Sind die Kosten für die geplante Umgehungsstraße möglicherweise doppelt so hoch wie bis jetzt angenommen? Das glauben die beiden Vertreter von ULA und Grünen im Gemeinderat.
Ob die geplante Ortsentlastungsstraße für Affalterbach kommt oder nicht, steht trotz jahrelanger Planungen immer noch in den Sternen. Aktuell setzen die Befürworter ihre Hoffnungen darauf, dass der Landkreis Ludwigsburg sich an den Kosten beteiligt und vor allem auch die Baulast und damit die späteren laufenden Kosten der Straße übernimmt. Doch der Landkreis Ludwigsburg ist in Finanznöten.
Die ursprünglichen Pläne der Verwaltung, die Straße auf eigene Kosten als Ortsstraße bauen zu lassen, mussten nach einem Veto des Verwaltungsgerichtshofs Mannheim und wegen des notwendigen Klima-Checks durch das Land fallengelassen werden.
Antrag auf erneute Kostenschätzung ist gescheitert
Ungeachtet all dieser Unwägbarkeiten haben Gegner der Umgehungsstraße am Freitagabend auch Zweifel an den offiziellen Kostenschätzungen für die Straße angemeldet. Rund 60 Menschen waren der Einladung in eine Gaststätte gefolgt. Als Grund für die Veranstaltung nannte Thomas Stier, Grünen-Gemeinderat in Affalterbach, dass der gemeinsame Antrag von ihm und Claudia Koch, Gemeinderätin der Unabhängigen Liste Affalterbach (ULA), eine „unabhängige aktuelle Kostenschätzung“ in Auftrag zu geben, in der September-Sitzung fast vom gesamten Gemeinderat vehement abgelehnt worden sei. Dessen Mitglieder hatten zuvor die Vergleichszahlen gefordert, auf die sich dieser Antrag gründe, doch da Stier in der Sitzung nicht anwesend war, reichte er sie erst auf der Oktober-Sitzung nach, als der Beschluss, den Antrag abzulehnen, bereits gefasst war. Dass die nachträgliche Begründung des Antrags im Mitteilungsblatt der Gemeinde nur mit einem Satz erwähnt wurde, während die Argumente der anderen Gemeinderäte aus der Septembersitzung ausführlich dargestellt wurden, hält der Grüne für unfair. „Wäre das anders gewesen, stünde ich heute nicht hier“, sagte er am Freitag.
Im Übrigen sagte er, er habe Respekt vor jedem, der diese Umgehungsstraße wolle, aber man brauche dazu Transparenz und keine schöngerechneten Zahlen. Er räumte aber auch ein, das, was er vorlege, sei keine Kostenschätzung, die auf der Entwurfsplanung basiere und in der Regel konkreter sei, sondern eine Kosteneinschätzung, deren Basis „Erfahrungs- und Vergleichswerte“ seien. Konzentriert habe er sich dabei auf Brücken- und Straßenbauarbeiten, für anderes habe er keine Vergleichswerte. Er maße sich auch nicht an, zu glauben, seine Schätzung sei besser als die aller anderen, aber Zweifel seien aus seiner Sicht berechtigt.
Gemeinde rechnet mit Kostensteigerung von 80 Prozent
Die Kostenschätzung, die die Gemeinde in Auftrag gegeben hat, stammt aus dem Jahr 2015. Wegen der gestiegenen Baukosten wurde ein Zuschlag von 80 Prozent gerechnet, sodass man nun von 23,6 Millionen Euro brutto statt der ursprünglichen 13 Millionen Euro brutto ausgeht.
Mit seiner Kosteneinschätzung, für die der studierte Geologe nach eigenen Angaben Erfahrungswerte von Bauunternehmern, Statikern und Planern ebenso herangezogen hat wie die Kosten unlängst ausgeführter Straßenbauprojekte, liegt er bei etwa 45 bis 50 Millionen Euro – was die Gemeinde sämtliche Rücklagen kosten würde. So stimmten beispielsweise die Kosten für Schutzplanken oder Grabenaushub nicht mit den aktuellen Preisen überein. Weitere Beispiele: Bei der Brücke über das Beckental, ursprünglich mit 1,45 Millionen veranschlagt, käme man mit der gerechneten Kostensteigerung auf 2,61 Millionen. Doch selbst das erscheine angesichts der im Jahr 2022 bezahlten gut 370 000 Euro für die deutlich kleinere und weniger aufwendige Brücke in Steinächle „doch sehr preiswert“, so Stier.
Für die Brücke übers Beckental rechne die Gemeinde nach dem Aufschlag von 80 Prozent mit einem Betrag von 2,6 Millionen, was bei der Länge und Breite einem Quadratmeterpreis von knapp 2200 Euro pro Quadratmeter entspricht. Das Regierungspräsidium Stuttgart habe bereits 2021/2022 mit 3275 Euro je Quadratmeter kalkuliert, eine Fahrradbrücke in Tübingen habe gar 12 140 Euro pro Quadratmeter gekostet. Was allerdings auch zeigt, dass Brücke nicht gleich Brücke ist, und Vergleiche nicht so einfach gezogen werden können.
Affalterbachs Bürgermeister Steffen Döttinger verweist darauf, dass das Landratsamt die Kosten von rund 24 Millionen Euro für plausibel halte. Das bestätigt eine Sprecherin, sagt auf Nachfrage allerdings, dass die Basis dafür die Kostenschätzung des beauftragten Ingenieurbüros aus dem Jahr 2015 gewesen sei, während die Aktualisierung auf den heutigen Stand durch den Fachbereich Straßen des Landratsamtes auf Grundlage des Baupreisindexes erfolgt sei.
Wie vergleichbar sind verschiedene Brücken?
Wie auch immer: Bei der Präsentation unter dem selbstbewussten Motto „Was die Ortsentlastungsstraße wirklich kostet“ trafen unter den Besuchern stark gegensätzliche Meinungen aufeinander. Während der im Bürgermeister-Wahlkampf unterlegene Frank Zeller sagte, wenn man gegen die Straße sei, werde man wie ein Aussätziger behandelt, merkten andere Besucher an, dass das massive Verkehrsproblem in Affalterbach eine Lösung brauche. Und der ebenfalls anwesende CDU-Gemeinderat Boris Schwarz sagte, es sei ja noch überhaupt nicht entschieden, ob sich der Landkreis überhaupt an den Kosten beteilige, man solle deshalb erst einmal abwarten, bevor weitere Kosten verursacht würden. Eine erneute Kostenschätzung würde nach Stiers Angaben etwa 50 000 Euro und drei Monate Zeit kosten. Laut Döttinger laufen derzeit Vorgespräche mit dem Landkreis, der offizielle Antrag sei noch nicht gestellt worden.