Im Stuttgarter Westen kam es zuletzt zu zwei Unfällen mit Stadtbahnen. (Archivbild) Foto: STZN

Innerhalb kurzer Zeit ereignen sich im Westen zwei Unfälle mit fast gleichem Ablauf. Es scheint, als häuften sich die Stadtbahnunfälle in Stuttgart. Wie ordnet das die Polizei ein?

Eine Reihe von Stadtbahnunfällen in der jüngsten Vergangenheit legt den Verdacht nahe, dass die Bahnen für den Verkehr in der Stadt eine besondere Gefahr darstellen könnten. Doch ein genauer Blick zeigt, dass die Zusammenstöße zwar an Stellen passierten, an denen es immer wieder zu ähnlichen Unfällen kommt. Die Ursachen sind aber in nahezu allen Fällen Regelverstöße der anderen Verkehrsbeteiligten – meist Autofahrer und -fahrerinnen. Das unerlaubte Wenden und Abbiegen über die Gleise steht auf dem vordersten Platz der Unfallursachen. So offenbar auch wieder am vergangenen Wochenende.

 

Die Polizei hat trotz der aktuellen Häufung, die auf manche fast schon wie eine Serie wirkt, eine gute Nachricht. Auch wenn es derzeit anders scheinen mag: Es passieren nicht mehr Stadtbahnunfälle denn je. Genaue Zahlen legt die Polizei erst im kommenden Frühjahr mit der Statistik vor. Doch sie verrät eine Tendenz: „Das Unfallaufkommen mit Stadtbahnen ist klar rückläufig“, sagt der Polizeisprecher Stephan Widmann. Mehr als im vergangenen Jahr wäre auch eine extrem schlechte Nachricht gewesen, denn 2024 waren es 107 Unfälle mit Stadtbahnen und damit 41 Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings waren es auch im Jahr 2023 mit 76 Unfällen auffallend wenig – sogar drei weniger als im unfallärmsten Jahr der Statistik, dem Pandemiejahr 2020.

Häufig sind verbotene Fahrmanöver die Unfallursache in Stuttgart

So war es vermutlich auch wieder bei einem schweren Unfall mit fünf Verletzten am Wochenende im Stuttgarter Westen. Die Polizei sucht zwar noch Zeuginnen und Zeugen, doch sie geht nach einer ersten Einschätzung davon aus, dass der 57-Jährige am Steuer des Unfallwagens verbotswidrig über die Gleise nach links abbiegen wollte. Ein Richtungspfeil auf der Fahrbahn, ein blaues Schild mit Richtungspfeil und ein Pfeil auf der Ampel zeigen dem stadtauswärts fahrenden Verkehr, dass ein U-Turn und das Abbiegen hier verboten sind.

Ein Unfall nach quasi gleichem Muster ist dort keine vier Wochen her: Mitte Oktober fuhr ebenfalls ein Autofahrer in die Spur der Stadtbahn, als er trotz Verbots links abbiegen wollte. Auch an der Schlossstraße, in Richtung Innenstadt, kam es Ende September zu einem vergleichbaren Unfall, damals an der Ecke Silberburgstraße: Wieder war es ein Autofahrer, der nach links abbiegen wollte, obwohl das an der Stelle nicht erlaubt ist, meldet die Polizei. Auch im Stuttgarter Osten kam es zu mehreren Unfällen in jüngster Zeit, ebenso in Bad Cannstatt. Die Häufung der Unfälle im Stuttgarter Westen an der Schlossstraße hat vor allem auch deswegen Betroffenheit verursacht, weil dort vor gut zwei Wochen ein 28-jähriger Mann beim Überqueren der Gleise ums Leben kam.

In Stuttgart-West fährt die Stadtbahn über besonders viele Kreuzungen

Am Eugensplatz landeten mehrere Autos im Gleisbett. Foto: STZN

Die Schlossstraße – weiter oben im Westen geht sie in die Bebelstraße über – ist eine Strecke, an der die Stadtbahn immer wieder mitten durch die Kreuzung fahren muss, quasi auf Straßenniveau. Das sind immer auch Kreuzungen, an denen es Beziehungen in alle vier Richtungen gibt, denn der Stuttgarter Westen wurde in der Gründerzeit quadratisch angelegt. Wenn die Autospuren grünes Ampellicht in Verbindung mit einem Richtungspfeil geradeaus und rechts haben, kann es zu der Situation kommen, dass die Bahn in die gleiche Richtung fährt. Denn dann zeigen die Fußgängerampeln Rot.

Laut Polizei gehen rund 75 Prozent der Unfälle auf das Konto anderer Fahrzeugführer, nicht der Stadtbahnfahrerinnen und -fahrer. Immer wieder sind es Kreuzungen, Einmündungen und Kreisverkehre, die „nach wie vor ein erhöhtes Unfallrisiko bergen“. Die Polizei begegne dem mit Schwerpunktkontrollen. Immer wieder macht sie solche zum Beispiel an der Charlottenstraße im Bezirk Mitte.

Im Februar 2024 gab es einen besonders schweren Unfall in Stuttgart-Wangen

Das vergangene Jahr hat in der Verkehrsunfallstatistik einen Negativrekord im Zusammenhang mit Stadtbahnen gebracht: Es wurden dabei so viele Menschen wie nie zuvor in der Stadt bei Unfällen mit den Schienenfahrzeugen verletzt. Dabei war auch ein besonders schwerer Unfall aus dem Februar 2024: In Wangen wurden 15 Personen verletzt, zwei von ihnen schwer, als eine Stadtbahnführerin mit ihrem Zug auf eine andere Bahn auffuhr. Sie wurde vor kurzem zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt.

Insgesamt war die Zahl der Unfälle mit Stadtbahnen 2024 besonders hoch. Es geschahen 107, das waren fast 41 Prozent mehr als im Jahr davor. Zuletzt waren es 2017 (112) und 2018 (118) mehr. Allerdings ist nicht nur die Zahl der Unfälle erschreckend hoch, sondern auch die Zahl der Verletzten: Das waren 108 Personen, ein Mensch starb bei einem Stadtbahnunfall. Es war dies auch eine Ausnahme im Hinblick auf die Verursacherin: Laut der Polizei ist es extrem selten, dass Stadtbahnführerinnen oder -führer Unfälle verursachten. Meist sind es andere Verkehrsteilnehmer – wie Autofahrer, die unerlaubt abbiegen oder wenden und dabei nicht auf die in gleiche Richtung fahrenden Bahnen achten. Wenn Fußgänger involviert sind, sei oft Unachtsamkeit im Spiel – das kann auch die Ablenkung durch Kopfhörer sein. An oberirdischen Haltestellen geschahen im Jahr 2024 insgesamt 15 Unfälle mit Fußgängern (2023: elf).