Männer und Frauen müssen noch eine Weile auf die Pille für den Mann warten. Foto: stock.adobe.com/detailblick-foto

Der Bayreuther Biochemiker Clemens Steegborn konnte kürzlich zusammen mit US-Kollegen ermutigende Fortschritte bei der Suche nach einem Verhütungsmittel für Männer vermelden. Bis zur Marktreife dürften aber noch ein paar Jahre vergehen.

Wenn Männer die Verhütung nicht allein ihren Partnerinnen überlassen wollen, haben sie bis jetzt nur die Wahl zwischen Kondomen und einer Sterilisation. Das könnte sich bald ändern, sagt der Biochemiker Clemens Steegborn.

 

Herr Steegborn, Sie arbeiten mit anderen Forschern an einer Pille für den Mann. Wann könnte sie verfügbar sein?

Wenn alles optimal läuft, in frühestens acht Jahren. Eine Schwierigkeit ist dabei, dass die Zulassungsbehörden mit solchen Präparaten noch keine Erfahrung haben. Bei einem Blutdrucksenker wissen die Behörden genau, welche Daten sie brauchen, und die Hersteller wissen, welche Informationen sie liefern müssen. Bei einem Verhütungsmittel für Männer muss das erst noch geklärt werden.

Wie funktioniert der Wirkstoff TDI-11861, mit dem Sie arbeiten?

Es handelt sich um einen nicht-hormonellen Wirkstoff, der für eine gewisse Zeit ein Enzym blockiert: die lösliche Adenylylcyclase (sAC), die den Botenstoff cAMP herstellt. Dieser Botenstoff ist unentbehrlich für die Signalübertragung in den Zellen von Säugetieren. Es spielt auch eine zentrale Rolle für die Beweglichkeit und Reifung der Spermien und damit für deren Fähigkeit, eine Eizelle zu befruchten. In Versuchen mit Mäusen lag die empfängnisverhütende Wirkung zweieinhalb Stunden lang bei 100 Prozent. Bei Menschen streben wir eine Wirkungsdauer von 12 bis 24 Stunden an.

Der Botenstoff cAMP ist aber auch an anderen Vorgängen im Körper beteiligt.

Genau. Dieser Botenstoff kommt fast in jeder Zellart vor. Er wird jedoch von zehn unterschiedlichen Enzymen für verschiedene Vorgänge synthetisiert, und wir unterdrücken nur eines dieser Enzyme. Das spricht für geringe Nebenwirkungen, was sich bislang auch im Tiermodell bestätigt hat. Verhütungsmittel, die auf Hormonen basieren, wirken sich in der Regel deutlich stärker auf andere Prozesse im Körper aus, so dass man hier mit stärkeren Nebenwirkungen rechnen muss. Ein Vorteil ist sicher auch, dass unser Präparat nur für eine relativ kurze Zeit wirkt. Auch das verringert das Risiko unerwünschter Begleiteffekte.

Andere arbeiten an Präparaten, die wie die Pille für die Frau täglich genommen werden und durchgehend die Fruchtbarkeit hemmen. Dann müssten Männer in dieser Zeit gar nicht so viel über Verhütung nachdenken. Wäre das nicht besser?

Es kommt ganz darauf an, was man erreichen will. Je nach Bedürfnis könnte es künftig sowohl kurzzeitig als auch länger wirkende Präparate geben oder solche, die man über einen längeren Zeitraum anwenden muss. Es dürfte vielen aber sympathischer sein, einen Stoff, der eigentlich nicht in den Körper gehört, nur dann zu nehmen, wenn es nötig ist.

Das Interesse großer Pharmahersteller an der Pille für den Mann hielt sich bislang in Grenzen – warum?

Lange herrschte die Auffassung, dass Frauen Männern bei der Verhütung nicht über den Weg trauen, dass sie daran zweifeln, ob ihre Partner die Pille auch wirklich nehmen. Aktuelle Studien deuten aber darauf hin, dass eine Pille für den Mann nicht nur von den Männern selbst, sondern auch von ihren Partnerinnen gut angenommen würde. Man könnte damit vermutlich auch Menschen erreichen, die bislang gar nicht oder mit wenig wirksamen Mitteln verhüten. Viele Männer und Frauen warten auf so ein Präparat. Ich denke, dass das in den Unternehmen bald zu einem Umdenken führen wird.

Wie werden solche Präparate künftig angewendet werden?

In vielen unserer Versuche mit Mäusen wurde der Wirkstoff injiziert. Aber eine Spritze kommt für die Anwendung bei Menschen nicht in Frage, da ist die Hemmschwelle hoch. Die beste Lösung ist eine Pille. Mit unserer Publikation haben wir gezeigt, dass das mit unserem Wirkstoff funktioniert. Eine andere mögliche Anwendungsform wäre eine Creme, die man auf die Haut aufträgt. Ein Präparat, dass am Ende doch wieder die Frauen anwenden müssten, wäre nicht so interessant. Das gibt es ja bereits.

Inwieweit lassen sich Beobachtungen an Mäusen auf den Menschen übertragen?

Man muss zunächst bei einer zweiten Tierart schauen, ob es da genauso gut funktioniert. Wir haben uns für Kaninchen entschieden. Das ist für diese Anwendung ein nahe liegendes Tiermodell, weil die Anatomie der weiblichen Reproduktionsorgane von Kaninchen der des Menschen relativ ähnlich ist. Und bevor man schließlich Studien an Menschen macht, arbeitet man typischerweise mit Primaten. Was wir aber jetzt schon sagen können, ist, dass die Substanz im Reagenzglas auch bei menschlichen Spermien wirkt.

Auch andere Forscher arbeiten an Wirkstoffen für die männliche Verhütung. Welche Ansätze verfolgen die?

Ein amerikanisches Team setzt zum Beispiel auf einen nicht-hormonellen Stoff namens VU0546110, der den Transport von Kaliumionen in den Zellmembranen der Spermien verhindert. Er schaltet dazu einen Ionenkanal namens SLO3 aus, den es in dieser Form nur in Spermien gibt. Dadurch wird verhindert, dass diese Spermien eine Eizelle befruchten. Ähnlich wie unser Kandidat wirkt auch dieses Molekül nur vorübergehend. Eine andere Substanz namens YCT529 zielt auf einen Hormonrezeptor, deshalb bin ich da etwas skeptischer bezüglich der Nebenwirkungen. Der Stoff unterdrückt von vorneherein die Produktion einsatzfähiger Spermien. Dieser Prozess dauert eine Weile, so dass die empfängnisverhütende Wirkung erst nach ein paar Wochen eintritt.

Experte für Moleküle

Karriere
 Clemens Steegborn (Jahrgang 1971) ist seit 2010 Professor für Biochemie an der Universität Bayreuth. Zuvor forschte der gebürtige Karlsruher am Cornell Medical College im US-Bundesstaat New York und an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Mitgründer des amerikanischen Start-up-Unternehmen Sacyl Pharmaceuticals.

Themen
 Zu Steegborns Forschungsschwerpunkten gehören molekulare Signalmechanismen, die bei Alterungsprozessen und der Entstehung von Krankheiten eine wichtige Rolle spielen. Zusammen mit Kollegen aus den USA forscht er auch an einer Pille für den Mann. Kürzlich hat die Gruppe im Fachblatt „Nature Communications“ dazu eine vielbeachtete Studie veröffentlicht.