, mit seinem E-Smart 50 Kilometer die Stunde fahren zu dürfen, wo für Verbrenner nur 30 erlaubt sei. Die Behörden tun sich allerdings schwer mit Ausnahmen, auch wenn diese grundsätzlich möglich sind, wie das Bundesverkehrsministerium kürzlich auf Nachfrage eines Abgeordneten wissen ließ. In Österreich sind sie schon einen Schritt weiter. Dort gilt seit Juli 2019, dass E-Fahrzeuge teils auf Autobahnen und Schnellstraßen 130 Kilometer die Stunde fahren dürfen, während für normale Autos wegen der Luftreinhaltung ein Limit von 100 gilt.

In Filderstadt werden den Fahrern von E-Autos erst einmal keine Sonderrechte eingeräumt. Bisher gebe es kaum E-Fahrzeuge in der Stadt, sagt Ordnungsamtsleiter Jan-Stefan Blessing. Zudem findet er es „schwierig“, wenn Fahrzeuge auf derselben Strecke unterschiedlich schnell unterwegs sein dürften.

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